Missbrauch

Lob für Aufarbeitung Benedikts

Experte des Vatikan sieht jedoch Defizite bei Priesterausbilung

Frankfuft/Main - 02.03.2013

Der frühere Missbrauchsbeauftragte des Vatikan, Charles Scicluna, hat die besonderen Verdienste des emeritierten Papstes Benedikt XVI. bei der Aufarbeitung von Missbrauch gewürdigt. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation habe er dieses Problem "früh erkannt", sagte der heutige Weihbischof in Malta der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Zwischen 2002 und 2012 war er als Kirchenanwalt der Glaubenskongregation unter anderem für Missbrauchsfälle zuständig.

Auf Betreiben des damaligen Kardinals Joseph Ratzinger habe Papst Johannes Paul II. im Jahr 2001 neue Bestimmungen über die Ahndung sexueller Gewalt erlassen, erklärte Scicluna. Danach sei kein Halten mehr gewesen. "Es war wie ein Tsunami". Er und seine Mitarbeiter seien in zehn Jahren mit rund 4.000 Meldungen von Missbrauch überschüttet worden. Sie seien zumeist aus den Vereinigten Staaten gekommen, aber auch aus Italien, Deutschland, Irland und Polen.

Scicluna würdigte in diesem Zusammenhang die Rolle der Medien. "Der öffentliche Druck war sehr wichtig", betonte er. So sei in der Umgebung Ratzingers bald die Einsicht gereift, dass die Vorfälle nicht vertuscht werden dürften.

"Zölibatärer sollte sexuelle Impulse kontrollieren können"

Angesichts der Skandale um sexuelle Übergriffe in der katholischen Kirche sieht Scicluna jedoch Defizite in der Priesterausbildung. Es gebe zwar keinen direkten Zusammenhang zwischen dem Zölibat und sexueller Gewalt, sagte er der Zeitung. Es stelle sich aber die Frage, warum der Zölibat keinen zusätzlichen Schutz gegeben habe. "Ein Zölibatärer sollte gelernt haben, seine sexuellen Impulse zu kontrollieren. Daher haben wir es mit einem Defizit in der Priesterausbildung zu tun", sagte er.

Der Weihbischof zeigte sich zugleich gewiss, dass die katholische Kirche beim Thema Missbrauch nicht mehr in alte Muster zurückfallen werde. Scicluna warnte jedoch davor, Geistlichen "blind zu vertrauen". Weil Übergriffe nie ausgeschlossen werden könnten, müssten Familien, Gruppen und Gemeinden in die Lage versetzt werden, "die Anzeichen von Missbrauch zu erkennen und nicht wegzuschauen".

Benedikt XVI und die Missbrauchsopfer

Papst Benedikt XVI. hatte die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Kleriker im Juni 2010 öffentlich um Verzeihung gebeten. Er versprach stellvertretend für alle Kleriker zum Abschluss des Priesterjahrs, "dass wir alles tun wollen, um solchen Missbrauch nicht wieder vorkommen zu lassen". In den knapp acht Jahren seines Pontifikats traf er bei Auslandsreisen immer wieder privat mit Opfern sexuellen Missbrauchs durch Priester und Ordensleute zusammen. (luk/KNA/dpa)

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