Knotenpunkt Familie

Ein sicherer Job, ein Häuschen am Stadtrand, Kinder, die fröhlich durch den Garten toben - so sieht die Vorstellung vieler junger Paare aus, wenn sie das Projekt Familie angehen. Und dann kommt das erste Kind und mit dem Glück auch die Sorge um sein Wohlergehen, die Schlaflosigkeit, der Stress... Allzu schnell wird das romantische Bullerbü-Bild von der Notwendigkeit überlagert, den Alltag irgendwie auf die Reihe zu kriegen.

Familiensonntag | Bonn - 18.01.2015

Ein sicherer Job, ein Häuschen am Stadtrand, Kinder, die fröhlich durch den Garten toben - so sieht die Vorstellung vieler junger Paare aus, wenn sie das Projekt Familie angehen. Und dann kommt das erste Kind und mit dem Glück auch die Sorge um sein Wohlergehen, die Schlaflosigkeit, der Stress... Allzu schnell wird das romantische Bullerbü-Bild von der Notwendigkeit überlagert, den Alltag irgendwie auf die Reihe zu kriegen.

"Familie steht immer in diesem Spannungsverhältnis von Idealbild und Wirklichkeit und dazwischen muss das Leben stattfinden", sagt Michael Feil, Leiter des Referates Ehe und Familie bei der Deutschen Bischofskonferenz. In der Familie laufe sehr viel zusammen an Sehnsüchten, Interessen und Bedürfnissen. Gleichzeitig strahle aber auch einiges von der Familie aus. "Sie leistet viel für die einzelnen Familienmitglieder, das Umfeld und die Gesellschaft."

"Knotenpunkt Familie" heißt daher auch das Thema des diesjährigen Familiensonntags der katholischen Kirche, der sich der Frage widmet: Ist die Familie ein Ort der tiefen Geborgenheit oder ein Kampfplatz, an dem Konflikte ausgefochten und Ansprüche verhandelt werden müssen?

"Zeit der hohen Anforderungen"

"Gerade Familien mit kleineren Kindern befinden sich ganz klar in einer Zeit der hohen Anforderungen", sagt Markus Wonka, Leiter der Familienberatungsstelle im Bistum Münster . "Es ist auch die Lebensphase, in der berufliche Karrieren anstehen und der Plan vom Eigenheim verwirklicht werden will." Auch wer mit den besten Vorsätzen begonnen hat, kann dabei ins Straucheln kommen. Schon der Alltag an sich, in dem Job und Familie, Haushalt und Freizeit schwer unter einen Hut zu bringen seien, führe bei vielen dazu, dass die Paarbeziehung über die Tischkante falle.

"Im Vordergrund steht, dass der andere funktioniert in seiner Rolle und in seinen Aufgaben." Für die Beziehungspflege bleibe dagegen kaum noch Zeit. "Viele glauben, in die Partnerschaft nicht so viel investieren zu müssen, nach dem Motto 'die läuft schon irgendwie'. Aber da verrechnet man sich", warnt Wonka, der viele Paare mit eben dieser Geschichte berät. "Die meisten kommen erst, wenn es schwierig wird. Dabei wäre es besser, schon vor der Eheschließung zu lernen, wie man richtig miteinander redet", so Wonka, der auch Kommunikationstrainings für Paare anbietet.

Markus Wonka ist Leiter der katholischen Familienberatungsstelle im Bistum Münster.
Markus Wonka ist Leiter der katholischen Familienberatungsstelle im Bistum Münster.
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Kommunikation ist heute wichtiger als noch vor zwei Generationen. "Auch wenn man die Zeit nicht zurückdrehen will: damals waren die Rollen und Aufgaben klar definiert. Heute haben Familien die Qual der Wahl zwischen unterschiedlichsten Lebensmodellen." Wer bleibt wann zu Hause? Wer leistet wie viel im Haushalt? Das sind Fragen, die Abstimmung erfordern. "Selbst wenn ein junges Paar die Familienarbeit gleichberechtigt angehen will, sieht die Realität oft anders aus", so der Psychologe. Es brauche viel Energie und auch die Kompetenz, ein System zu finden, mit dem alle Beteiligten zufrieden sind.

Eine aktuelle Forsa-Umfrage für die Zeitschrift "Eltern" hat diese Woche in den Medien einige Aufmerksamkeit erlangt, kommt sie doch zu dem überraschenden Ergebnis, dass der meiste Elternstress nicht durch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ausgelöst wird, sondern vielmehr hausgemacht ist. 56 Prozent der Männer und sogar 73 Prozent der Frauen gaben bei der Befragung an: "Ich habe sehr hohe Ansprüche an mich selbst!" Können sich nun Familienpolitiker und Arbeitgeber entspannt zurückzulehnen und Eltern ihr perfektionistisches Süppchen selbst auslöffeln lassen?

Komplexe Welt, unklare Zukunft

"So einfach ist es natürlich nicht", sagt Michael Feil von der Bischofskonferenz und gibt zu bedenken. "Unsere Kinder wachsen in einer komplexen Welt auf, die Zukunft ist recht unklar. Da müssen Sie nicht unbedingt nach Perfektion streben, um ins Grübeln zu kommen." Familienberater Wonka sagt: "Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten später durchs Netz fallen, wenn sie nicht genug gefördert werden. Das beginnt schon vor der Geburt, zum Beispiel mit der Empfehlung, dem Ungeborenen Mozart vorzuspielen, weil das die neuronale Entwicklung verbessern soll."

Der Blätterwald ist voll von unterschiedlichen Erziehungstipps und Anregungen, wie ein Kind heutzutage optimal aufwachsen sollte. Oft vermitteln sie das Gefühl, als wären alle Entscheidungen existentiell: Bilingual oder Waldkindergarten? Turnunterricht ab einem oder ab drei Jahren? Ist das leichte Lispeln ein Fall für den Logopäden? Ist die Erziehung gescheitert, wenn der Neunjährige nur vorm Computer hockt, statt mit seinen Freunden draußen Fußball zu spielen. Oder wenn er Fußball spielt, während andere für die Hausaufgaben bei Wikipedia recherchieren?

Eine Familie bestehend aus Mutter, Tochter und Vater (von links nach rechts) läuft händchenhaltend eine Wiese entlang.
Eine Familie bestehend aus Vater, Mutter und Tochter.
 Kzenon / Fotolia.com

60 Prozent der befragten Eltern beklagen den "Druck durch die hohen Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft" und haben Angst etwas falsch zu machen. Und auch die Kinder spüren das. Mehr als ein Drittel sagte bei einer ergänzenden Umfrage, die vom Kinder-Marktforschungsinstitut iconkids __amp__ youth durchgeführt wurde, dass ihre Eltern gestresst seien, "weil sie immer alles perfekt machen wollen". Spätestens, wenn große Probleme hinzukommen, wie Geldnöte oder Trennung benötigen Familien Unterstützung.

"Familien brauchen Zeit, Geld und Infrastruktur", sagt Michael Feil und an dieser Stelle seien Arbeitgeber und die Familienpolitik gefragt. Die Kirche unterstützt die Forderung nach familienfreundlichen Arbeitszeiten und Auszeiten für Erziehung und Pflege. Sie unterstützt Familien auch finanziell zum Beispiel durch die Caritas, wenn staatliche Transferleistungen nicht ausreichen. Und vor allem trägt sie mit Beratungs- und Bildungsstellen, Mutter-Kind-Einrichtungen und Mehrgenerationenhäusern viel zu einer umfangreichen Infrastruktur bei.

Die besten Eltern der Welt!

"Die Kirche zeigt auch Leitbilder von Familie auf, ohne sie jedoch aufoktroyieren zu wollen. Man darf die Familie nicht moralisch entmündigen", so Feil. Eines dieser Leitbilder ist die Familie als "Schule reich entfalteter Humanität". So vieles, was einen Menschen ausmacht, wird innerhalb der Familie erlernt. "Gegenseitige Rücksichtnahme, der herzliche Umgang miteinander und ein Sich-Angenommen-Fühlen sind Aspekte von Humanität, für die die Familie eine Schule ist", erklärt Feil.

Dass Liebe und Geborgenheit heute in Familien einen hohen Stellenwert haben und die fürsorgliche Erziehung Früchte trägt, zeigt übrigens das schönste Ergebnis der aktuellen Kinderumfrage: 92 Prozent der Jungen und Mädchen halten ihre Eltern für die besten der Welt!

Von Janina Mogendorf

Stichwort: Familiensonntag

Der Familiensonntag ist einer der Themensonntage der Deutschen Bischofskonferenz und soll einmal im Jahr die Familie besonders in den Fokus der Gemeinden, Diözesen und kirchlichen Einrichtungen rücken. Dazu gibt es ein Arbeitsheft mit Texten und Anregungen für die Gottesdienstgestaltung. Der erste Familiensonntag wurde 1976 gefeiert, seitdem findet er jährlich am Sonntag nach dem Fest Taufe des Herrn statt. Er steht unter dem Grundmotto "Liebe miteinander leben" und behandelt außerdem in Dreijahresschritten immer wieder andere Aspekte von Familie. In diesem Jahr lautet das Motto "Knotenpunkt Familie".

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