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Kirchen werden gehört

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben einen größeren politischen Einfluss, als bisher angenommen. Das hat eine neue Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ergeben. Die Kirchen bedienten sich seit Jahrzehnten professioneller politischer Instrumente und würden "insbesondere in ethischen, sozial- und bildungspolitischen Debatten auch von nicht-religiösen Akteuren anerkannt", sagt die Leiterin der Studie, Judith Könemann.

Studie | Münster - 28.04.2014

Die beiden großen Kirchen in Deutschland haben einen größeren politischen Einfluss, als bisher angenommen. Das hat eine neue Studie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ergeben. Die Kirchen bedienten sich seit Jahrzehnten professioneller politischer Instrumente und würden "insbesondere in ethischen, sozial- und bildungspolitischen Debatten auch von nicht-religiösen Akteuren anerkannt", sagt die Leiterin der Studie, Judith Könemann.

Trotz voranschreitender Säkularisierung in der Gesellschaft seien die Kirchen gerade in öffentlichen Auseinandersetzungen über Menschenwürde, Zuwanderung, Asyl, Integration oder Medizinethik mit mehrheitlich weltlichen Argumenten erfolgreich, so die Theologin und Soziologin. "In fast 60 Prozent der untersuchten Äußerungen griffen Kirchenvertreter auf rein weltliche Begründungen zurück."

In den untersuchten Quellen zeige sich "ein starkes Selbstverständnis der Kirchen, die Welt in Politik und Gesellschaft mitzugestalten", erklärt Könemann. Mit dem Bezug auf Jesus und Gott sei erst das neunthäufigste Argument der Kirchen in Debatten ausdrücklich religiös begründet. Viel häufiger gehe es dagegen um den Schutz des menschlichen Lebens , die Menschenwürde sowie soziale und rechtliche Maßnahmen, die auch von säkularen Kräften vorgebracht würden.

Kirchen passen sich an aktuellen Diskurs an

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie politische Stellungnahmen von Kirchenvertretern in rund 1.500 Medienberichten untersucht. Der Schwerpunkt lag dabei auf den langjährigen Debatten über Abtreibung und Zuwanderung. Fast alle Formulierungen der Kirchen seien stark an den jeweils aktuellen Diskurs angepasst, sagt die Studienleiterin. Die Kirchen zeigten typische Handlungsmuster zivilgesellschaftlicher Akteure: die mediale Einflussnahme auf die öffentliche Meinung, das Auftreten als "Wächterrat" und die Mobilisierung und Interessenvertretung gesellschaftlicher Gruppen. "Sie traten zum Beispiel immer wieder als Anwälte der Migranten ein."

Judith Könemann ist Professorin am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik der Universität Münster.  Privat

So arbeiteten Kirchenvertreter zur Jahrtausendwende in einer unabhängigen Kommission des Bundesinnenministeriums mit und trugen wesentlich zum Entwurf eines neuen Zuwanderungsgesetzes bei, erklärt Könemann. Auch hätten die Kirchen regelmäßig medial Themen gesetzt: Sie forderten in den 1980er Jahren eine Auseinandersetzung mit Fremdenfeindlichkeit und warben für die Einführung islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen. "Die Kirchen leisteten dabei eine erstaunliche und komplexe Vermittlungsarbeit zwischen der Logik des politischen, religiösen und sozialen Bereichs."

Wenn die Kirchen sich allerdings ins Tagesgeschäft der Politiker einmischten, würden ihnen schnell Grenzen gesetzt, lautet das Ergebnis der Studie. Als Beispiel nennt Könemann einen Streit zwischen Kirche und Staat im Zuge des 1993 verschärften Asylrechts, das vermehrt zu Aufnahme von Flüchtlingen in Kirchgengemeinden führte. "Als Kardinal Karl Lehmann das Kirchenasyl als Recht der Christen vor ihrem Gewissen bezeichnete, kritisierte Bundesinnenminister Manfred Kanther dies harsch", so Könemann. Der Kardinal habe sich anschließend öffentlich entschuldigt und betont, dass Kirchen kein eigenes Recht neben dem des Staates für sich in Anspruch nähmen.

Abtreibung: Katholischer und evangelischer Weg auseinander gegangen

Die christlichen Konfessionen passten ihre Rolle mehrfach dem sozialen und politischen Wandel an, wie die Untersuchung anhand der Abtreibungsdebatte zeigt. "Mit der Betonung des Lebensschutzes lagen beide Kirchen, Bevölkerungsmehrheit und Recht zunächst nah beieinander", sagt die Theologin. Nachdem das 1995 geänderte Gesetz fristgerechte Abtreibung bei staatlich anerkannter Beratung straffrei gemacht hatte, sei der katholische und evangelische Weg jedoch auseinander gegangen. "Während die katholischen Beratungsorganisationen 1998 auf Geheiß von Papst Johannes II. die Schwangerenkonfliktberatung beendete, setzten die evangelischen ihre Arbeit fort", erklärt Könemann.

Die Studie entstand im Forschungsprojekt C17 "Die Rolle der christlichen Kirchen in der Öffentlichkeit" des Exzellenzclusters "Religion und Politik". Das Team analysierte kirchliche Stellungnahmen in 500 Nachrichten und Berichten des Evangelischen Pressedienstes (epd), der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) und regionaler Kirchenzeitungen aus dem Zeitraum von 1970 bis 2004. Hinzu kamen 1.000 Berichte aus säkularen Medien wie dem "Spiegel", der "Süddeutsche Zeitung" und der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

Die Rolle der Religion in der Öffentlichkeit untersuchen Soziologen, Philosophen und Theologen auch auf einer Tagung am 8. und 9. Mai in Köln. Sie trägt den Titel "Religion, Öffentlichkeit, Moderne: Transdisziplinäre Perspektiven". (bod)

Exzellenzcluster "Religion und Politik"

Im Exzellenzcluster "Religion und Politik" der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster forschen rund 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus mehr als 20 geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern und 14 Nationen. Sie untersuchen das komplexe Verhältnis von Religion und Politik quer durch die Epochen und Kulturen: von der antiken Götterwelt über Judentum, Christentum und Islam in Mittelalter und früher Neuzeit bis hin zur heutigen Situation in Europa, Amerika, Asien und Afrika.

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