"Jesus hat kein Gesetzbuch geschrieben"

Im Zwischenbericht zur Familiensynode heißt es unter anderem, dass auch homosexuelle Partnerschaften sittlich wertvoll seien und wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Voraussetzungen zur Kommunion zugelassen werden könnten. Die FAZ schrieb sogleich von einer "kleinen Sensation" im Vatikan. Nun melden sich die Synodenteilnehmer zu Wort, manche – wie der Münchener Kardinal Reinhard Marx – mit Lob, andere mit Kritik am Dokument.

Familiensynode | Bonn - 14.10.2014

Im Zwischenbericht zur Familiensynode heißt es unter anderem, dass auch homosexuelle Partnerschaften sittlich wertvoll seien und wiederverheiratete Geschiedene unter bestimmten Voraussetzungen zur Kommunion zugelassen werden könnten. Die FAZ schrieb sogleich von einer "kleinen Sensation" im Vatikan. Nun melden sich die Synodenteilnehmer zu Wort, manche – wie der Münchener Kardinal Reinhard Marx – mit Lob, andere mit Kritik am Dokument.

Am Dienstag zog der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, eine positive Halbzeitbilanz der Synode: Den Zwischenbericht nannte er "eine wichtige Etappe". Er sei eine ehrliche Darstellung des Debattenverlaufs, der sich an einem Dreischritt orientiert: "Hören auf die Kontexte von Familie und Ehe heute. Auf Christus und sein Evangelium schauen. Dann erkennen wir neu: Die Kirche muss in der Nachfolge Jesu für die Menschen da sein!", heißt es in einer in Bonn verbreiteten Erklärung des Münchner Erzbischofs.

Laut Marx befasste sich die Synode intensiv mit der realen Situation der Familien weltweit. "Es ist gut, über die Stärkung der Ortskirchen bei den dringenden pastoralen Fragen zu sprechen und zu überlegen, wie wir den Ehen und Familien nahe sein können, die Brüche und Verletzungen erfahren haben", so der Kardinal.

Marx: Es gibt auch Spannungen

Es gebe durchaus Spannungen zwischen denjenigen Synodenteilnehmern, die "die Lehre ins Zentrum stellen und denen, die vom Leben der Menschen ausgehen", räumte Marx ein. "Ich hoffe sehr, dass wir mit einem starken, pastoral orientierten Zuspruch in die nächste Etappe gehen können." Jesus habe kein Gesetzbuch geschrieben, sondern Wege zum Leben gezeigt.

Auch die Familienreferentin des Erzbistums Berlin, Ute Eberl, zeigte sich beeindruckt von der offenen Debatte. Für sie müsse die Synode auch die Frage beantworten, wie "wir in unserer säkularen Stadt den Menschen, mit denen wir leben, das Evangelium als eine wirklich frohmachende Botschaft anbieten können". Sehnsucht nach gelingenden Beziehungen hätten Christen wie Menschen ohne Religion. "Wenn wir zuerst ins Wohnzimmer der Familien schauen und nicht ins Schlafzimmer, dann hilft uns das, offene Augen zu haben für ihre Sehnsucht und für das fragile Gefäß Ehe und Familie," so Eberl, die als Gasthörerin an der Synode teilnimmt.

Die der synodalen Aussprache zum Zwischenbericht kam jedoch auch die Meinung auf, man müsse das Thema der "Gradualität", also der Zwischentöne, weiter vertiefen und klären. In der am Dienstag vom vatikanischen Presseamt veröffentlichten Zusammenfassung der Aussprache werden die Kritikpunkte genannt. Insgesamt 15 der 41 Wortmeldungen hätten konkrete Punkte bemängelt oder Präzisierungen angemahnt, berichtete der ungarische Kardinal Peter Erdö. Der Generalrelator der Synode stellte sich gemeinsam mit dem Synodenpräsidenten Kardinal Luis Tagle und dem Synoden-Sondersekretär Erzbischof Bruno Forte im Vatikan den Fragen von Journalisten.

Ausnahme oder allgemeine Regel?

Der vatikanischen Erklärung nach merkten Synodenväter an, es könnte schwierig sein, Ausnahmen bei der Zulassung Wiederverheirateter zur Eucharistie zu gewähren, ohne dass diese zu einer allgemeinen Regel würden. Auch Homosexuelle sollten zwar aufgenommen werden, aber "mit der angemessenen Umsicht, damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Kirche diese Orientierung positiv bewertet."

Weiter sei betont worden, dass das Wort "Sünde" im Zwischenbericht kaum vorkomme und dass die Rolle der Frau und "ihre Bedeutung für die Weitergabe des Lebens und des Glaubens" mehr betont werden müsse. Alles in allem sei der Zwischenbericht jedoch dafür gelobt worden, dass er die in der Synodenaula geäußerten 240 Beiträge genau widergegeben habe. Aus dem Dokument komme die Liebe der Kirche für die "christusgläubige Familie" zum Vorschein aber auch die Nähe zum Menschen in all seinen Lebenssituationen, heißt es in der Zusammenfassung der Aussprache.

Einige, wie etwa der Vorsitzende der Polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Stanislaw Gadecki, sprechen ihre Bedenken auch offen in den Medien aus: Der Zwischenbericht sei für viele Bischöfe nicht akzeptabel, er entferne sich von der Lehre des heiligen Johannes Paul II. und lasse eine klare Vision vermissen, sagte der Erzbischof von Posen Radio Vatikan. Es hätten gar Spuren einer gegen die Ehe gerichteten Ideologie Eingang in den Text gefunden, kritisierte er. Seelsorgliche Hauptaufgabe der Kirche solle die Unterstützung der Familie sein und "nicht ein Schlag gegen sie". Gadecki bemängelte unter anderem eine zu wohlwollende Bewertung von eheähnlichen Lebensgemeinschaften und eine mögliche Billigung der Kindererziehung durch gleichgeschlechtliche Paare. Der Zwischenbericht scheine "alles zu akzeptieren, was es gibt", beklagte Gadecki.

Synodenpräsident gegen Etikettierungen

Das Papier sei in allen Punkten "sehr vorläufig", sagte Kardinal Luis Tagle, einer der drei Synodenpräsidenten, nach der Veröffentlichung des Berichts. Vieles stehe noch zur Diskussion. "Das Drama geht weiter", scherzte der Erzbischof von Manila in Bezug auf die Debatten in zehn Sprachgruppen, die die Synodalen noch bis Donnerstag führen. Tagle warnte davor, die Synode in "Konservative" und "Progressive" einzuteilen. Solche Etikettierungen seien schwierig festzumachen.

Nach dem Bericht bekennen sich die Bischöfe zu einem respektvollen Umgang mit Menschen ungeachtet ihrer sexuellen Orientierung oder der Form der Partnerschaft, in der sie leben. Erzbischof Bruno Forte, der Sondersekretär der Synode, betonte, die Kirche sei nicht da, um Menschen zu verurteilen, sondern um sie zu begleiten und ihre Würde zu verteidigen. Und diese, so ergänzte Erdö, hänge nicht von der sexuellen Ausrichtung eines Menschen ab. (mit Material von KNA)

Von Agathe Lukassek

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