Heilende Begegnungen

Es gibt keinen besseren Ort für ein Treffen mit KZ- und Ghettoüberlebenden als den Kölner Lern- und Gedenkort Jawne. Die Gedenkstätte am Erich-Klibansky-Platz erinnert an das jüdische Gymnasium Jawne, der Löwenbrunnen davor an die Deportation von mehr als 1.100 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Köln während des Nationalsozialismus.

Hilfswerke | Köln - 15.10.2012

Es gibt keinen besseren Ort für ein Treffen mit KZ- und Ghettoüberlebenden als den Kölner Lern- und Gedenkort Jawne. Die Gedenkstätte am Erich-Klibansky-Platz erinnert an das jüdische Gymnasium Jawne, der Löwenbrunnen davor an die Deportation von mehr als 1.100 jüdischen Kindern und Jugendlichen aus Köln während des Nationalsozialismus.

Adrian Stellmacher vom Arbeitskreis Lern- und Gedenkort Jawne begrüßt die 73 bis 84 Jahre alten Weißrussen, darunter drei Juden. "In Deutschland ist über Ihre Geschichte sehr wenig bekannt. Viele Lager wie Osaritschi kennt hier kein Mensch", sagt Stellmacher. Die deutsche Wehrmacht hatte das genannte Lager bei ihrem Rückzug im Winter 1944 eingerichtet und dorthin rund 40.000 Zivilisten deportiert. Die damals zwölfjährige Aleksandra Judo war unter ihnen. Jetzt ist sie in Köln, um davon zu berichten.

Die Jawne erinnert an die Geschichte jüdischen Lebens und Lernens in Köln. Plakate und Fotos erzählen Lebenswege und Schicksale. "Für uns ist das ein großer Schatz", sagt Stellmacher und erinnert an Schuldirektor Klibansky, der nach dem Novemberpogrom 1938 mehr als 130 jüdischen Kindern und Jugendlichen zur Flucht nach England verhalf. Eigentlich sollen die weißrussischen Gäste nun bei Tee und Kuchen ins Gespräch kommen, doch die Gruppenälteste Sima Margolina ergreift das Wort.

Mutter und Schwester verloren

Die 84-jährige Jüdin sagt: "Ich nehme großen Anteil am Schicksal der deportierten Kinder." Leyla Bachtiosin vom Jawne-Arbeitskreis übersetzt die Worte der Weißrussin: "Es ist bekannt, dass die deutschen Juden, die nach Minsk gebracht wurden, von dem tragischen Ausgang nichts gewusst haben." Sie fühle sich verbunden mit all den Juden, die damals in Minsk getötet wurden. "Meine Mutter und meine kleine Schwester sind unter denselben Umständen ums Leben gekommen."

Für Sima Margolina ist der Schuldirektor Klibansky ein Held: "Es ist wichtig, dass auch die nächste Generation diesen Namen erinnert und von seinen Heldentaten erfährt." Die 84-Jährige überreicht Stellmacher ein neues Buch, herausgegeben mit Hilfe der Geschichtswerkstatt Minsk, die einzelne Schicksale der Weißrussen sammelt und aufarbeitet. Darunter ist auch Sima Margolinas eigene Geschichte, die im Ghetto Usda nicht zu Ende ging - auch dank eines deutschen Oberleutnants Zellner, der die jüdischen Facharbeiter und deren Kinder wie Menschen behandelt habe und damit ein enormes Risiko eingegangen sei. Nach Berichten der Weißrussen gab es neben den bösen Nazis und Soldaten auch die guten Deutschen.

Maximilian Maria Kolbe (1894 - 1941 im KZ Auschwitz) war ein polnischer Franziskaner-Minorit und Märtyrer. Er wird von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt.
Maximilian Maria Kolbe (1894-1941) war ein polnischer Franziskaner-Minorit und Märtyrer, der im Konzentrationslager Auschwitz umkam. Er wird von der katholischen Kirche als Heiliger verehrt.
 Gemeinfrei

Besuche aus Polen und Weißrussland

Von Oberleutnant Zellner fehlt leider jede Spur, berichtet Gisela Multhaupt. Sie betreut für das Maximilian-Kolbe-Werk mit ihren Helfern die weißrussische Gruppe. Gisela Multhaupt, Jahrgang 1936, hat mit ihrer Kölner Gruppe seit 1998 schon mehr als 300 weißrussische KZ- und Ghetto-Überlebende nach Köln eingeladen - und seit 1994 fast ebenso viele Ex-Häftlinge aus Polen.

Seit 2004 kommen zudem jedes Jahr zwölf polnische KZ-Überlebende nach Köln, um als Zeitzeugen in deutschen Schulen zu berichten. "Die Resonanz darauf ist überwältigend", berichtet Gisela Multhaupt. Ob Polen oder Weißrussen: "Für viele Gäste ist es heilend, in ein anderes Deutschland zu kommen", sagt die Ehrenamtliche, die auf die Kraft der Menschlichkeit und der Begegnung vertraut. "Man kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, aber man kann lernen, damit zu leben."

Hilfswerk für 25.000 Zeitzeugen

Das katholische Maximilian-Kolbe-Werk unterstützt seit fast 40 Jahren die ehemaligen Häftlinge der Konzentrationslager und Ghettos in Polen und in den Ländern der früheren Sowjetunion. Die Hilfsangebote für die 25.000 noch lebenden Zeitzeugen sollen in den nächsten zehn Jahren noch weiter ausgebaut werden. Das beschloss die Hauptversammlung des Hilfswerkes kürzlich in Fulda.

"Auch wenn sich die Schwerpunkte in den nächsten Jahren naturgemäß verlagern werden, hat das Hilfswerk aufgrund der Breite der Aufgabe und des Potenzials seiner engagierten Akteure eine Zukunft", heißt es in dem Beschluss. So sollen die Zeitzeugenprojekte und Begegnungen mit Jugendlichen ausgebaut werden, ebenso Projekte des Erinnerungslernens, zum Beispiel für junge Lehrer. Zudem will das Werk die Zeugnisse der ehemaligen Häftlinge wissenschaftlich aufarbeiten und für den Unterricht nutzbar zu machen.

Von Sascha Stienen

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