"Kein Ausverkauf moralischer Werte"

Eine Debatte ist über das neue Papstschreiben entbrannt. Vor allem die erleichterte Vergebung von Abtreibungen wird kontrovers diskutiert. Aber was ändert sich für Deutschland?

Papstschreiben | Bonn - 23.11.2016

Nach dem Beschluss von Papst Franziskus, Frauen nach einer Abtreibung den Weg zu kirchlicher Vergebung zu erleichtern, gibt es Debatten um die Entscheidung. Die einen befürchten, dass das Bewusstsein für die Sündhaftigkeit von Abtreibungen verlorengeht, die anderen verteidigen den Papst. In Deutschland hingegen wird sich durch das Schreiben "Misericordia et misera" wohl wenig ändern.

Franziskus hatte in seinem Schreiben allen Priestern die Möglichkeit eingeräumt, Frauen in der Beichte von der Sünde einer Abtreibung loszusprechen. Gleichzeitig betonte er "mit all meiner Kraft", dass Abtreibung eine schwere Sünde sei, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setze.

Der pensionierte Kurienerzbischof Gianfranco Girotti sagte am Dienstag einer italienischen Tageszeitung, es bestehe nun die Gefahr, dass sich Frauen eher für eine Abtreibung entschieden, weil sie irrtümlich glaubten, "ihnen werde leicht vergeben". Als Regent des Gerichtshofs Apostolische Pönitentiarie war Girotti bis 2012 unter anderem für die Lossprechung von jenen schweren Sünden zuständig, die dem Vatikan vorbehalten ist. Laut der Zeitung "La Repubblica" sollen im Vatikan etliche Geistliche seine Bedenken teilen.

Linktipp: Nicht der ganz große Schritt

Das Schreiben "Misericordia et misera" bildet den Abschluss des Heiligen Jahres. Verkündet der Papst darin die Einigung zwischen Vatikan und Piusbrüdern? Nicht so ganz. Aber er geht weiter auf sie zu.

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Am Mittwoch hingegen wies der Generalsekretär der Italienischen Bischofskonferenz, Bischof Nunzio Galantino, Bedenken wegen der neuen Beichtpraxis zurück. Die von Papst Franziskus formulierte Lockerung bedeute keinen "Ausverkauf moralischer Werte", sagte Galantino dem Nachrichtenportal "Il Sole 24 Ore". Franziskus rufe vielmehr jeden, "angefangen bei den Priestern", dazu auf, "sich selbst als Sünder zu erkennen, der Barmherzigkeit braucht".

Auch der Augsburger Weihbischof Anton Losinger sieht keine Gefahr der Laxheit. Er glaube, dass das Problem der hohen Zahl an Abtreibungen allen Menschen bewusst sei, sagte das Mitglied des Deutschen Ethikrats gegenüber Radio Vatikan. Aber Menschen, die mit dem Bekenntnis der Tötung eines ungeborenen Lebens in den Beichtstuhl kommen, seien oft jahrzehntelang belastet. "Darum halte ich diese breite Tür der Versöhnung, die der Papst öffnet, für absolut richtig und gut", so Losinger.

Abtreibung wird schärfer bestraft als Mord

Der Ethik-Experte verweist darauf, dass das Tötungsdelikt der Abtreibung im Kirchenrecht schärfer behandelt werde als etwa das Tötungsdelikt des Mordes. "Ich glaube, dass ganz intuitiv Menschen damit das Gefühl verbunden haben, dass mit der Abtreibung ein besonders wehrloses Geschöpf betroffen ist und das deswegen diese besondere kirchenjuristische Härte verbunden war," sagte Losinger dem Vatikansender.

Nach dem katholischen Kirchenrecht (c. 1398) zieht die Mitwirkung an einem Schwangerschaftsabbruch eine Exkommunikation als Tatstrafe nach sich, also einen automatischen Ausschluss aus dem kirchlichen Gemeinschaftsleben. Allerdings weisen Kirchenrechtler darauf hin, dass im Codex des kanonischen Rechtes Umstände aufgeführt sind, die die Strafe mildern und dafür sorgen, dass den Täter die Tatstrafe nicht trifft (c. 1324). Dazu zählt etwa Minderjährigkeit, Zwang oder eine Notlage.

Papst Franziskus unterschreibt das Schreiben "Misericordia et misera" ("Barmherzig und armselig") zum Heiligen Jahr. Links im Bild der vatikanische Innenminister Erzbischof Angelo Becciu.
 KNA

In den meisten Ländern war bislang eine sakramentale Lossprechung und die Aufhebung der Exkommunikation nur durch die Bischöfe und durch von ihnen ernannte bestimmte Beichtväter möglich. In den deutschsprachigen Ländern dürfen das alle Priester mit Beichtbefugnis. Hierzulande ändert sich nur, dass man weiterhin bei Piusbrüdern beichten darf und das, was der Papst im 9. Absatz von "Misericordia et misera" über die "Missionare der Barmherzigkeit" verfügt hat. Dieses Amt endete nicht mit dem Abschluss des Heiligen Jahres. Die Barmherzigkeits-Botschafter dürfen Sünden vergeben, die eine nur vom Apostolischen Stuhl selbst zu lösende Exkommunikation nach sich ziehen: Hostienschändung, Attentate gegen den Papst, Lossprechung von Mitschuldigen gegen das sechste Gebot und die direkte Verletzung des Beichtgeheimnisses.

Die Bestimmungen des Papstes sind bereits in Kraft getreten. Wie es aussieht, soll auch das Kirchenrecht an dieser Stelle angepasst werden. Bei der Vorstellung des Apostolischen Schreibens sagte Kurienerzbischof Rino Fisichella vor Journalisten: "Das Kirchenrecht ist eine Gesetzessammlung und immer wenn der Papst Maßnahmen vorstellt, die die gesetzliche Maßgabe verändern, muss der Artikel, den die Maßnahme betrifft, geändert werden". Wann die Änderung kommen könnte, ließ Fisichella offen. Er betonte, worum es Franziskus gehe. Der Papst trete in die Schuhe seiner Vorgänger und wolle jedem klarmachen: "Das wichtigste ist, dass Menschen Reue zeigen". (mit Material von KNA)

Von Agathe Lukassek

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