Kritik an Orden wegen Position zu Sterbehilfe

Ein belgischer Orden will an seinen Kliniken aktive Sterbehilfe erlauben. Die Deutschen Stiftung Patientenschutz mahnt nun, dass das Thema auch die Kirche in Deutschland etwas angehe.

Belgien | Brüssel - 13.09.2017

Der Ordensobere der Brüder der Nächstenliebe (Broeders van Liefde), Rene Stockman, bedauert, dass die belgische Organisation seines Ordens aktive Sterbehilfe in ihren Kliniken erlauben will. Er sei weiter bereit, darüber zu diskutieren, ob aktive Sterbehilfe in den Kliniken angewandt werden dürfe, heißt es in einer Pressemitteilung. Er werde aber nicht über einen "modus vivendi" diskutieren.

Brysch: Betrifft auch katholische Einrichtungen in Deutschland

Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagte am Mittwoch in Brüssel, der Orden erwecke den Eindruck, dass zu guter Pflege aktive Sterbehilfe nötig sei. "Das ist in jeder Hinsicht ein Widerspruch", so Brysch. Aktive Sterbehilfe beende die Pflege; sie setze sie nicht fort, sondern grenze sie ein.

Im Kern gehe es um die Frage, inwieweit sich Ordensleute in einer säkularen Gesellschaft noch von Regeln des Staates entfernen könnten, sagte Brysch. Das Bundesverfassungsgericht in Deutschland habe begleiteten assistierten Suizid in Ausnahmefällen erlaubt. Auch katholische Einrichtungen in Deutschland müssten sich überlegen, wie sie diesen Entwicklungen begegnen. "Ist Kirche dann nur noch ein Zeichen am Eingang und ein Logo auf einem Briefbogen?", fragte der Patientenschützer.

Der belgische Orden der Brüder der Nächstenliebe ist eng mit einer Organisation verknüpft, die 15 psychiatrische Kliniken in Belgien verwaltet. Im August hatte er die drei Ordensbrüder, die im Vorstand der Organisation sitzen, aufgerufen, sich zur katholischen Lehre zu bekennen und ihre Position zu aktiver Sterbehilfe zu revidieren. Geschehe das nicht, drohte Stockman mit der Spaltung von Orden und Organisation. "Das wäre sehr schlimm, weil 15 unserer psychiatrischen Krankenhäuser ihre katholische Identität verlieren würden", so Stockman in einem Interview.

Ist Kirche dann nur noch ein Zeichen am Eingang und ein Logo auf einem Briefbogen?

Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz

In der aktuellen Pressemitteilung bedauert Stockman, dass die Mediationsgespräche nicht erfolgreich waren. Der Mediator Rik Torfs, von 2013 bis 2017 Rektor der Katholischen Universität Leuven, habe aufgegeben, da er kein Vertrauen mehr in die Organisation der Broeders van Liefde habe. Stockman kündigte an, den Vatikan in der letzten September-Woche über die aktuelle Lage in Belgien zu informieren. Derzeit befinde er sich in der Demokratischen Republik Kongo.

Der Vatikan ist bereits mit dem Thema befasst. Der frühere Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, verfasste in seiner ehemaligen Position einen dreiseitigen Brief, der vom Papst genehmigt wurde. Er war die Grundlage für Stockmans Aufforderung an seine Leute, ihre Position zu revidieren.

Die belgische Organisation hatte am Dienstag bekräftigt, dass sie aktive Sterbehilfe in ihren 15 psychiatrischen Kliniken erlauben wolle. Sie glaube "nachdrücklich" daran, dass ihre veränderte Position zu aktiver Sterbehilfe mit der katholischen Lehre zusammenpasse. Die Position sei durch den christlichen Grundgedanken entstanden, der in den Kliniken umgesetzt werde. Dafür würden auch Veränderungen in der Gesellschaft einbezogen.

Die Haltung zu aktiver Sterbehilfe sei durch den Wunsch entstanden, bestmögliche Pflege anzubieten, so der Verein. Ihm sei wichtig zu betonen, dass die "Untastbarkeit" des Lebens vor dem Wert der Autonomie stehe. Zur Position der drei Brüder, die im Aufsichtsrat sitzen, wollte sich die Organisation nicht äußern. Dies seien sehr persönliche und individuelle Fragen gewesen, die nicht in den Medien diskutiert werden müssten.

5.500 Patienten in Belgien

Seit der Gründung in Gent 1807 engagiert sich der Orden der "Broeders van Liefde" besonders in der Pflege von psychisch Kranken. In Belgien betreuen sie 5.500 Patienten; sie sind in Flandern für ein Drittel der Betten im Bereich psychischer Erkrankungen verantwortlich. Weltweit hat der Orden weltweit 603 Mitglieder und ist in 31 Ländern aktiv. (gho/KNA)

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