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"Keine ärztliche Aufgabe"

Vor der Bundestagsdebatte zum assistierten Suizid am Donnerstag wird die Diskussion über würdevolles Sterben konkreter. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, ruft alle Christen in Deutschland dazu auf, ein breites Aktionsbündnis zur Förderung von Palliativ- und Hospizbegleitung zu schmieden.

Sterbehilfe | Bonn - 10.11.2014

Vor der Bundestagsdebatte zum assistierten Suizid am Donnerstag wird die Diskussion über würdevolles Sterben konkreter. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, ruft alle Christen in Deutschland dazu auf, ein breites Aktionsbündnis zur Förderung von Palliativ- und Hospizbegleitung zu schmieden.

"Das ist eine Aufgabe für die Ökumene der Taten", sagte Glück am Sonntag in Dresden. Dabei gehe es nicht nur um Strukturen und Angebote für Medizin, Pflege und Begleitung, sondern auch um grundsätzliche Fragen der Sterbekultur. Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx. Von der Bundestagsdebatte wünsche er sich, "dass sich das Parlament hier nicht als Gesetzesmaschine, sondern als Marktplatz der öffentlichen Debatte versteht", sagte er dem Magazin "Focus". Marx warnte vor einer Aufweichung des Lebensrechts: "Es ist ein Kernthema, ob unsere Gesellschaft menschlich bleibt oder nicht."

Sozialverband fordert Schutz vor Fremdbestimmung

Nach Ansicht des Kolpingwerkes Deutschland wirkt sich jede Form der organisierten Sterbehilfe belastend auf die Schwachen der Gesellschaft aus. Schwerkranke Menschen, die der Fürsorge und Zuwendung bedürften, müssten vor der Möglichkeit geschützt werden, sich selbst schnell das Ende zu bereiten, damit sie anderen Menschen nicht zur Last fallen, heißt es in einer Stellungnahme vom Sonntag. Die unantastbare Würde des Menschen und der notwendige Schutz Schwerkranker vor Fremdbestimmung machen nach Ansicht des katholischen Sozialverbandes eine solche Ablehnung notwendig.

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Menschen aus der Sterbebegleitung erzählen, warum ihre Arbeit wichtig für die Gesellschaft ist.
 Sarah Schortemeyer

Das Kolpingwerk wendet sich damit auch gegen den ärztlich assistierten Suizid. "Die zuletzt vor drei Jahren veränderte Richtlinie der Bundesärztekammer zur Sterbebegleitung hat hier Klarheit geschaffen." Gleichrangige Aufgabe des Arztes sei es demnach, unter Achtung des Selbstbestimmungsrechtes des Patienten Leben zu erhalten, Gesundheit wiederherzustellen sowie Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen, so das Kolpingwerk. Dennoch gebe es Situationen, in denen Therapieverfahren nicht mehr angezeigt seien, sondern eine palliativmedizinische Versorgung in den Vordergrund trete. "Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist dagegen keine ärztliche Aufgabe."

Der Deutsche Bundestag will bis Ende 2015 eine Regelung zur Suizidbeihilfe verabschieden. Am Donnerstag soll dazu eine "Orientierungsdebatte" stattfinden. Dabei variieren die politischen Positionen zwischen einer weitgehenden Erlaubnis der Suizidbeihilfe für Ärzte bis hin zu einer restriktiven Haltung, die jede organisierte Form der Beihilfe verbieten will.

Bundestagsvizepräsident Hintze will Entscheidungsfreiheit

Bundestagsvizepräsident Peter Hintze (CDU) will gemeinsam mit SPD-Politikern einen Gesetzentwurf vorlegen, nach dem ärztliche Beihilfe zum Suizid unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt werden soll. Dabei seien nicht alle Fragen "kasuistisch bis ins Letzte" zu beantworten, räumte Hintze im "Spiegel" ein, etwa die nach der Definition "unumkehrbar zum Tode" führender Krankheiten. Er plädiere dennoch für mehr Rechtssicherheit sowie die Entscheidungsfreiheit jedes Einzelnen, sagte der Politiker.

Hintze will jedoch nicht unter allen Umständen auf seinem Vorstoß beharren - die Ärzte könnten auch ihr Berufsrecht ändern. "Wenn die Ärztekammern vorher tätig werden und sagen: Doch, in bestimmten extremen Ausnahmesituationen, die wir auch kennen, wollen wir dieser Gewissensentscheidung des Arztes Raum geben - dann brauchten wir keine staatliche Regelung", sagte Hintze.

Die SPD-Fraktionsvorsitzende Carola Reimann glaubt, dass eine gesetzliche Zulassung ärztlicher Sterbehilfe auch die organisierte Sterbehilfe eindämmen könne. "In einer solchen Grenzsituation müsste sich keiner an eine anonyme Organisation wenden oder gar noch in die Schweiz fahren", sagte Reimann der dpa. Sie erhofft sich von der Bundestagsdebatte auch eine möglichst starke Wirkung in der Öffentlichkeit. Damit könnten Sterbebegleitung oder Hospiz-Bewegung mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Vorschläge ihrer Gruppe seien "eng begrenzt" auf einen vertrauten Arzt, sagte Reimann. Dem Sterbenden gebe die Möglichkeit eines tödlichen Medikaments große Sicherheit. Dies könne gerade zu einer Suizidvermeidung führen.

"Es dürfen keine Möglichkeiten zur assistierten Selbsttötung eröffnet werden", findet hingegen die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Ärzte sollten Menschen beim Sterben begleiten, nicht helfen. "Wir dürfen schwerstkranken Menschen nicht das Gefühl vermitteln, dass sie der Gesellschaft zur Last fallen."

Stiftung kritisiert "undifferenzierte" Umfrage

Die Pläne der Parlamentarier könnten dennoch auf Rückhalt in der Bevölkerung stoßen. Denn laut einer am Sonntag veröffentlichten Umfrage befürworten drei Viertel der Deutschen "ärztliche Sterbehilfe bei Patienten mit tödlichen Krankheiten". In einer Emnid-Umfrage für den "Focus" lehnten dies nur 17 Prozent der Befragten ab. In der Umfrage wurde allerdings nicht zwischen aktiver Sterbehilfe und der im Bundestag diskutierten Suizidbeihilfe unterschieden.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte die Umfrage als "viel zu pauschal und undifferenziert". Wenn schon Meinungsforscher so ungenau arbeiten würden, könne dies zu einer noch stärkeren Verunsicherung der Menschen beitragen, erklärte Stiftungsvorstand Eugen Brysch gegenüber der KNA. Die ethische Diskussion im Bundestag und in der deutschen Bevölkerung könne nicht gelingen, "wenn der grundsätzliche Unterschied zwischen Töten und Begleiten nicht klar wird".

Von der bisher straffreien Beihilfe zum Suizid zu unterscheiden ist die sogenannte aktive Sterbehilfe. Darunter versteht man die Tötung eines Patienten auf dessen ausdrückliches Verlangen durch Eingreifen von außen, meist durch einen Arzt. (bod/KNA/dpa)

Begriffe und Rechtslage der Sterbehilfe:

Ein Überblick über die wichtigsten Begriffe und ihre aktuelle Rechtslage in Deutschland: Aktive Sterbehilfe: Sie ist in Deutschland strafbar. Wer jemanden auf dessen Wunsch tötet, wird wegen Tötung auf Verlangen mit bis zu fünf Jahren Haft bestraft. Passive Sterbehilfe: Gemeint ist der Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen. Laut Bundesgerichtshof dürfen Ärzte die Maßnahmen auch dann abbrechen, wenn der Patient noch nicht kurz vor dem Tod steht. Indirekte Sterbehilfe: Die Gabe starker Schmerzmittel, die durch ihre Wirkung auf geschwächte Organe das Leben verkürzen können, ist nicht strafbar, wenn sie dem Patientenwillen entspricht. Eine Übersicht über solche Fälle in Kliniken gibt es nicht. Beihilfe zum Suizid: Ein Mittel zur Selbsttötung bereitzustellen, das der Betroffene selbst einnimmt, ist nicht strafbar. Die Ärzteschaft hat sich allerdings in ihrem Berufsrecht das Verbot auferlegt, Hilfe zur Selbsttötung zu leisten. (dpa)

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