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Papst-Rücktritt

Klerus in der Krise

Benedikt XVI. hinterlässt eine versunsicherte Kirche

Vatikanstadt - 28.02.2013

Mit dem letzten Amtstag von Benedikt XVI. wechseln die internationalen Beobachter in Rom ihre Blickrichtung. Die rund 3.000 Journalisten, die sich seit der Rückzugsankündigung beim vatikanischen Presseamt akkreditiert haben, fragen nun nicht mehr, was der Abschied für den Papst bedeutet. Ihr Blick richtet sich für die Zeit der "Sedisvakanz" immer mehr auf den Zustand der Kirche, die Benedikt XVI. vaterlos zurücklässt.

Denn nur aus der korrekten Analyse dieser Lage können sie Vorhersagen für das künftige Pontifikat gewinnen.

"Vergiftetes" Konklave?

Die tiefste Beunruhigung finden sie in diesen Tagen in Rom selbst. Dazu trägt auch die politische Lage Italiens bei. Zwar sind Italiener unsichere Mehrheitsverhältnisse gewöhnt. Aber eine so verwirrende Lage wie nach den jüngsten Wahlen mit einer Partei von Politikverweigerern als zweitstärkster Kraft beunruhigt selbst römische Politprofis. Dass ausgerechnet jetzt auch noch die Kirche als unverrückbarste aller Institutionen ohne Oberhaupt ist, verstärkt die Sorge. Zudem weisen italienische Kommentatoren darauf hin, dass es seit mehr als 200 Jahren kein derart "vergiftetes" Konklave mehr gegeben habe.

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Interview mit Robert Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, zum Abschied von Papst Benedikt XVI.  katholisch.de

Als erster hat der schottische Kardinal Keith O'Brien (74) wegen (strafrechtlich nicht relevanter) moralischer Verfehlungen die Teilnahme absagen müssen. Mit Kardinal Roger Mahony (77) steht ein weiterer unter Druck, weil er als Bischof nicht alle geistlichen Missbrauchstäter der Strafjustiz überstellt hat. Weitere US-amerikanische oder irische Kardinäle könnten folgen. Solche Entwicklungen beeinflussen das Konklave numerisch, aber auch inhaltlich.

Chancenlose Kandidaten

Kandidaten, bei denen nur der geringste Zweifel an einer sauberen Bilanz in Sachen Missbrauchsverfolgung ruchbar wird, sind chancenlos. Dies könnte in letzter Konsequenz das Alter zu einem Kriterium machen - da ältere Kandidaten in ihrer lange zurückliegenden Bischofszeit möglicherweise Dinge durchgehen ließen, die man heute mit aller Härte verfolgt.

Die Unklarheit über den Zeitpunkt des Konklaves verstärkt das Unbehagen. Zwar hat der scheidende Papst noch rechtzeitig festgelegt, dass das Kardinalskollegium entscheiden darf, ob es die Wahl vorzieht; so hat er drohende Rechtsunsicherheit beseitigt. Zugleich hat er damit aber den noch nicht angereisten Kardinälen die Möglichkeit gegeben, durch ihre bloße Abwesenheit den Beginn der Wahl zu verzögern.

Spekulationen über Missstände in der römischen Kurie

Hinzu kommen Presseberichte über angebliche Missstände in der römischen Kurie. Zwar hat die linke Starjournalistin Conchita de Gregorio für ihre wilden Thesen über den Inhalt des Geheimberichts der drei "Kardinalkommissare" keine Belege.

Aber die Tatsache, dass es den Bericht gibt und dass er außer dem Papst niemandem vorgelegt wurde, reicht aus, um Spekulationen zu befeuern. Und so prägen Ungeschicklichkeiten in der vatikanischen Kommunikationsstrategie auch die Zeit zwischen den Pontifikaten.

Verunsicherte Weltkirche

Das Unbehagen der Gläubigen über Missstände am Hof des Papstes hat in Mitteleuropa lange Tradition. In den deutschsprachigen Ländern war es eine treibende Kraft der Reformation, und auch die Mehrheit der deutschen Katholiken hält seit langem eine innere Distanz zu Rom. Nun droht sich dieses Misstrauen trotz der Hochschätzung für den scheidenden Papst auf katholische Hochburgen auszubreiten.

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So hat Bonn die letzte Papst-Audienz erlebt.  katholisch.de

Schon heute sind Spanien und Irland von der Vertrauenskrise in Folge des Missbrauchsskandals und einer raschen Modernisierung der Gesellschaft erfasst; erste Risse zeigen sich selbst in Polen. Und im Internet-Zeitalter erleben sogar traditionelle Gesellschaften in Lateinamerika, Afrika und Asien rasante Modernisierungsschübe, die auch die Kirche erfassen. Sie betreffen mit der Infragestellung alter Familienbilder und der Rolle der Priester Teile des kirchlichen "Kerngeschäfts".

Eine Herkulesaufgabe

Benedikt XVI. selbst hat solche Veränderungen als den Hauptgrund für seinen Rücktritt benannt: Weil er mit seinen schwindenden Kräften nicht mehr in der Lage sei, das "Schifflein Petri" im schweren Seegang der heutigen Welt zu steuern, müsse er die Leitung abgeben.

Sein Nachfolger steht vor der Herkulesaufgabe, einer in Teilen misstrauischen Basis ebenso neues Vertrauen einzuflößen wie einer von Krisen geschüttelten Hierarchie.

Von Ludwig Ring-Eifel (KNA)

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