"Kein Ausweg aus der Sackgasse"

Der Journalist und Theologe Ulrich Ruh zieht ein gemischtes Fazit der Familiensynode: Das Bischofstreffen war vom Stil Papst Franziskus' geprägt durch lebendige und kontroverse Diskussionen – am Ende gab es aber keine Lösung für die Probleme, vor denen die Kirche seit der Enzyklika "Humanae vitae" steht.

Familiensynode | Elzach - 20.10.2014

Der Journalist und Theologe Ulrich Ruh zieht ein gemischtes Fazit der Familiensynode: Das Bischofstreffen war vom Stil Papst Franziskus' geprägt durch lebendige und kontroverse Diskussionen – am Ende gab es aber keine Lösung für die Probleme, vor denen die Kirche seit der Enzyklika "Humanae vitae" steht.

Der Vergleich spricht Bände: Im Herbst 1980 fand die erste Vollversammlung der Bischofssynode im Pontifikat von Papst Johannes Paul II. statt. Sie beschäftigte sich mit dem Thema Familie und mündete in das 1981 verabschiedete Apostolische Schreiben "Familiaris consortio". Damals versuchten Papst, Kurie und Synodenmehrheit alles, was auch nur nach einer Infragestellung lehramtlicher Positionen aussah, im Keim zu ersticken.

Das päpstliche Ergebnisdokument bekräftigte dann auch die jedenfalls in Teilen diskussionswürdige Enzyklika "Humanae vitae" Pauls VI. massiv; in späteren Äußerungen erhob Johannes Paul II. implizit die Absage von "Humanae vitae" an "künstliche" Methoden der Empfängnisverhütung in den Rang eines Dogmas.

Ulrich Ruh ist ehemaliger Chefredakteur der Herder Korrespondenz.  KNA

Jetzt galt die erste Vollversammlung der Bischofssynode unter Papst Franziskus ebenfalls der Problematik von Ehe und Familie. Diesmal verabschiedeten die in Rom versammelten Bischöfe einen eigenen Abschlussbericht; die Abstimmungsergebnisse zu den einzelnen Abschnitten des Dokuments wurden veröffentlicht. Außerdem ist die eben beendete "außerordentliche" Vollversammlung nur die erste Etappe auf einem Weg, der mit einer "ordentlichen" Vollversammlung im kommenden Herbst weitergeführt wird.

Ein solches zweistufiges Verfahren ist in der Geschichte der Institution Bischofssynode neu, genauso wie das von Papst Franziskus gewählte Verfahren der thematischen Vorbereitung auf das Bischofstreffen. Es umfasste bekanntlich eine Umfrage , in der der "status quaestionis" zu Ehe und Familie in den verschiedenen Regionen der Weltkirche erhoben werden sollte - der Befund war eigentlich nicht überraschend.

Der Wegcharakter prägt das ganze bisherige Pontifikat von Franziskus

In seiner Ansprache zum Abschluss der Synode bezeichnete Papst Franziskus diese als einen "gemeinsamen Weg". Der Wegcharakter prägt sein ganzes bisheriges Pontifikat: Er hat nicht wie seinerzeit Johannes Paul II. gleich zu Anfang lehramtliche Pflöcke eingerammt, sondern umsichtig Wege initiiert, deren weiterer Verlauf nicht abzusehen ist. Das gilt zum einen für die umfassende Reform der römischen Kurie, zum anderen für den Umgang mit drängenden Problemen der kirchlichen Verkündigung und Praxis, wie jetzt in Sachen Ehe und Familie.

Franziskus sprach von "Spannungen und lebendigen Diskussionen" bei der Synodenvollversammlung. Wann hat sich ein Papst in den letzten Jahrzehnten in vergleichbarer Weise geäußert! Der Verlauf der beiden Wochen des römischen Treffens bot auch wirklich genügend Spannung: Sie kam in der "Relatio" von Kardinal Peter Erdö nach der Aussprache im Plenum ebenso zum Ausdruck wie in den Berichten über die Arbeit der Sprachgruppen und hat sich nicht zuletzt in den Abstimmungsergebnissen zum Abschlussdokument niedergeschlagen.

Dieses Dokument atmet in etlichen Passagen den "Stil Franziskus", also die Bereitschaft, die Wirklichkeit (in diesem Fall die der Paare und Familien) ehrlich und sensibel anzunehmen und Probleme in einem positiven Geist anzugehen. In diesem Sinn spricht das Abschlussdokument von einer "neuen Dimension der heutigen Familienpastoral" (Nr.27) und betont an anderer Stelle im Blick auf nicht verheiratete Paare, man müsse sie "mit Geduld und Achtsamkeit" begleiten.

Dauerbrenner "Humanae vitae"

Bei den in der Kirche kontroversen Einzelfragen spiegelt das Abschlussdokument die Schwierigkeiten wieder, wirklich neue Wege einzuschlagen. Am ehesten wird die Tür im Blick auf die Situation der wiederverheiraten Geschiedenen einen Spalt geöffnet. Einige Bischöfe hätten sich für eine Zulassung zur Eucharistie in bestimmten Fällen ausgesprochen (Nr.52). Bei den Aussagen zum Umgang mit homosexuell orientierten Menschen bleibt es bei Zitaten aus bisherigen lehramtlichen Dokumenten, ohne dass weiterführende Perspektiven eröffnet würden. Der Bericht von Kardinal Erdö hatte an diesem Punkt noch wesentlich offener formuliert und auf den Eigenwert gleichgeschlechtlicher Partnerschaften hingewiesen.

Schließlich der Dauerbrenner "Humanae vitae": Hier wurde auf der Vollversammlung kein Ausweg aus der Sackgasse sichtbar, in die sich die katholische Kirche durch die gegen das Mehrheitsvotum der einschlägigen Kommissionen ergangene Festlegung Pauls VI. manövriert hat. Es ist ein Ausweis der Hilflosigkeit, wenn im Schlussdokument formuliert wird,es gelte die Botschaft von "Humanae vitae" wiederzuentdecken und die "natürlichen" Methoden der Empfängnisverhütung aufs Neue empfohlen werden.

Auch das Ergebnis der außerordentlichen Vollversammlung macht deutlich, wie schwer sich die katholische Kirche insgesamt mit dem Thema Tradition und Lehramt tut. Es ist nicht damit getan, mehr pastorale Sensibilität zu entwickeln, so sehr das zu wünschen wäre. Es bräuchte auch einen neuen Blick auf die Geschichte der offiziellen Lehrverkündigung mitsamt ihren Spannungen. Viele Theologen haben hier in den vergangenen Jahrzehnten gute Vorarbeit geleistet. Ein neuer, ehrlicher Dialog zwischen Theologie und Lehramt könnte deshalb weiter helfen.

Zur Person

Dr. Ulrich Ruh ist Journalist und Publizist. Von 1991 bis 2014 war er Chefredakteur der Herder-Korrespondenz.

Von Ulrich Ruh

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