Ukraine

Kampf um Gotteshäuser

Kiew und Moskau streiten auch um ihre Gläubigen

Moskau/Kiew - 16.10.2014

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin fährt im Ukraine-Konflikt zweigleisig. Er sendet Friedenssignale und macht Kiew zugleich heftige Vorwürfe. Am Donnerstag oder Freitag will der Kremlchef beim Europa-Asien-Gipfel in Mailand mit seinem ukrainischen Amtskollegen Petro Poroschenko über eine Lösung des Konflikts sprechen. Das teilten die Präsidialämter in Moskau und Kiew am Dienstagabend nach einem Telefonat beider Staatsoberhäupter mit.

Wenige Stunden zuvor warf Putin der ukrainischen Regierung jedoch eine grobe Verletzung der Religionsfreiheit vor. Mit keinem Wort reagiere Kiew auf Aufrufe ukrainischer Nationalisten zu Gewaltakten gegen Angehörige der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, sagte er bei einer Sitzung des russischen Menschenrechtsrates. "18 Kirchen wurden bereits weggenommen", die Gläubigen "vertrieben, geschlagen, gedemütigt und ihres Eigentums beraubt", so Putin.

In der Ukraine gibt es eine Kirche des Moskauer und des Kiewer Patriarchats, deren Verhältnis sehr angespannt ist. Nichts trennt beide Kirchen mehr als ihre Haltung zu Putin. Der Moskauer Patriarch Kyrill I. (67) lobte vergangene Woche am 62. Geburtstag des Kremlchefs die "jahrzehntelange Selbstaufopferung" und "fruchtbringende Arbeit" des Staatspräsidenten, die bereits "integraler Teil der vaterländischen Geschichte" sei.

Viele Ukrainer sind gegen Kyrill I.

Nie sagte er in der Öffentlichkeit etwas gegen die im März erfolgte Einverleibung der ukrainischen Schwarzmeerhalbinsel Krim durch Russland und die militärische Unterstützung des Kremls für die Separatisten in der Ostukraine. Das brachte viele Ukrainer gegen Kyrill I. auf.

Archivnummer: KNA_207167  KNA

Der 85-jährige Kiewer Patriarch Filaret polemisierte hingegen mehr als einmal leidenschaftlich gegen Putin. Er schimpfte ihn einen "neuen Kain - nicht nach dem Namen, sondern den Taten nach". Wie der Brudermörder Kain sei auch Putin vom "Teufel besessen". Auch mit dem Moskauer Patriarchen Kyrill I. ging Filaret hart ins Gericht. Dieser stütze Moskaus Aggression gegen die Ukraine, indem er Propaganda gegen Kiew betreibe.

Vor diesem Hintergrund brachen in der Westukraine in den vergangenen Monaten mehrere Pfarreien mit dem Moskauer Patriarchat und schlossen sich der Kirche des Kiewer Patriarchats an. Nach Darstellung ukrainischer Medien ging es dabei ganz demokratisch zu. In Pfarrversammlungen stimmten demnach die Gläubigen für den Konfessionswechsel, in einem Dorf in der Bukowina sogar mit einer Mehrheit von 95 Prozent. Mancherorts demonstrierten jedoch bis zu 100 Menschen gegen die Übernahme von Kirchen durch das Kiewer Patriarchat.

Auch im Osten der Ukraine wird um Kirchen gekämpft

Wie viele Pfarreien das Moskauer Patriarchat in den vergangenen Monaten an die 1992 gegründete Kiewer Kirche verlor, ist unklar. Das Kiewer Patriarchat betont, die Pfarreien seien aus freien Stücken zu ihm übergelaufen, manchmal mitsamt der Priester. Das ukrainische Recht gibt den Kirchengemeinden das Recht, selbst ihre Konfessionszugehörigkeit zu ändern, auch gegen den Willen des Pfarrers. Dieser gilt nur als Angestellter der Gemeinde und kann nicht verhindern, dass eine Pfarrei zu einer anderen Kirche wechselt.

Das Kiewer Patriarchat distanzierte sich zuletzt entschieden von allen Aktionen gegen moskautreue Priester und ihre Kirchen und beschuldigte den russischen Geheimdienst, Überfälle auf Kirchen des Moskauer Patriarchats in der Ukraine fingieren zu wollen. Auch in den von prorussischen Separatisten ausgerufenen "Volksrepubliken" im Osten der Ukraine wird um Kirchen gekämpft. Hier sollen bewaffnete russische Kosaken Anfang Oktober die Kathedrale des Kiewer Patriarchats in Lugansk überfallen und die Priester vertrieben haben.

Die orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats wurde hier zur Staatsreligion erhoben. Nachdem Pfarrer anderer Konfessionen dort tagelang entführt worden waren, flohen die meisten Geistlichen dieser Glaubensgemeinschaften aus dem Donbass. Doch darüber schweigt Moskau.

Von Oliver Hinz (KNA)

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