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Liturgie im Dialog

Was auf den ersten Blick etwas fad erscheinen mag, birgt bei näherem Hinsehen einiges an innerkirchlicher Sprengkraft: "Liturgie" heißt das Thema, mit dem sich am Freitag und Samstag in Stuttgart rund 300 Vertreter aus allen deutschen Bistümern befassen.

Kirche | Stuttgart - 10.09.2013

Was auf den ersten Blick etwas fad erscheinen mag, birgt bei näherem Hinsehen einiges an innerkirchlicher Sprengkraft: "Liturgie" heißt das Thema, mit dem sich am Freitag und Samstag in Stuttgart rund 300 Vertreter aus allen deutschen Bistümern befassen.

Die Veranstaltung ist Teil der Dialoginitiative zur Zukunft der Kirche, die der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, als Folge des Vertrauensverlustes nach dem Missbrauchsskandal angestoßen hatte.

Verstanden werden sollen die Gespräche als Prozess, bei dem es nach dem Willen der Bischöfe bis 2015 um die Frage geht, "vor welchen Herausforderungen die Kirche in ihren wesentlichen Selbstvollzügen steht". Der Prozess ist auf fünf Jahre angelegt. Jedes Jahr findet ein Forum statt; das in der baden-württembergischen Landeshauptstadt ist das dritte und bildet somit die Mitte.

Thema vor Ort aktuell

Ein Pfeil zeigt die fünf Jahresthemen der Bischofskonferenz im Dialogprozess: Wo stehen wir? (2011); Diakonia (2012); Liturgia (2013); Martyria (2014); Wo Gott ist, da ist Zukunft (2015)
Der Fünfjahresplan der Dialoginitiative zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland.  Deutsche Bischofskonferenz

Der Begriff Liturgie stammt aus dem Griechischen und bedeutet öffentlicher Dienst. Gemeint ist damit im theologischen Sinne, nach welchen Regeln Gottesdienste ablaufen. Doch vor dem Hintergrund des Priestermangels und einiger Reformdebatten hat das Thema ganz konkrete Auswirkungen vor Ort: Darf ein Laie, also ein nicht geweihter Christ, beispielsweise am Sonntag einem Gemeindegottesdienst vorstehen? Hier können die Antworten unterschiedlich ausfallen. Was in Ländern der so genannten Dritten Welt oft schlichtweg alternativlos ist, weil die Wegstrecken viel zu groß sind, als das überall am Wochenende ein Priester eine Eucharistiefeier leiten könnte, lehnen die meisten deutschen Bischöfe ab - obwohl zum Beispiel in der damaligen DDR allein aus schierer Not die Praxis eher der auf der Südhalbkugel glich. Hauptsache, Christen konnten überhaupt Gottesdienst feiern.

Und wie sieht es mit Paaren aus, bei denen einer evangelisch und der andere katholisch ist? Während bei den Protestanten das gemeinsame Abendmahl erwünscht ist, verweisen die Katholiken auf ein unterschiedliches Verständnis der Eucharistiefeier. Eher unfreiwillig aktuell ist das katholische Gebets- und Gesangbuch "Gotteslob". Es sollte zum 1. Advent, pünktlich zum neuen Kirchenjahr, eingeführt werden. Wegen Problemen mit der Druckqualität wird das nicht überall möglich sein. Das "Gotteslob" soll eine zeitgemäße Gestaltung der Liturgie ermöglichen.

Liturgie, das ist nach kirchlicher Lehre einer der drei Grundvollzüge christlichen Lebens, so heißt aber auch eines der Fächer, das zum Studium der Theologie gehört. Im Vorfeld der Dialogveranstaltung befasst sich die deutsche Sektion der Europäischen Gesellschaft für katholische Theologie deswegen ebenfalls in Stuttgart bei ihrer Jahrestagung mit liturgischen Themen. Auch hier geht es um die Fragen: Was ist möglich, wo sind Grenzen? Was bedeuten und bewirken Rituale? Kann und soll es nach dem Vorbild aus Lateinamerika - in Deutschland bislang sehr unbekannte - neue liturgische Dienste geben?

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Bilanz des Dialogforums in Hannover 2012  KNA

Wer ist zuständig?

Nach den Worten von Joachim Schmiedl von der Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar steht indes noch ein weiteres Thema im Vordergrund: "Es droht das neue Messbuch", sagt er und meint damit den Streit über die Inkraftsetzung der neuen deutschen Übersetzung des lateinischen Messbuchs, das alle grundlegenden Texte für den katholischen Gottesdienst enthält. Aus Sicht vieler Seelsorger verstärkt die vom Vatikan verlangte Fassung eher Verständnisprobleme, als Menschen für Gott und die Teilnahme an solchen Feiern zu gewinnen. Hinter der Diskussion steckt letztlich auch die Frage nach der Zuständigkeit römischer Stellen für Vorgänge hierzulande.

Überhaupt Rom: Das Stuttgarter Treffen ist das erste nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. und der Amtsübernahme durch Papst Franziskus. Aber so richtig vermögen bislang weder Bischöfe noch Laienvertreter zu beurteilen, ob und wie sie den innerkirchlichen Kurs der ehemaligen Erzbischofs von Buenos Aires einordnen sollen. Pragmatisch neue Wege gehen, einfach mal etwas Neues wagen oder doch lieber eingetretene Pfade beschreiten? Auch insofern ist der Dialog über die Liturgie ein Gespräch über die katholische Kirche insgesamt.

Von Michael Jacquemain (KNA)

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