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Kampf um einen Weinberg

Von extremistischen jüdischen Siedlern bedroht, gründete die palästinensische christliche Familie Nassar auf ihrem Weinberg ein visionäres Friedensprojekt. Das christliche "Tent of Nations" ist seit Jahren eine Absage an Gewalt und ein Symbol gegen illegale Landnahme in Palästina.

Israel | - 05.11.2012

Von extremistischen jüdischen Siedlern bedroht, gründete die palästinensische christliche Familie Nassar auf ihrem Weinberg ein visionäres Friedensprojekt. Das christliche "Tent of Nations" ist seit Jahren eine Absage an Gewalt und ein Symbol gegen illegale Landnahme in Palästina.

Ihre Augen leuchten stolz, wenn Amal Nassar die Luke zu ihrer Wasserzisterne öffnet und den Besuchern den unterirdischen Wasservorrat präsentiert. Eigenes Wasser bedeutet Eigenständigkeit für sie und ihre Familie. Es bedeutet Leben inmitten eines Umfeldes, das allzu oft feindlich und aggressiv ist.

Eine reguläre Wasserleitung darf die palästinensische Familie nicht anlegen, auch den Bau einer Stromleitung hat die israelische Regierung der Familie strikt untersagt. "Darum fangen wir das Regenwasser in Zisternen auf und nutzen die Sonnenkraft mit einer Solaranlage", sagt Amal.

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"Unser Land ist unsere Mutter und man darf seine Mutter nicht verkaufen", diese Überzeugung vertritt Daoud Nassar, ein palästinensischer Christ im Westjordanland, gegenüber der aggressiven Siedlungspolitik Israels.  Christoph Klein, KleinFilm, www.KleinFilm.jimdo.com

Gewaltloser Widerstand

Der Grund für das absolute Bebauungsverbot ist ein einfacher: das Grundstück der Nassars ist den jüdischen Siedlern ein Dorn im Auge, es liegt mitten in ihrem Besiedlungsgebiet und soll einer Verbindungsstraße zwischen den Siedlungen und später einem jüdischen Dorf weichen. "Seit 20 Jahren kämpfen wir gegen unsere Vertreibung", erzählt Amal, "bis auf den heutigen Tag lassen die Siedler nichts unversucht, uns das Land wegzunehmen".

Die Geschichte des gewaltlosen Widerstands der Familie beginnt mit Abschluss des israelisch-palästinensischen Interimsabkommens im Jahre 1995 in Oslo. Das Westjordanland wird in drei Zonen aufgeteilt. Nassars Weinberg fällt mitten in die sogenannte Zone C. In dieser Zone darf Israel unbenutztes Land besiedeln und ist für die Sicherheit zuständig. "Der israelische Staat erklärte unser Land kurzum zu Staatseigentum, dabei handelt es sich hier um unser privates Grundstück", empört sich Amal.

Bedrohung mit Bulldozern

Seit 1995, jenem Schicksalsjahr für das Westjordanland, versuchen die jüdischen Siedler auf verschiedenen Wegen, die Familie vom Weinberg fort zu treiben. Offene Anfeindungen und Bedrohungen mit Bulldozern zählen genauso dazu wie ein Kaufangebot in Form eines Blankoschecks. Unzählige Gerichtsverhandlungen und Abrissandrohungen musste die Familie über sich ergehen lassen.

"Viele unserer palästinensischen Nachbarn sind weggezogen, ausgewandert, haben aufgegeben", sagt Amal mit trauriger Stimme. Doch das kam für ihre Familie nicht infrage, zu sehr sind sie mit diesem Stück Erde verbunden. Das Land sei für sie "wie eine Mutter, die uns sehr viel bedeutet, auf die wir aufpassen und die wir schützen".

Amal Nassar betreibt zusammen mit ihrer Familie das Projekt "Tent of Nations".
Amal Nassar betreibt zusammen mit ihrer Familie das Projekt "Tent of Nations".  Johannes Reichart

Workshops und Kochen unter freiem Himmel

Immer wieder dringen Siedler in ihr Grundstück ein, machen reife Früchte unbrauchbar und treten Zäune ein. Sie wollen die Palästinenser zu einer gewaltsamen Verteidigung provozieren. Doch die Familie entschloss sich, auf die Anfeindungen der Siedler gewaltlos zu reagieren: mit der Gründung eines Friedensprojekts, das "Tent of Nations". Amal erinnert sich an den Beginn des Projekts vor 10 Jahren: "Mein Vater hat gesagt, 'wir weigern uns Feinde zu sein' – das ist unsere Antwort auf die Aggression von außen". So initiierte die Familie ihre Vision von der christlichen Feindesliebe.

Das "Tent of Nations" ist eine Mischung aus landwirtschaftlichen Workshops und Fortbildungskursen für Kinder, Jugendliche und Frauen aus der Umgebung und dem Ausland. Die Teilnehmer übernachten in Zelten und kochen unter freiem Himmel. In den Kursen lernen sie, wie man einen Olivenbaum pflanzt und sich durch Landwirtschaft autark ernähren kann. Kinder können hier ihren traumatischen Erfahrungen aus dem Besatzungsalltag durch Malen und Geschichten-Schreiben einen Ausdruck verleihen.

Außerdem bietet das Projekt Kurse für palästinensische Frauen über Themen wie Emanzipation, Frieden und Toleranz an. "Wir zeigen den jungen Müttern Wege, ihre Kinder zu friedlichen, interagierenden und gesunden Menschen zu erziehen und Aggression und Hass zu überwinden", beschreibt Amal das Anliegen ihrer Arbeit.

Die Familie zieht vor Gericht

Seit 1916 wohnen die Nassars auf dem Weinberg sieben Kilometer von Bethlehem entfernt und leben von dessen landwirtschaftlichen Erzeugnissen. Auf dem 40 Hektar großen Anwesen wachsen Oliven, Feigen, Weintrauben, Äpfel und Aprikosen. Die christliche Familie hat im Gegensatz zu vielen anderen palästinensischen Familien das Glück, alle verbrieften Grundstückstitel des vergangenen Jahrhunderts aufbewahrt zu haben. "Von den Ottomanen, über die Briten, Jordanier und Palästinenser – wir haben alle Originaldokumente", betont die Amal und erklärt, dass die israelischen Gerichte diese nicht anerkennen wollen.

Immer wieder wurde der Prozess verschleppt, vertagt und hinausgeschoben, Anwälte nicht anerkannt, Bestimmungen nicht ins Arabische übersetzt und neue, manipulierte Landkarten hervorgeholt. Heute, nach über 20 Jahren, kämpfen Amal und ihre Familie immer noch gerichtlich um ihr Land. Ein Kampf, der in die Kosten, aber vor allem auf die Psyche geht.

Aus dem Kreislauf der Gewalt ausbrechen

Doch von dem Friedensprojekt geht ein Signal aus, das der gelernten Krankenschwester Kraft gibt für ihren gewaltlosen Widerstand. Es sei das Signal, aus dem Kreislauf der Gewalt auszubrechen. Für Amal ende die Reaktion auf Gewalt mit Gegengewalt solange nicht, "bis man nicht irgendwann anfängt, friedlich zu reagieren". Bei ihrer Arbeit helfen der Familie Nasser internationale Freiwillige. Auch der "Deutsche Verein vom Heiligen Lande" schickt jedes Jahr junge Abiturienten aus Deutschland zur Mitarbeit bei der Ernte, auf dem Feld und mit den Gruppen auf den Weinberg.

Der Traum der Nassars ist es, Brücken zu bauen zwischen internationalen Gästen und lokalen Bewohnern, zwischen unterschiedlichen Kulturen und letztlich auch zwischen ihnen und den jüdischen Siedlern. Amal wurde in Bethlehem geboren und ist stolz darauf. Ihr Gebet um Frieden ist manchmal schwer, aber sie weiß: "Wenn wir die Hoffnung verlieren, können wir nicht mehr auf diesem Stück Land leben".

Von Johannes Reichart

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