"Ich erwarte frischen Wind"

Die Theologin Ute Eberl nimmt als einzige Deutsche neben Kardinal Marx an der Familiensynode in Rom teil. Im Interview spricht die Leiterin der Familienseelsorge im Erzbistum Berlin über ihre Erwartungen.

Bischofssynode | Berlin - 15.09.2014

Die katholische Familienreferentin Ute Eberl (52) nimmt als einzige "Auditrix" (Gasthörerin) aus Deutschland an der Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie im Vatikan teil. Die Diplom-Theologin leitet die Ehe- und Familienseelsorge im Erzbistum Berlin und ist Mitglied im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft für katholische Familienbildung. Zusammen mit dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, wird sie vom 5. bis 19. Oktober nach Rom fahren.

Frage: Frau Eberl, Papst Franziskus hat Sie - als einzige Teilnehmerin aus Deutschland neben Kardinal Marx - zur Weltbischofssynode eingeladen. Wie fühlt sich das an?

Eberl: Großartig! Auf der einen Seite bin ich sehr aufgeregt, auf der anderen Seite freue ich mich natürlich wahnsinnig, dass ich ganz nah dabei sein kann, weil ich glaube, diese außerordentliche Synode wird etwas in Bewegung bringen.

Frage: Und was?

Eberl: Ich erwarte, dass der frische Wind, den Franziskus gebracht hat, auch die Familiensynode belebt. Schon bei der Fragebogenaktion zur Vorbereitung ist in unserem Bistum, aber wohl auch weltweit, etwas Besonderes passiert: Die Kirche fragt die Menschen: "Wie lebt ihr?" Und die Menschen haben sehr offen geantwortet. Das ist etwas völlig Neues, und diese Bewegung, dass Kirche wirklich wissen möchte, wie die Lebenswirklichkeit aussieht, setzt sich hoffentlich bei der Synode fort.

Frage: Welche Lebenswirklichkeiten wollen Sie denn nach Rom bringen?

Eberl: Ich bin als "Auditrix", also als "Hörerin, nach Rom eingeladen, nicht um Vorträge zu halten. Aber ich nehme natürlich mit, was ich in meiner Arbeit gehört und in den Fragebögen gelesen habe: Viele Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die jetzt in einer neuen Beziehung leben, wenden sich an uns und sagen: "Wir verstehen die Haltung der Kirche nicht. Es kann doch nicht sein, dass wir zwar verbal eingeladen sind, überall in der Gemeinde dabei zu sein und mitzumachen, aber dass wir nicht an den Tisch des Herrn treten dürfen." Die Kirche sagt: Was ihr bei der ersten Eheschließung versprochen habt, das ist gültig "bis dass der Tod euch scheidet". Und wer Ehe lebt oder Ehe gelebt hat, der sagt: "Der Alltag ist gültig."

Die Lehre der katholischen Kirche wird nicht immer verstanden.

Ute Eberl

Frage: Kommt die Lehre der Kirche also nicht an?

Eberl: Meine Erfahrung ist, dass sie nicht immer verstanden wird. Nur ein Beispiel: Bei der Fragebogenaktion haben auch Leute mitgemacht, die erst seit kurzem in der katholischen Kirche sind. Und gerade neu getaufte Erwachsene sagen oft: "Wir verstehen eure Sprache nicht. Wir freuen uns auf die Begegnung mit Jesus, aber dann setzt man uns ein Regelwerk vor, wie wir uns in Ehe und Familie zu verhalten haben, das passt nicht zusammen."

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Frage: Welche Rolle spielen gleichgeschlechtliche Partnerschaften in Ihrer Arbeit?

Eberl: Da kommen viele Anfragen, sowohl von homosexuellen Paaren selbst als auch von Angehörigen. Im Mittelpunkt steht eine Frage: "Warum können wir für die Werte, die wir leben - etwa Verlässlichkeit und Treue - keinen Segen bekommen?" Das ist eine große Herausforderung für Eltern von Kindern, die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Auf der einen Seite gibt es eine kirchliche Vorgabe, und auf der anderen Seite sagen die Menschen: "Das ist mein Sohn, das ist meine Tochter, und ich freue mich, dass sie einen Partner gefunden haben und in einer verlässlichen Beziehung leben."

Frage: Angenommen, der Papst kommt bei der Synode auf Sie zu und fragt "Frau Eberl, was soll ich tun, was kann ich tun?". Was empfehlen Sie ihm dann?

Eberl: Wie gesagt: Ernannt hat er mich zur "Hörerin", aber nach allem, was man hört, kann ich es wohl nicht ganz ausschließen. Erstens würde ich sagen: Weiter so! Und damit meine ich zweitens ganz konkret, dass er den Bischofskonferenzen, den Ortskirchen und ihren Bischöfen etwas zutraut und dass sie dabei möglicherweise auch sehr unterschiedliche pastorale Wege in die Zukunft gehen können. Franziskus sagt ja, dieses synodale Prinzip müsse neu durchbuchstabiert werden. Man sieht nämlich im sogenannten "instrumentum laboris", also im Vorbereitungstext für die Synode, der Lebenswirklichkeiten aus allen Teilen der Welt zusammenstellt, dass die Situation von Ehe und Familie sehr sehr unterschiedlich sein kann und dass da vieles nebeneinandersteht.

Solange wir als Erstes mit dem moralischen Zeigefinger drohen, können wir unser Anliegen nicht vermitteln.

Ute Eberl

Frage: Sie sind ja nicht ohne Grund zur Synode eingeladen. Was können Sie mit Blick auf Ihre Berufserfahrung und mit Blick darauf, dass Sie selbst Familie und Kinder haben, ganz praktisch einbringen, was ein Bischof nicht kann?

Eberl: Ich bin Ehefrau und Mutter, das ist das eine. Und ich bin hier im Erzbistum seit etwa 20 Jahren für den Bereich Ehe, Familie, Partnerschaft zuständig. Und gerade in Berlin leben wir nicht in einer christlichen Gesellschaft, sondern in einer Gesellschaft, in der sehr viele Ehen geschlossen werden zwischen einem Katholiken und einem Menschen ohne Religion. Ich sage nicht Atheist, sondern Mensch ohne Religion. Und das ist inzwischen ja auch in vielen anderen Städten eher normal. Unsere Welt ändert sich, und wir sollten darauf schauen, wie die Menschen Werte miteinander leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass auch viele Menschen ohne Religion zu sehr vielen unserer christlichen Werte "Ja" sagen - ohne "Amen", aber "Ja".

Frage: Was hat sich denn in den 20 Jahren Ihrer beruflichen Tätigkeit noch verändert in Sachen Ehe und Familie?

Eberl: Einiges! Die Fragen der Menschen, die sich entscheiden zu heiraten, haben sich massiv verändert. Vor allem: "Wie werden wir das machen mit unseren Berufen, wenn Kinder da sind?" Früher hat meist die Frau zurückgesteckt, heute wird alles ausdiskutiert. Vieles ist sicher auch komplizierter geworden, weil es keine festen Vorgaben mehr gibt.

Frage: Von manchen Bischöfen hört man jetzt, dass die Kirche vor allem ein Vermittlungsproblem habe. Nach dem Motto: "Unsere Lehre ist seit Jahrhunderten bewährt und festgeschrieben, wir müssen sie nur besser vermitteln." Wie sehen Sie das?

Eberl: "Kirche ist keine Moralanstalt", hat Kardinal Woelki mal gesagt. Sie hat eine Moral. Solange wir also als Erstes mit dem moralischen Zeigefinger drohen, können wir unser Anliegen nicht vermitteln. Denn unsere Lehre ist das Evangelium, die Frohe Botschaft von Jesus Christus, der will, dass unser Leben in Beziehung und Partnerschaft, in Ehe und Familie gelingt!

Das Interview führten Gottfried Bohl und Gregor Krumpholz (KNA)

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