Historischer Tiefstand bei Organspendern

Das erste Mal seit rund 30 Jahren gibt es in Deutschland weniger als zehn Organspender unter einer Million Bundesbürger. Für die Stiftung Organtransplantation ist das eine dramatische Entwicklung.

Medizin | Berlin - 14.01.2018

Die Zahl der Organspender in Deutschland hat 2017 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Nach den Statistiken der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es nur 797 Spender, 60 weniger als im Vorjahr. Das ist der niedrigste Stand seit 20 Jahren, teilte die Stiftung mit. Auch die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) berichtete am Samstag über die gesunkenen Organspenderzahlen, allerdings aufgrund von unveröffentlichten Daten der Stiftung Eurotransplant.

Weniger als zehn Spender pro Million Einwohner

"Leider werden wir erstmals unter die Marke von zehn Spendern pro eine Million Einwohner rutschen. 2017 sind es 9,7", sagte Axel Rahmel, Medizinischer Vorstand der DSO. In der Historie der Stiftung sei das, gerechnet ohne die Anfangsjahre der Organspende vor mehr als 30 Jahren, noch nie passiert. "Im internationalen Vergleich war Deutschland bisher im unteren Mittelfeld. Jetzt stehen wir im Vergleich fast hinter allen anderen westeuropäischen Ländern. Das ist eine dramatische Entwicklung", ergänzte er.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz beklagte gegenüber der SZ ein fehlendes Interesse der Regierungsparteien an der Transplantationsmedizin. "Diese Dramatik kommt in den Sondierungsgesprächen für eine Neuauflage der Großen Koalition mit keinem Wort vor", sagte Stiftungsvorstand Eugen Brysch. Die Parteien ließen die Menschen auf der Warteliste für ein Organ allein. Brysch forderte, den Spendermangel zu einem Thema bei den Koalitionsverhandlungen zu machen.

Die katholische Kirche spricht sich grundsätzlich für Organspenden aus. 2015 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eine Orientierungshilfe zum Thema "Hirntod und Organspende", die die Position der Bischöfe erklärt und den Menschen eine "Grundinformation" zum Thema geben will. Damals bezeichneten die Bischöfe die Organspende als "großherzigen Akt der Nächstenliebe". Sie warten aber auch vor unausgesprochenem oder auch ausgesprochenem Druck: Weder gebe es eine moralische Pflicht zur Organspende, noch hätten Kranke einen Rechtsanspruch auf ein fremdes Organ.

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Die Organspende kann Leben retten, ist gleichzeitig aber auch mit vielen Fragen verbunden. Es geht um Nächstenliebe und Verantwortung, aber auch um Angst und Tod. Das weiß der Moraltheologe Michael Clement - und setzt deswegen auf Aufklärung.

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Die Entwicklung der Organspenderzahlen in Deutschland war 2017 regional unterschiedlich. Während Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland eine Zunahme der Spender verzeichneten, ging der Bundestrend generell zurück. Da einem Spender mehrere Organe entnommen werden können, meldete Deutschland 2017 laut DSO insgesamt 2594 Nieren, Lebern, Lungen oder Herzen an die internationale Vermittlungsstelle Eurotransplant. 2016 waren es noch 2867 Organe.

Axel Rahmel von der DSO sieht die Gründe für den Rückgang der Spenderzahlen weniger in der mangelnden Bereitschaft der Bevölkerung. Er wünscht sich Verbesserungen in der Organisation der rund 1250 Kliniken in Deutschland, die zum Organspende-System gehören. So habe zum Beispiel Bayern 2017 Transplantationsbeauftragte erstmals für ihre Aufgabe freigestellt. Die Organspenderzahlen in Bayern seien 2017 um 18 Prozent gestiegen - der höchste Wert unter allen Bundesländern.

Absolute Zahl weiterhin hoch

Laut Rahmel besteht keine Gefahr, dass die Vermittlungsstelle Eurotransplant Deutschland wegen der niedrigen Spenderzahlen aus dem Verbund ausschließt. Durch die hohe Bevölkerungszahl sei Deutschland immer noch ein Land, das in absoluten Zahlen mehr Organe als andere Länder zum Verbund beisteuere. (gho/dpa/KNA)

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