"Im Paradies"

Anfangs fand ich es hier langweilig", sagt Hartmut mit einem breiten Grinsen im Gesicht. "Aber jetzt bin ich froh, dass ich hier bin." Mit "hier" meint der Mittsechziger die Dreifaltigkeitskirche in Münster. Sie dient seit 2010 nicht mehr als Bet- und Gotteshaus, beherbergt aber nach einem Umbau inzwischen Deutschlands wohl erstes Seniorenheim für Wohnungslose. "Ich bin hier im Paradies gelandet", findet Hartmut.

Obdachlose | Münster - 25.06.2013

Anfangs fand ich es hier langweilig", sagt Hartmut mit einem breiten Grinsen im Gesicht. "Aber jetzt bin ich froh, dass ich hier bin." Mit "hier" meint der Mittsechziger die Dreifaltigkeitskirche in Münster. Sie dient seit 2010 nicht mehr als Bet- und Gotteshaus, beherbergt aber nach einem Umbau inzwischen Deutschlands wohl erstes Seniorenheim für Wohnungslose. "Ich bin hier im Paradies gelandet", findet Hartmut.

Er lebt in einem 40-Quadratmeter Apartment mit Wohn- und Schlafbereich, Einbauküche und barrierefreiem Bad. Zusammen mit sieben anderen älteren ehemaligen Obdachlosen, die zuvor in einem Haus für Wohnungslose am Hauptbahnhof untergebracht waren, hat er hier eine neue Heimat gefunden. Alle Zimmer haben dieselbe Ausstattung mit zeitgemäßem, aber nicht luxuriösem Standard.

"Die Bewohner sind acht Mieter mit allen entsprechenden Rechten und Pflichten", erläutert Sozialarbeiter Christian Benning. "Das heißt konkret: Sie dürfen ihre Türen aufhalten oder verschließen, wenn sie wollen. Und im Rahmen ihrer Möglichkeiten beteiligen sie sich an ihrer Miete." Dabei ist dem Sozialarbeiter klar: Der Umzug in das neue Heim allein reicht bei den "älteren Herren" nicht. Es müssen weitere Hilfen hinzukommen: der Kontakt zu ambulanten Pflegediensten oder die Regelung von Kranken- und Pflegeversicherung - also alles, was die pflegebedürftigen Bewohner wegen ihrer psychischen, sozialen oder körperlichen Beeinträchtigungen nicht mehr selbst bewerkstelligen können.

Die Küche ist der Fixpunkt für die Bewohner

"Umso wichtiger ist es, ihnen eine Grundstruktur für den Alltag an die Hand zu geben", betont Benning. Dafür ist hauptsächlich Hauswirtschafterin Barbara Criegee zuständig, die ebenso couragiert wie charmant die Küche führt und "ihren" Männern Frühstück, Mittag- und Abendessen anbietet - eine gutbürgerliche Küche mit Eintöpfen und traditionellen deutschen Gerichten zum Selbstkostenpreis von zwei Euro pro Person. "Mit Experimenten brauche ich hier nicht zu kommen", berichtet die Wirtschafterin.

Die ehemaligen Dreifaltigkeitskirche in Münster: Hier ist in einem Pilotprojekt das erste Seniorenheim für Wohnungslose gestartet. So sieht das ehemalige Gotteshaus jetzt von innen aus.
 KNA

Zwar sei der eine oder andere Bewohner schon mal mehrere Tage unterwegs und lasse sich dann beim Essen nicht blicken. Aber das sei eher die Ausnahme, berichtet Criegee. "Ich bin der Fixpunkt hier. Meine Küche ist zugleich der Gemeinschaftsraum, in dem sich alle gern versammeln."

Das Wohnungslosen-Projekt stößt auf großes Interesse: Mitarbeiter verschiedener Städte und Träger waren hier bereits zu Besuch und haben sich vor Ort umgesehen. "Denn das hier hat doppelten Modellcharakter", betont Bernd Mülbrecht, Leitender Sozialarbeiter der Wohnungslosenhilfe in Münster: wegen "der exponierten Architektur in exquisiter Innenstadt-Lage" und "wegen des Wohn- und Betreuungskonzepts, das es bundesweit so noch nicht gibt". Das Besondere: Die Art der Betreuung von Demenzkranken in Wohngruppen wurde hier auf ältere Wohnungslose übertragen. Um dieses Konzept umzusetzen, sei allerdings sechs Jahre lang nach einer passenden Immobilie gesucht worden.

Zusätzlicher Investor war ein Glücksfall

Dass letztlich die Wohn- und Stadtbau Münster als Investor für den Kirchenumbau auftrat und die Wohneinheit auf 400 Quadratmetern angemietet werden konnte, sei ein Glücksfall gewesen, so Mülbrecht. "Allein hätten wir das nicht stemmen können", betont der Experte und meint damit die beiden Betreiber der Einrichtung: den Förderverein Wohnhilfe und die Bischof-Hermann-Stiftung.

Mit dem Projekt in der Dreifaltigkeitskirche, das vom NRW-Arbeitsministerium gefördert und von der Fachhochschule Münster wissenschaftlich begleitet wird, geben die Verantwortlichen sich aber keineswegs zufrieden. "Das ist ein Modell, das wir etablieren und vorantreiben möchten", betont Mülbrecht. "Der Bedarf an solchen Wohngemeinschaften ist nämlich gegeben." Ob es aber gelingt, in absehbarer ähnlich bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist die große Frage. Hartmut und seine sieben "Kollegen" aber dürfen beruhigt sein: Sie alle können ihren Lebensabend in abgesicherter Umgebung verbringen.

Von Gerd Felder (KNA)

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