"Gottesdienst muss guttun"

1977 wurde die Gottesdiensthilfe "Liturgie konkret" entwickelt. Der Herausgeber und Theologe Guido Fuchs spricht über das Geheimnis einer guten Liturgie - und warum sie dennoch nicht alle Menschen erreicht.

Interview | Würzburg - 16.10.2012

Das Zweite Vatikanische Konzil hat vor 50 Jahren unter anderem eine Liturgiereform angestoßen, die in den darauffolgenden Jahren auch in Deutschland umgesetzt worden ist. Um Seelsorgern eine Hilfestellung zu geben, wurde 1977 die Gottesdiensthilfe "Liturgie konkret" entwickelt. Deren aktueller Herausgeber, der Würzburger Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs, betreut das Heft seit genau 25 Jahren. Im Interview erläutert er die Bedeutung einer guten Liturgie - und warum sie dennoch nicht alle Menschen erreicht.

Frage: Herr Fuchs, Sie sind seit 25 Jahren Herausgeber des Heftes. Hat sich in dieser Zeit etwas an der Liturgie verändert?

Fuchs: Die Publikation versteht sich als konkrete Hilfe für den Gottesdienst, wir forschen nicht direkt nach neuen Trends. Echte Veränderungen und damit Herausforderungen für die Priester gab es zu Beginn, als das Heft vor 35 Jahren das erste Mal erschienen ist: In den 1970er Jahren kamen ja auch die neuen liturgischen Bücher, die viele Möglichkeiten hinsichtlich der Gestaltung des Gottesdienstes, der Auswahl der Texte und Freiheit in eigenen Formulierungen boten.

Da war man noch sehr suchend; Hilfen wie die Übersicht über die Leseordnung wurden gerne angenommen. Bald fragten die Bezieher aber nach konkret formulierten Texten - wie Einführungen, Fürbitten und Kyrie-Rufen - für die Messe an. In den letzten Jahren haben wir das Heft um eine umfangreichere digitale Ausgabe auch mit Predigtanregungen und ähnlichem erweitert, im vergangenen Jahr auch Wort-Gottes-Feiern mit in den Blick genommen. Diese Hilfen benutzen Bezieher nicht nur im ganzen deutschsprachigen Raum, sondern auch in über 30 Ländern mit deutschsprachigen Gemeinden, bis nach Südamerika und Papua-Neuguinea.

Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs in seinem Institut
Liturgiewissenschaftler Guido Fuchs.
 KNA

Frage: Sie bieten Seelsorgern damit eine Hilfestellung und Arbeitsentlastung. Ist es nicht sinnvoller, die Predigt selbst zu formulieren und sich damit auseinanderzusetzen - statt einen fertigen Text einfach abzulesen?

Fuchs: Die meisten Bezieher benutzen unsere Vorschläge sicher als Anregung zu eigenen Texten. Manchmal werden sie auch einfach übernommen. Zudem haben wir eine zunehmende Zahl ausländischer Priester in Deutschland; diese sind sehr froh, wenn sie die Texte vorlesen können. Bei unserer digitalen Ausgabe kann man auch eigene Fürbitten und Gedanken ergänzen oder etwas umformulieren. Das ist ja sehr wichtig, weil wir wegen des zeitlichen Vorlaufs nie ganz aktuell sein können.

Frage: Wie sieht eine gute Liturgie aus, die Gottesdienstbesucher wirklich anspricht und berührt?

Fuchs: Das ist von Mensch zu Mensch sicherlich verschieden. Mir fällt immer wieder auf, dass wir oft eine binnenkirchliche, formelhafte Sprache haben, die Menschen immer weniger verstehen. Ich freue mich daher über Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, die in einen frischen Sprachstil und unverbrauchte Bilder benutzen. Es ist ja ganz wichtig, die Menschen aufhorchen zu lassen und sie in ihrem Alltag mit der Frohen Botschaft zu erreichen.

Zur Person

Guido Fuchs (* 1953 in Göppingen) ist ein katholischer Liturgiewissenschaftler und Publizist. Fuchs ist außerplanmäßiger Professor an der Universität Würzburg, Herausgeber des Periodikums Liturgie konkret für die Messfeier sowie Verfasser zahlreicher wissenschaftlicher und praktischer Bücher über gottesdienstliche Riten und deren Alltagskontext. Er leitet das Institut für Liturgie und Alltagskultur in Hildesheim.

Zur Person

Frage: Soeben wurde das Jahr des Glaubens eröffnet. Wie wichtig ist die zeitgemäße Feier der Liturgie für den persönlichen Glauben?

Fuchs: Natürlich müssen Menschen von dem berührt werden, was im Gottesdienst geschieht, aber sie müssen sich auch berühren lassen. Deshalb müssen wir das, was im Evangelium steht, auf eine Art übersetzen, dass sich die Menschen angesprochen fühlen. Wir legen bei unserer umfangreicheren Ausgabe von "Liturgie konkret digital" großen Wert darauf, dass es für jeden Tag eine - wenn auch nur kurze - Erschließung der Schrifttexte gibt, einen Impuls, eine Besinnung auch an Werktagen. Um es in einem Bild zu sagen: Wenn der Löffel und das Messer fehlen, bleibe ich auch am reich gedeckten Tisch des Wortes hungrig. Leider gibt es oft nur am Sonntag Predigten, oft langatmige Ausführungen, wo man mit der Zeit abschaltet, weil es einen auch nicht tangiert.

Frage: Aber gerade das ist ja das Problem: Selbst Katholiken besuchen sonntags nicht mehr selbstverständlich die Messe und verspüren kein Bedürfnis nach der Liturgie...

Fuchs: Viele Menschen haben heute scheinbar gar nicht mehr das Bedürfnis danach; deswegen lassen sie sich auch nicht mehr ansprechen. Das ist natürlich schwer zu wecken. Sicher spielen auch Fragen der äußeren Gestaltung eine Rolle oder die Form oder der Zeitpunkt eines Gottesdienstes. Vor allem aber geht es darum, Menschen in ihren Grundbefindlichkeiten anzusprechen und anzurühren. Wenn sie spüren, dass ihre Freude oder Trauer, dass Sorgen um Krankheiten, Arbeitslosigkeit oder Trennungen hier mit hineingenommen sind, werden sie sich auch angesprochen fühlen. Kirche muss als Ort der Geborgenheit und der Solidarität erfahren werden. Der Gottesdienst muss den Menschen auch guttun.

Das Interview führte Angelika Prauß

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