Leb wohl, Benedetto!

| - 06.01.2015

Lieber Papst Benedikt,

das ist das Bild des Jahres. Vielleicht ein Jahrhundertbild mit ikonographischer Kraft. Ein weißer Hubschrauber, aufsteigend über dem Vatikan und der Stadt Rom. Und Du, der Pontifex Maximus, auf Deiner letzten Dienstreise. Keine 30 Kilometer weiter, am Rande der Albaner Berge in Castel Gandolfo, endet Dein Pontifikat, das seines Gleichen sucht und in der neueren Geschichtsschreibung von seinem spektakulären Ende her gedeutet werden muss.

Was wirst Du auf diesem kurzen Flug denken? Über das, was Du aufgegeben hast. Über Dein Leben, das kaum Selbstbestimmung kannte. Über eine Karriere, die Dich von Marktl am Inn über Regensburg und München nach Rom bis in den päpstlichen Palast gebracht hat. Was wirst Du über Deine Kirche und die Abgründe, die sie Dir zugemutet hat, denken? Und über das, was Dich nun erwartet? Werden wir das je erfahren?

Du hast uns beeindruckt

Den Berührungspunkten zwischen Demut, Resignation und körperlicher Schwäche, die die ungezählten Journalistenkollegen mit Deinem Rücktritt verbinden, hast Du in Deinen letzten öffentlichen Auftritten der vergangenen Tage eine greifbare geistliche Stärke und Ausstrahlung entgegengesetzt. Wir fragen uns, wie viel Selbstverleugnung der eigenen Befindlichkeit, wie viel Glaubensstärke und Gottvertrauen kann ein Mensch haben? Damit hast Du uns beeindruckt.

Trotzdem: Wie wird das sein für Dich, wenn der Hubschrauber gelandet ist? Sicher, man wird Dir ein leichtes Abendbrot zubereitet haben. Vielleicht schaust Du dir im Anschluss daran mit Deinem Privatsekretär Georg Gänswein die Nachrichten an, um zu sehen, wer wie über Deinen letzten Arbeitstag als Papst berichtet hat.

Der Papst sagt Servus

In unserem Dossier finden Sie alle wichtigen Informationen zum Rücktritt von Papst Benedikt XVI. Zum Dossier

Aber an wen und was wirst Du denken? Kannst Du das, was Dich seit Deiner Rücktrittserklärung persönlich, menschlich und emotional bewegt, nur mit Gott im Gebet ausmachen? Geht so etwas oder braucht es nicht auch Freunde und Vertraute? Vielleicht rufst Du Deinen Bruder Georg an, um ihm zu sagen, dass es jetzt vorbei ist. Und ihr beiden werdet Euch versichern, die wenige Zeit, die Euch bleibt, möglichst gemeinsam zu verbringen. Wenn dann das Konklave in wenigen Tagen beginnt, wirst Du sicherlich inständig beten für Deinen Nachfolger, dass er, der längst von Gott ausgewählt sein soll, auch von den Kardinälen als solcher erkannt wird.

Wird der neue Papst, noch bevor er sich auf der Loggia den Gläubigen und der Welt auf dem Petersplatz zeigt, zum Telefon greifen und Dich anrufen? Vielleicht als Geste der Wertschätzung für den, der vermutlich schon früh die Weichen für diesen Aufstieg gestellt hat? Wird er sich Deines Gebets, Deiner Zustimmung, Deines Rats versichern wollen? Natürlich wirst Du am Fernsehen dabei sein, wenn in einer weiteren Erregungskurve der neue Nachfolger Petri vermessen und einsortiert und mit überbordenden Erwartungen behangen wird. Du wirst dann womöglich still in Dich hineinlächeln und denken: "Was wisst ihr schon..."

War früher alles besser?

Irgendwann wird dann der Tag kommen, an dem man Dich in das hinter den Vatikanmauern gelegene Kloster Mater Ecclesiae bringen wird. Wir hier in der Redaktion bezweifeln, ob das eine wirklich gute Idee ist. Heißt es doch schon auf Gemeindeebene, dass kein Pfarrer im Ruhestand in seiner alten Gemeinde bleiben soll, um seinem Nachfolger über die Schulter zu schauen. Du wirst sie unweigerlich hören müssen, die Hymnen bei Staatsbesuchen im Vatikan. Das Ein- und Ausgehen von Würdenträgern aus der ganzen Welt und die Versuche, dich besuchen zu wollen, um dann vielleicht festzustellen, dass früher alles besser war.

Wie sehr hätten wir Dir eine anonyme Bleibe in Deiner geliebten bayerischen Heimat gewünscht. Ein allerletztes Stück erlebbare Freiheit für einen Mann, der seine Freiheit stets in seiner Intellektualität finden musste. Aber auch dieses letzte Opfer hinter römischen Mauern wirst Du demütig ertragen. Wir werden uns hier damit abfinden müssen, nicht mehr Papst zu sein. Und wir werden damit leben müssen, nur noch wenig von Dir zu hören. Dafür werden wir umso mehr von Dir nachlesen. Versprochen!

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