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"Luther war nicht tolerant"

In der Lutherdekade steht das Jahr 2013 unter dem Leitwort "Reformation und Toleranz". So ein Motto missachte die Intoleranz Martin Luthers und der Reformationszeit, sagt der Leiter der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten, Günter Frank. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Theologe, was das Themenjahr leisten soll.

Evangelische Kirche | Bonn - 18.01.2013

In der Lutherdekade steht das Jahr 2013 unter dem Leitwort "Reformation und Toleranz". So ein Motto missachte die Intoleranz Martin Luthers und der Reformationszeit, sagt der Leiter der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten, Günter Frank. Im Interview mit katholisch.de erklärt der Theologe, was das Themenjahr leisten soll.

Frage: Herr Frank, was ist das Ziel des Themenjahrs unter dem Leitwort "Reformation und Toleranz"?

Frank: Mir ist selber nicht ganz klar, was sich die Erfinder dabei genau gedacht haben. Sich heute das Thema "Reformation, Religion und Toleranz" auf die Agenda zu schreiben, geschieht wohl von der historischen Erfahrung der Intoleranz in dieser Zeit her.

Frage: Ist es sinnvoll, sich bei dem Themenjahr auf Martin Luther zu beziehen. War er ein Begründer der Toleranz?

Frank: Zunächst muss man sich fragen, was denn die Felder sind, auf denen im 16. Jahrhundert Toleranz hätte erprobt werden können? Im Rahmen der Kirche ist das der Umgang mit dem Judentum und dem Islam. Da muss man einfach nüchtern historisch feststellen, dass Luther im Umgang mit den Andersgläubigen, also den römischen Christen, den Juden und Moslems nicht tolerant war.

Frage: Wie äußert sich das?

Frank: Wenn Luther zum Beispiel 1545 schreibt, dass Toleranz gegen römische Christen geistliche Tyrannei sei, kann man das schwerlich Toleranz nennen. Bekannt sind auch seine antijüdischen Schriften aus späterer Zeit und seine Haltung gegenüber den Türken. Die stellten zwar mit ihrem Vorrücken nach Mitteleuropa eine militärische Bedrohung dar, aber Luther sah sie darüber hinaus auch in einer theologischen Perspektive als Zeichen des nahenden Antichristen an.

Frage: Ist also an den früher vor allem von Katholiken gemachten Vorwürfen etwas dran, nach denen Luther intolerant und judenfeindlich gewesen sein soll?

Frank: In der gesamten Lutherforschung herrscht eine Unsicherheit, wie man mit dessen antisemitischen Äußerungen umgehen soll. Sie sind nicht zu bestreiten. Aber man kann fragen, was sie unter den Vorzeichen seiner Zeit bedeuteten. Da muss man deutlich sagen, dass es damals nachweislich antisemitische Positionen in der römischen Kirche gegeben hat. Etwa die Kölner Dominikaner, die für die Verbrennung jüdischer Schriften plädiert hatten. Luther war ein Kind seiner Zeit und daraus eine Perspektive für Toleranz zu entfalten, halte ich für verwegen.

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Am 31.10. ist Reformationstag - Erinnerung an die Thesen Martin Luthers in Wittenberg  Katholische Fernseharbeit

Frage: Aber veränderte sich durch den Protestantismus nicht die Welt und es gab auf einmal Pluralität, mehrere Konfessionen, Toleranz?

Frank: Mit dem Titel des Themenjahrs "Reformation und Toleranz" stellt sich die Frage, was Reformation überhaupt heißt. Ist das Martin Luther oder ein Ereignis, zu dem auch Johannes Calvin, Ulrich Zwingli, Philipp Melanchthon und die Reformation in Osteuropa gehören. So breit gesehen gibt es einige Bausteine für Toleranz. Und dann kann man sagen, dass Reformation ein Katalysator für das war, was in der Folgezeit zu dem geführt hat, was wir heute als Toleranz bezeichnen.

Frage: Können Sie Beispiele für die Toleranz nennen?

Frank: Luther selbst würde man darunter nicht finden, aber etwa Melanchthon hat den französischen König Franz I. gebeten, die verfolgten Waldenser freizulassen und ihnen Religionsfreiheit zu gewähren. Gleichzeitig hat er aber den Kurfürsten empfohlen, gegen die Täufer "mit dem Schwert" vorzugehen.

Wenn man überhaupt von Toleranz in der Reformationszeit sprechen will, gibt es eine Region, in der diese tatsächlich politisch verbrieft war: Siebenbürgen. Die herrschenden Osmanen waren darauf bedacht, alles zu stärken, was Habsburg schwächt. Und so herrschte seit 1565 bis zur Gegenreformation Religionsfreiheit für Calvinisten, römische Katholiken, Lutheraner und sogar für die umstrittenen Antitrinitarier, also eine Bewegung, welche die Dreieinigkeit leugnete.

Stichwort: Philipp Melanchthon

Philipp Melanchthon war neben Martin Luther ein bedeutender Reformator. Geboren wurde er am 16. Februar 1497 in Bretten bei Karlsruhe. Der hochbegabte Junge wurde nach dem Tod seines Vaters von dem Humanisten, Philologen und Hebraisten Johannes Reuchlin erzogen. Nach seiner Ausbildung an den Universitäten Heidelberg und Tübingen schloss Melanchthon 1514 sein Studium ab. Bereits mit 21 wurde er Professor für griechische Sprache in Wittenberg. Im Zentrum der Reformation wurde er ein Anhänger und Freund Martin Luthers. 1521 verfasste Melanchthon eine Urdogmatik der Reformation, in der er den Inhalt der reformatorischen Lehre erstmals zusammenfasste und dadurch zum Systematiker der Bewegung wurde. Zum Vermittler zwischen den sich trennenden Kirchen wurde er mit seiner "Confessio Augustana" von 1530. Dieses Dokument stellt die lutherische Lehre dar und nennt die Missstände der mittelalterlichen Kirche. Sie gehört zu den wichtigsten Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche. Melanchthon starb am 19. April 1560 in Wittenberg. (luk/KNA)

Frage: Der Dialog zwischen den Kulturen ist ein Schwerpunkt der Melanchthon-Akademie. Lassen sich mit dem Anspruch Luthers, dass der Glaube den Alltag bestimmen sollte, heute auch Brücken zum Islam schlagen? Die lutherische wie islamische Position ähnelt sich doch an diesem Punkt.

Frank: Uns geht es darum, etwas von der Fixierung auf Wittenberg und Luther wegzukommen. Wenn man auf die Reformation als Gesamtereignis in ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung sieht, kommt man auch auf das Verhältnis Philipp Melanchthons zu den Türken und Juden, das signifikant anders war als das Luthers. Im jüdisch-kulturellen Gedächtnis ist er auch präsent, von ihm sind keine antijüdischen Schriften überliefert, sondern sein Eintreten gegen ein Juden-Pogrom in Brandenburg wird von jüdischer Seite bis heute hoch geschätzt.

Es gibt auch überraschende Äußerungen über den Islam: Er würdigt die Muslime, weil sie frommer seien als die Christen und keinen Aberglauben hätten, häufiger in Bäder und zu Gottesdiensten gingen. Besonders schätzte er, dass sie ein Naturrecht besitzen und man mit ihnen rational sprechen kann. Von diesem Ausgangspunkt haben wir überlegt, im interreligiösen Gespräch mit Juden und Muslimen über die Vernunft zu neuen Dialogformen zu finden. Denn der Dialog ist ja auch vom Islam her gewünscht.

Frage: Was ist Ihr persönlicher Wunsch an das Themenjahr 2013?

Frank: Mein Wunsch wäre, dass man die Verbindung von Reformation und Toleranz wirklich als Aufgabe und Auftrag für die Kirchen begreift. Dass man sich nicht historisch selbstgefällig zurücklehnt und sagt, dass die Reformation eine Zeit der Toleranz gewesen sei. Sie war im Gegenteil eine Zeit der Intoleranz und deshalb muss man heute aufgrund der faktischen Pluralität der Religionen Formen des Umgangs miteinander finden, wo wir unsere Eigenart als Christen aber auch den Respekt gegenüber andersglaubenden Christen zum Ausdruck bringen.

Das Interview führte Agathe Lukassek

Zur Person

Günter Frank (geb. 1956) ist katholischer Theologe und Philosoph. Seit 1998 leitet er die Melanchthon-Akademie in Bretten, der Geburtsstadt des Humanisten und Reformators. Zusätzlich lehrt er seit 2001 als Privatdozent für Philosophie an der Freien Universität in Berlin. Mehr Artikel über das Themenjahr "Reformation und Toleranz" im Rahmen der Lutherdekade bis zum Reformationsjubiläum 2017 lesen Sie hier: Kritik an Käßmanns Luther-Bild Historiker kritisiert Idealisierung Luthers Offizieller Internetauftritt auf der Seite "Luther 2017"

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