Kirche statt Krieg

Ein langes Betonschiff, holzvertäfelt, rosa bepflanzte Blumenkästen vor den Fenstern. Aus der offenen Tür dringen Männerstimmen, es riecht nach Kaffee und heißem Fett. Nach Kriegsmarine sieht hier, am Houtdok 25 im Hafen von Antwerpen, erst einmal gar nichts aus. "Dabei war es Adolf Hitler selbst, der den Tanker 1942 in Auftrag gab", sagt Jos Vanhoof, Pfarrer der Antwerpener Seeleute und Binnenschiffer, der regelmäßig für Gottesdienste an Deck ist. Er lehnt sich über die Reling und schaut aufs Wasser, während er die Geschichte der "Sankt Jozef" erzählt.

Geschichte | Antwerpen - 26.01.2013

Ein langes Betonschiff, holzvertäfelt, rosa bepflanzte Blumenkästen vor den Fenstern. Aus der offenen Tür dringen Männerstimmen, es riecht nach Kaffee und heißem Fett. Nach Kriegsmarine sieht hier, am Houtdok 25 im Hafen von Antwerpen, erst einmal gar nichts aus. "Dabei war es Adolf Hitler selbst, der den Tanker 1942 in Auftrag gab", sagt Jos Vanhoof, Pfarrer der Antwerpener Seeleute und Binnenschiffer, der regelmäßig für Gottesdienste an Deck ist. Er lehnt sich über die Reling und schaut aufs Wasser, während er die Geschichte der "Sankt Jozef" erzählt.

"Das Schiff sollte im Krieg gegen Großbritannien eingesetzt werden, als Tanker, der die deutschen U-Boote mit Treibstoff, Trinkwasser und Proviant versorgen sollte", erinnert sich Vanhoof. Doch es kam anders: Im September 1944 wurde Antwerpen befreit, noch bevor das gerade im Hafen fertiggestellte Schiff jemals zum Kriegseinsatz gekommen war. Die belgische Regierung übernahm das Schiff und verkaufte es dem Erzbistum Mechelen-Brüssel. Und aus dem Kriegstanker wurde im Jahr 1950 ein Kirchenschiff, benannt nach dem heiligen Josef.

"So heißt es bis heute", sagt Vanhoof, lächelt freundlich und rückt seine Schirmmütze zurecht, die er zu Jeans und kariertem Hemd trägt. Der Seelsorger, der seit drei Jahren an Bord arbeitet, mag es gern unkonventionell. So kennt er es aus Venezuela, wo er 27 Jahre lang als Priester tätig war. Die Menschen im Hafen von Antwerpen geben ihm mit der Volksnähe recht: Im "Eetcafe", der Schiffskantine, wird er von Fritten essenden Arbeitern wie ein Freund begrüßt.

Auch bei den Binnenschiffern fährt der Tod immer mit

Vom Mittagstisch sind es nur ein paar Schritte bis zur Kapelle im hinteren Teil des Schiffes, verborgen durch eine Schiebetür. Hier ist es still, nur gedämpft klingt Gelächter aus der Kantine herüber.

Zahlreiche Holzstühle vor einem Altar, an der Wand daneben ein antikes Steuerrad, die Arche Noah im bunten Glasfenster verewigt, Jona und der Walfisch in Öl gemalt. Davor das Taufbecken in Schiffsform. Matrosen und Binnenschiffer feiern in der mit Schiffsmobiliar ausstaffierten Kapelle Sonntagsmessen, Hochzeiten und Taufen. "Die Bibel ist voll von Bildern und Erzählungen, die sich mit Meer und Seefahrt beschäftigen", sagt der Pfarrer.

An einer Wand im hinteren Teil der Kapelle hängt die Fotografie eines jungen Hochseematrosen, der in den 1950er Jahren in Seenot geriet und in der Nordsee ertrank. Auch bei den Binnenschiffern fährt der Tod immer mit: Fast jede Familie hat jemanden durch ein Unglück an Bord verloren - sei es durch unglückliches Ausrutschen oder eine Kollision. "Vielleicht spüren Seefahrer durch ihren Beruf auch mehr als andere Menschen, dass ihr Leben in Gottes Hand ist", überlegt Vanhoof. "Sie kennen die Gefahren der Schifffahrt sehr genau und wissen, wie sehr sie der Natur ausgesetzt sind."

Von Antwerpen aus können die Skipper den Rhein, den Main und den Donaukanal entlangschippern - wenn sie möchten, bis ans Schwarze Meer. Binnenschifffahrt ist auch heute noch größtenteils ein Familienbetrieb, der nur funktioniert, wenn alle mit anpacken und sich aufeinander verlassen können.

Und zwar auf engstem Raum: Eine schrankartige Tür an der Rückwand der Kapelle gibt den Blick frei auf einen rund sechs Quadratmeter großen Raum, einer nachgebauten Schlafkabine aus den 1920er Jahren, ausgelegt für Vater, Mutter und fünf Kinder. "Mein Mann hat das hier eingebaut", erzählt eine ältere Binnenschiffsfahrerin, die öfter im "Kerkschip" vorbeischaut. "Er kann sich noch erinnern, wie eng das damals war, ist sogar noch auf dem Schiff seiner Eltern geboren, das gerade auf der Seine in Paris haltmachte."

Jos Vanhoof, Pfarrer der Antwerpener Seeleute und Binnenschiffer in der Kapelle im Kirchenschiff "Sankt Jozef".
Jos Vanhoof, Pfarrer der Antwerpener Seeleute und Binnenschiffer in der Kapelle im Kirchenschiff "Sankt Jozef".
 KNA

Bis vor kurzem lag die schwimmende Kirche mitten im Hafen von Antwerpen, nach Rotterdam dem zweitgrößten Europas. Er verbindet die Schelde mit der achtzig Kilometer entfernten Nordsee. Kräne, Schleusen, Öltanks und Kaimauern: Pfarrer Vanhoof mochte die typische Hafenatmosphäre, hatte aber Sorge, dass sich das Schiff zu weit vom Zentrum entfernt befand.

Ein sozialer Ankerplatz

Vor ein paar Monaten zog es deshalb um aufs "Eilandje": einem "das Inselchen" genannten Stadtviertel dicht beim "Museum am Strom", kurz MAS genannt. Dieses nördlich vom Antwerpener Stadtzentrum gelegene Gebiet zwischen Altstadt und Scheldeufer hatte lange Zeit keinen guten Ruf. Inzwischen siedeln sich rund um das Museum zahlreiche Künstler an, es gibt neue Geschäfte und Restaurants. "Hier sind wir besser erreichbar", sagt Vanhoof, "auch für die, die uns noch nicht kennen."

Drei Boote mussten die "Sankt Jozef", deren Rumpf 3.800 Tonnen wiegt, zu ihrem neuen Liegeplatz schleppen. Ihr Gewicht ist ein Relikt aus alten Zeiten: Da die britische Marine durch den Gebrauch von magnetischen Seeminen die deutschen U-Boote mit großem Erfolg versenkte, verfiel die deutsche Kriegsmarine auf die Idee, Betontanker zu bauen.

Die "Sankt Jozef", die auch besichtigt werden kann, wurde wegen dieser selten erhaltenen Bauweise aus Stahlbeton im Jahr 2011 als maritimes Erbe eingestuft. Heute ist sie "ein sozialer Ankerplatz für Menschen aus aller Welt", findet Vanhoof. Das hatte sich Hitler vor 70 Jahren vermutlich anders vorgestellt.

Von Nina Schmedding

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