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Immer weniger Großfamilien

Eva Rosenow ist der personifizierte Klischeebruch. Klein und zierlich, modische Jeans, flotter Stricküberwurf und total entspannt - so öffnet die Mutter von fünf Kindern die Haustür: "Ich habe gerade noch ein bisschen in der Sonne gesessen." Es ist einer dieser wenigen Momente am Tag, wo sie etwas Zeit für sich hat. Für eine Großfamilie und allem, was dazu gehört, hat sie sich ganz bewusst entschieden - entgegen dem allgemeinen Trend.

Familie | Overath - 23.04.2014

Eva Rosenow ist der personifizierte Klischeebruch. Klein und zierlich, modische Jeans, flotter Stricküberwurf und total entspannt - so öffnet die Mutter von fünf Kindern die Haustür: "Ich habe gerade noch ein bisschen in der Sonne gesessen." Es ist einer dieser wenigen Momente am Tag, wo sie etwas Zeit für sich hat. Für eine Großfamilie und allem, was dazu gehört, hat sie sich ganz bewusst entschieden - entgegen dem allgemeinen Trend.

Die Kinder von Eva und Alexander Rosenow sind noch in der Schule oder im Kindergarten. Bis auf Albert. Der kräht oben in seinem Bettchen und will raus. Besuch bei einer kinderreichen Familie in Immekeppel bei Köln; das Dorf gehört zur Stadt Overath.

"Insgesamt hat sich die Zahl der Kinderreichen - drei und mehr Kinder - halbiert im Laufe des 20. Jahrhunderts. Sie ist enorm geschrumpft und nimmt weiter rapide ab", sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie, Professor Tilmann Mayer. Diese Entwicklung sei charakteristisch für Deutschland, im Gegensatz etwa zu Frankreich. Dort trage der Kinderreichtum zum starken Geburtenniveau bei.

Kinder erfordern eine gute Terminplanung

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatte 2012 jede siebte der 8,1 Millionen Familien mit Kind in Deutschland drei oder mehr Kinder im Haushalt - mindestens eines davon war minderjährig. Nur 76.000 Familien hatten fünf oder mehr Kinder. 1992 betrug die Zahl bei veränderter Berechnungsgrundlage rund 95.000. Die Zahlen seien aber trotzdem vergleichbar, sagt ein Sprecher.

Die Rosenows, das sind Albert (1 1/2 Jahre), Benedikta (fast 3) Isabelle (4), Friedrich (5) und Otto (6) - und die Eltern Eva (39) und Alexander (39). Der Vater und Ehemann arbeitet in Braunschweig, die Familie zieht bald nach.

Eva Rosenow erzählt von ihren eigenen Eltern, ihren Geschwistern, ihrer Kindheit in der Großfamilie - eine gute Zeit. Abitur, die Ausbildung zur Physiotherapeutin, die klare Entscheidung für die Kinder : "Jedes Kind ist Glück für mich", sagt sie. Sie managt den Haushalt, die Termine der Kinder und macht das sehr selbstbewusst: "Ich glaub', ich mach' einen guten Job. Das soll mir erst mal jemand nachmachen."

Das Erstgeburtsalter bei Frauen ist auf 30 angestiegen

Bei anderen Frauen gehe das normalerweise so: "Job, Porsche, Kitaplatz. Und wenn es dann noch passt, ein Kind", überspitzt sie. In Deutschland komme bei jungen Leuten erst der Beruf, bestätigt Demograf Mayer: "Man will erst die berufliche Entwicklung so weit vorangetrieben haben, dass man sich Kinder leisten kann." Darum steige das Erstgeburtsalter von Frauen in Deutschland auf 30 an. In Frankreich werde beides besser kombiniert, auch durch Betreuungsangebote. Außerdem sei bei den Nachbarn die starke ökonomische Ausrichtung nicht so kultiviert wie in Deutschland.

Die Bundesregierung reagiere auf den demografischen Wandel mit wirtschaftlichen Maßnahmen: "Frauen oder auch Mütter sollen wieder schneller in die Erwerbstätigkeit zurückkommen", sagt Mayer. Es wäre aber notwendig, das Kinderhaben und die Umsetzung des Kinderwunsches zu unterstützen. Wenn Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) in einem Interview sage, die Bevölkerungsentwicklung sei nicht ihr Thema, beweise das mangelndes Problembewusstsein. "Wenn das so weitergeht, kann sich auch wenig verändern", meint Mayer.

Eva Rosenow steht mit ihren fünf kleinen Kindern auf der Straße.
Eva Rosenow gemeinsam mit ihren fünf Kindern in Overath, Nordrhein-Westfalen.
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Kinderreiche Familien ernten oft schiefe Blicke

In Deutschland gehöre es zum guten Ton, sich beim Kinderkriegen zurückzuhalten, sagt der Bonner Wissenschaftler: "Umgekehrt sind alle, die das anders pflegen, rechtfertigungsbedürftig." Mit Kinderreichtum werde eher etwas Negatives verbunden, eine "gewisse soziale Nachlässigkeit". Da würden Großfamilien schon mal schief angeguckt.

Wenn Florian Brich mit seinen vier Kindern in Nürnberg zum Spielplatz geht, spürt er diese Blicke: "Wie kann man sich so was nur antun", sagen die. Brich ist Sprecher des Verbandes kinderreicher Familien Deutschland (Mönchengladbach). Über 1700 Familien mit drei oder mehr Kindern sind Mitglied.

Oft Probleme im Alltag

Und die haben einen vergleichsweise bescheidenen Anspruch: Sie wollen wahrgenommen werden - von der Politik, Vermietern, Städten oder Verkehrsunternehmen. "Das klassische Bild der Familie hört bei zwei Kindern auf, da muss man sich nur die Werbung anschauen: Wann sieht man mal einen Werbespot, wo sechs Kinder durchs Bild laufen?", fragt Brich. Eine Familie mit vielen Kindern sei in Deutschland nicht vorgesehen.

Beispiel Schwimmbad: Ab dem vierten Kind gebe es keine Vergünstigungen mehr. Und Museum? "Glückssache, wenn da mal einer mitgedacht hat." Die Wohnungssuche, ein ganz großes Problem: "Finden Sie mal eine Mietwohnung mit mehr als zwei Kinderzimmern. Bei vier, fünf oder sechs Kindern wird das zur Mammutaufgabe", sagt Brich.

Auch ein sechstes Kind hätte noch Platz

Natürlich gehe eine große Wohnung richtig ins Geld, ebenso wie die Unterstützung der Kinder in der Schule. Dazu Klassenfahrten, Kindergeburtstage. "Das potenziert sich ja alles", sagt der 42-Jährige. Rücklagen für die Ausbildung der Kinder oder für die eigene Altersvorsorge seien schwierig. Mehr Kindergeld - würde die Kosten auch nicht abdecken. "Aber es wäre ein Zeichen der Gesellschaft, dass es honoriert wird, dass es Menschen gibt, die sich für viele Kinder entscheiden." Davon hätten ja alle etwas.

Zurück ins rheinische Immekeppel: Eva Rosenows Ältester, Otto, kommt in den Garten und nimmt sich einen von den Muffins, die Eva Rosenow noch am späten Vorabend gebacken hat. "Wenn ich Geld hätte, dann würde ich auch noch das sechste Kind bekommen", sagt sie und meint das völlig ernst: An der Steuerschraube müsste man für die Familien drehen, meint sie. Das würde aus ihrer Sicht helfen.

Zeit für den Kindergarten, Isabella, Benedikta und Friedrich abholen. Eigentlich nur ein paar Meter: Otto kommt mit und mault aus unerfindlichen Gründen rum. Dann zankt Friedrich auch noch mit ihm, Benedikta muss Blümchen in einem Vorgarten gucken. Und Isabelle trödelt hinterher. Der normale Wahnsinn - mal fünf.

Von Elke Silberer (dpa)

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