"Ich habe vor Freude und Rührung geweint"

Saskia Amelung wuchs in einer kirchenfernen Familie auf - doch schon früh fühlte sie die Sehnsucht nach Gott. Trotzdem war es viel später eine bevorstehende Operation, die ihr mit einem Mal etwas klar machte.

Serie: Mein Glaube | Bonn - 05.02.2017

In ihrem Taufgottesdienst saß Saskia Amelung mit den anderen Täuflingen und den Angehörigen in einer großen Runde um den Altar herum. Die Nähe zueinander und zum Altar sei etwas Besonderes gewesen. Es habe sie berührt, sagt sie. Gekommen waren ihre evangelische und katholische Taufpatin, eine Schwägerin, eine gute Bekannte, die sich für die Erwachsenentaufe interessierte, sowie ihre damals 11 und 14 Jahre alten Töchter. Die Lieder hatte Saskia Amelung mit den anderen Taufkandidaten und Konvertiten ausgewählt. "Der Gottesdienst war wunderbar. Als er fertig war, habe ich vor Freude, Rührung und Glück geweint", erzählt die 56-Jährige. Anschließend gab es eine Feier bei ihr zuhause. Ein Kaplan, den sie von früher kannte, schickte einen Brief, der sie sehr berührte: "Für mich hast du schon immer dazugehört", schrieb er.

Ihre Taufe empfindet Saskia Amelung bis heute wie den Empfang eines neuen Lebens – eines neuen Lebens, das sich allerdings schon früh angekündigt hatte. Während ihrer Kindheit im niederländischen Leiden betete sie oft. "Ich tat es so, wie ich es für richtig hielt. Beigebracht hat mir das keiner", sagt sie. Ihr Vater war katholisch, aber nicht praktizierend, ihre Mutter evangelisch. Wenn der Papst im Fernsehen kam, spottete sie gerne: "Der schon wieder." Im Religionsunterricht in der Grundschule hörte Saskia Amelung gespannt zu, wenn die Lehrerin Geschichten aus der Bibel vorlas. In besonderer Erinnerung sind ihr auch noch die Besuche bei den katholischen Großeltern. "Man spürte bei ihnen eine besondere Wärme", erzählt sie. Bei der Goldenen Hochzeit ihrer Großeltern streute sie Blumen – und dieses Bild blieb ihr im Gedächtnis. "Wie schön, dass man solche Dinge in der Kirche feiert. Wie schön, in der Kirche zu sein", dachte das 9-jährige Brautmädchen.

Saskia Amelung
Saskia Amelung
 privat / Saskia Amelung

Den Kontakt zur Kirche verdankt die gebürtige Niederländerin ihrem damaligen Ehemann, einem Katholiken. "Er war eigentlich kein Kirchgänger", sagt Saskia Amelung, "ich ging ab und zu mal mit, wenn es einen besonderen Gottesdienst gab." 1985 war sie zu ihrem Mann nach Hildesheim gezogen. Kirchlich hatten sie zwar nie geheiratet, dennoch war es für ihn klar, dass die Kinder getauft werden sollten. Als sie die älteste Tochter zur Erstkommunion anmeldeten, ging Saskia Amelung regelmäßig mit in die Kirche. Die gehörte zu einem benediktinischen Kloster. "Ich beobachtete die anderen Menschen, die selbstverständlich beteten und das Kreuzzeichen machten", sagt sie. Und mehr und mehr entstand in ihr der Wunsch: "Das möchte ich auch." Aber sie behielt ihn für sich und redete mit niemandem darüber. Stattdessen verstärkte sie ihr Engagement in der Gemeinde: Als "Küchenbetreuerin" fuhr sie mit auf Jugendfreizeiten. Meistens war auch der Kaplan dabei, der ihr später den Brief zur Taufe schrieb. Er hielt an ungewöhnlichen Orten Gottesdienste: draußen mit der ganzen Gruppe oder in der Küche mit den Betreuern. "Das beeindruckte mich", erzählt Saskia Amelung.

Ein Gefühl der Glückseligkeit

Mit dem Kaplan sprach sie erstmals über ihre Sehnsucht nach Gott und der Kirche. Er ermutigte sie zur Taufe. Bei dem Gedanken, irgendwann katholisch zu sein und die Kommunion zu empfangen, habe sie stets "ein Gefühl der Glückseligkeit durchströmt", so Saskia Amelung. Im Jahr 2001 erfuhr sie, dass sie einen Tumor im Kopf hatte, der entfernt werden musste. "Obwohl die Ärzte mir sagten, dass er gutartig war und ich mir keine Sorgen machen müsste, spürte ich plötzlich ganz deutlich diesen Wunsch, den ich schon so lange in mir trug. Bis jetzt hatte ich ihm aber keinen Raum gegeben: Ich möchte mich taufen lassen", erzählt sie. Mit einem Mal habe sie gespürt, wie wichtig es sei, auf die innere Stimme zu hören. Und sie wandte sich an den neuen Pfarrer, der sie mit seinem Engagement begeisterte. Seit er in die Gemeinde gekommen war, organisierte er Gesprächsabende zu Glaubensthemen, Bibel-Rucksack-Wanderungen und eine Pilgerfahrt nach Rom. "Das zog viele Menschen an", berichtet sie.  

Plötzlich spürte ich ganz deutlich diesen Wunsch, den ich schon so lange in mir trug: Ich möchte mich taufen lassen.

Saskia Amelung

Saskia Amelungs Operation im Januar 2002 verlief problemlos, kurz darauf begann der halbjährige Katechumenat. Auf dem Programm standen Glaubensbekenntnis und Vaterunser. Es wurde diskutiert und jedes Mal gab es für zuhause Texte zum Lesen und Nachdenken. "Die Einheiten haben mich stets sehr beschäftigt", so die 56-Jährige. Was ihr besonders wichtig war: Jedes Mal wurde gesungen. Der Pfarrer habe seine Gitarre immer dabei gehabt, erzählt sie. Die Freude am Glauben, der gelebte Glaube im Alltag, das waren Dinge, die ihr am Herzen lagen.

Zweifel an ihrer Entscheidung kamen Saskia Amelung nicht. Fragen tauchten zwar später auf, doch sie waren anderer Art. Als Alltagsbegleiterin in einem Seniorenwohnheim arbeitet sie oft mit Menschen, die im Sterben liegen. "Wenn sie tot sind, frage ich mich natürlich: Wo genau sind sie jetzt?", sagt sie. Trotzdem empfindet sie ihren Beruf als "ein Geschenk Gottes". Nach der Trennung von ihrem Mann hatte die gelernte Rezeptionistin nach Arbeit gesucht. Ein Praktikum in einer Firma hatte ihr schnell gezeigt: In ihrem früheren Beruf würde sie nicht mehr glücklich werden. Die Stelle in dem katholischen Seniorenheim fand Saskia Amelung 2011. Ihre Aufgabe dort ist es, alte Menschen "zu aktivieren". Das könne durch leichte Bewegungsübungen geschehen, durch Gedächtnistraining – oder gemeinsames Singen. Außerdem macht sie mit den Senioren "basale Stimulation", die das Fühlen, Riechen, Schmecken und Hören fördern soll. Wichtig für viele Senioren ist auch die Kapelle, in der jeden Tag eine Messe gehalten wird. "Das bedeutet den Bewohnern sehr viel", so die Seniorenbegleiterin, die die alten Menschen dorthin begleitet. Regelmäßig betet sie zudem mit allen Interessierten aus dem benediktinischen Stundenbuch "Te Deum".

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Der heilige Benedikt von Nursia und Vater des abendländischen Mönchtums gründete 529 das Kloster Montecassino. Dort führte er die Regel der Benediktiner ein, die auch nach rund 1.500 Jahren noch gilt.

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Auch für Saskia Amelung ist es der Glaube, der ihr ganzes Leben trägt. "Meine Beziehung zu Gott wurde seit meiner Taufe immer mehr vertieft", erzählt sie glücklich. Die benediktinischen Impulse aus dem Stundenbuch bestimmen ihren Tagesablauf. "Ich liebe die Lebensweise der Benediktiner", sagt sie. Regelmäßig treffe sie sich mit einer geistlichen Begleiterin und nach Möglichkeit nehme sie sich Auszeiten im Kloster. "Das brauche ich für mein Leben", erklärt sie. Saskia Amelung engagiert sich als Lektorin, Kommunionhelferin und im Pfarrgemeinderat. Sogar die Firmkatechese leitete sie bereits mehrmals mit. Ein beliebtes Exkursionsziel der Firmlinge: die Benediktinerabtei Münsterschwarzach.

"Ich war neu geboren"

Irgendwann einmal sagte ihre Schwester, die selbst keinen Bezug zum Glauben hat, zu ihr: "Seit der Taufe bist du ein ganz anderer Mensch geworden." Gelassener sei sie, noch mehr Verständnis für andere Menschen habe sie heute. Das hatte Saskia Amelung genauso empfunden. Als sie drei Tage nach ihrer Taufe an Heiligabend die Kommunion empfing, war das ein außergewöhnlicher Moment. "Ein Kind war geboren und ich war auch neu geboren", sagt sie. Auch 14 Jahre später stelle dies ein Geschenk für sie dar: "Meine Taufe war so schön und so erfüllend, das kann ich bis heute nicht in Worte fassen."

Von Julia-Maria Lauer

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