"Ich bin kein anderer, nur neu"

Am 4. Juni wurde Hassan Soilihi Mzé getauft. Der Weg dahin war ungewöhnlich: Von der Literatur über Politik und Geschichte führte letzten Endes doch alles zur Kirche hin – und dann kam der Katholikentag.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 01.08.2016

Die Anzeichen waren schon seit Jahren da: In der vorösterlichen Fastenzeit trank er keinen Kaffee, freitags verzichtete er auf Fleisch. Doch trotzdem kam es überraschend für seine Familie, als Hassan Soilihi Mzé seine Entscheidung mitteilte. Als erstes rief er seine Großmutter an. "Ich werde Taufe, Firmung und Kommunion empfangen", sagte er. "Also wirst du katholisch", stellte sie erstaunt fest. Und fügte hinzu: "Hast du schon mit deiner Mutter gesprochen?"

Das hatte er nicht. Denn dieses Telefonat stellte für Hassan eine noch höhere Hürde dar. Wie vorhersehbar reagierte seine Mutter, eine überzeugte Atheistin, ablehnend: "Ich muss das jetzt erst mal verdauen." Ob sie zur Taufe kommen würde, konnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Zu fern lag ihr die Vorstellung, dass sich der eigene Sohn bald für eine Institution wie die katholische Kirche entscheiden würde. Woher diese Abneigung kommt, ist Hassan bis heute nicht klar.

Sein Weg hatte nicht geradlinig in die Kirche hinein, sondern zunächst in die Politik geführt. Er wollte sich endlich engagieren, etwas in der Gesellschaft bewegen. 2009 war er deshalb in Leipzig in die SPD eingetreten. Doch schon bald merkte er, dass das gar nicht so einfach war. "Für Inhalte braucht man Mehrheiten, für Mehrheiten Auseinandersetzungen – und diese führen meistens zu Streit", sagt der heute 33-Jährige. Er suchte nach Lösungen für die festgefahrenen Konflikte – und stieß auf die Bibel. "Nach so mancher politischen Saalschlacht schlug ich später in der Schrift nach und landete bei Sprüchen, in denen es um fehlende Sensibilität, Dummheit und Niedertracht geht", sagt Hassan. Er habe daraufhin viel über sein Verhalten nachgedacht und es hinterfragt. "Das funktionierte wie ein Losungskalender, nur umgekehrt. Hier hatte ich zunächst die Situation im Alltag und erst im Nachhinein den Bibelspruch."

Titelbild der Dietenberger-Bibel von 1534 aus dem Besitz der Württembergischen Landesbibliothek.
Hassan Soilihi Mzé besitzt eine ganze Sammlung von alten Bibeln. Anfangs waren die Bücher für ihn vor allem ein ästhetisches Erlebnis.
 Benedikt Plesker

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Eine neue Version der Lutherbibel steht kurz vor dem Abschluss. Auch die Einheitsübersetzung wird derzeit geprüft. Doch es gibt noch mehr Fassungen der Heiligen Schrift. Katholisch.de stellt eine kleine Auswahl vor.

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Im Laufe der Jahre hatte sich Hassan, der in Leipzig in Geschichte promoviert, eine ganze Sammlung von Bibeln zugelegt. "Ich wollte mir ein kulturelles Wissen aneignen. Und nicht zuletzt waren diese antiquarischen Lutherbibeln für mich ein ästhetisches Erlebnis", sagt er. Doch weil er zu den alten Übersetzungen keinen Zugang fand, wünschte er sich von seiner Großmutter eine moderne Taschenbibel für unterwegs – am besten mit Reißverschluss, "falls der Kaffee umkippt". "Ich habe viel Kritik an der Hoffnung-für-alle-Bibel gefunden, die Übersetzung sei zu modern und interpretiere mitunter zu sehr den Originaltext. Aber es ist jedenfalls die Ausgabe, die mich an das Christentum herangeführt hat", so Hassan. Regelmäßig nimmt er sich Zeit für die Bibel. "Mit der lebe ich", sagt er. Widerwillen beim Lesen habe er tatsächlich noch nie verspürt, eher "Erstaunen oder Unverständnis". Etwa bei der Johannes-Offenbarung: "Das war schon eine Herausforderung, in diese Bildgewalt einzutauchen, ohne zu verzweifeln." Umso eingängiger seien für ihn Texte wie das Markus-Evangelium gewesen. Manchmal blättere er auch einfach und bleibe dann bei den Sprüchen oder Psalmen Davids hängen. "Das kann ich doch gar nicht fassen, wenn es heißt, tausend Jahre seien für Gott wie ein Tag", sagt er respektvoll.

Zugang über die Kirchengeschichte

Bereits als 15-Jähriger hatte er begonnen, sich mit der Kirche zu beschäftigen. Damals vor allem mit ihrer Geschichte. Ausgelöst worden war seine Neugier durch den Mittelalterroman "Der Name der Rose" von Umberto Eco. Danach verschlang er alles, was mit Kirchengeschichte zu tun hatte: von der frühen Neuzeit mit ihrem Ringen um das Verständnis von Eucharistie und Abendmahl bis zum 20. Jahrhundert mit seinen Diktaturen. Der Widerstand eines Clemens August Graf von Galen gegen das nationalsozialistische Regime beeindruckte ihn – wie auch der Widerstand der katholischen Kirche während der Sowjetzeit. "Was ging in den Köpfen dieser Menschen vor? Warum kam es nicht zu einer Welle der Glaubensverleugnung?", fragte sich der Historiker, der das Ende des kommunistischen Regimes als Kind selbst noch miterlebt hat. Er wollte begreifen, was es war, das diese Menschen antrieb, die es wagten, sich den Diktaturen entgegenzustellen. Zu dem "ereignisgeschichtlichen Interesse" kam ein Interesse an den Sinnfragen. "Warum gibt es die Welt? Was soll ich tun", wollte Hassan wissen – und besuchte 2008 eine katholische Messe. "Aber da war eine Wand zwischen mir und dem Rest der Gemeinde. Ich fühlte, da komme ich nie rein", sagt er. Das Projekt "Kirche" stellte er erst einmal zurück.

Was ging in den Köpfen dieser Menschen vor? Warum kam es nicht zu einer Welle der Glaubensverleugnung?

Hassan Soilihi Mzé

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Jetzt, nach seinem Bibelstudium, stand es für Hassan von neuem an. Er wollte endlich "das Lebendige kennenlernen". Doch wo war das zu finden? Evangelisch-lutherisch, reformiert, katholisch oder freikirchlich – er besuchte ganz unterschiedliche Glaubensgemeinschaften in Leipzig. Die protestantischen Gottesdienste wirkten auf ihn jedoch "spröde", die reformierten waren nichts für ihn, da "zu stark auf den theologischen Vortrag ausgerichtet". Bei der katholischen Kirche und ihrer Spiritualität machte es plötzlich "klick". "Es war eine Anziehungskraft, die ich gar nicht so genau beschreiben kann. Ich war begeistert von der schlichten Architektur der neuen Propsteikirche und der jungen, offenen Gemeinde", sagt er. Und irgendwann stellte sich Hassan die Frage: Wie kann ich in die Kirche eintreten? Der Katechumenat, die Vorbereitung auf die Taufe, wirkte auf ihn noch abschreckend, erschien ihm mit seiner einjährigen Dauer als eine "viel zu große Hürde". Er ging dennoch weiterhin in die Kirche und kaufte sich 2014 das neue Gotteslob.

Katholikentag in Leipzig gibt Anstoß

Doch erst der Ausblick auf den Katholikentag 2016 in Leipzig sollte den Anstoß geben, es noch einmal zu versuchen. Hassan wandte sich an die Kontaktstelle der Katholischen Kirche in Leipzig für Lebens- und Glaubensfragen. Nach einem Gespräch dort entschloss er sich zu einem Glaubenskurs. Rund zehn Personen nahmen daran teil. "Dieses Mal war keine Wand da", sagt Hassan. Im Laufe des Kurses wurde er sich immer sicherer, dass der Katholizismus sein Weg ist. "'Politisch links' und 'Glaube an etwas über dieser Welt' widersprechen sich nicht", ist er überzeugt.

Leipziger Propsteikirche
"Ich war begeistert von der schlichten Architektur der neuen Propsteikirche", sagt Hassan Soilihi Mzé.
 Thomas Pohl

Der Glaube war schon früh in Hassans Leben getreten, doch davon blieben vor allem Erzählungen und Erinnerungen: Sein Vater war praktizierender Muslim. Aber Hassan war gerade einmal vier Jahre alt, als der Kontakt zu ihm abbrach. Geboren auf den Komoren, einem Inselstaat östlich von Afrika, war der Vater als Koch mit französischen Ingenieuren nach Zwickau in die DDR gekommen und hatte Hassans Mutter geheiratet. Die Ehe zerbrach daran, dass das kommunistische Land ihm, einem französischen Staatsbürger, keine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung erteilen wollte. Seine evangelische Großmutter mütterlicherseits brachte Hassan dagegen Grundlagen des christlichen Glaubens bei. Zum Beispiel das Vaterunser. Und später in der Schule wurden im Fach Ethik dann die Weltreligionen behandelt – "alle gleich und niemals ablehnend. Aber der Ethikunterricht bleibt immer technisch und geht nie ins Herz."

Ins Herz ging ihm ein Vers aus dem Kolosserbrief, den er auf einer Kaffeetasse gefunden hatte: "In Christus sind alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen." Er wählte den Satz als seinen Taufspruch. Zur Feier lud er Freunde und Bekannte aus seiner Zwickauer Zeit, dem Studium und der Partei sowie Bekannte und Arbeitskollegen vom Verein für interkulturelle Bildungsarbeit ein: Atheisten, Katholiken, Muslime, Protestanten und Agnostiker. Hassans Mutter kam nicht zur Feier, sie schickte Grüße per Mail. "Ich bin kein anderer, ich bin nur neu", hatte er zu ihr am Telefon gesagt. Aber das hatte sie nicht verstanden. Seine Großmutter, seine Großtante und seine Großcousine dagegen kamen eigens angereist. "Es ist wirklich ein Geschenk für mich, dass alle diese Menschen zusammenkamen, um mit mir gemeinsam meine Taufe zu feiern", sagt Hassan.

Zur Person

Hassan Soilihi Mzé (33 Jahre), Projektkoordinator in der interkulturellen Bildungsarbeit, empfing am 4. Juni 2016 in der Propsteikirche in Leipzig die Sakramente der Taufe, Firmung und Kommunion.

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Von Julia-Maria Lauer

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