Manipulationen, Geschiedene und ein Reformer

Am Rande der Synode in Rom äußerten sich einige Kardinäle zu Wiederverheirateten und den Manipulationsvorwürfen. Zudem wurde ein Schreiben des Papstes veröffentlicht, in dem er einen Vorkämpfer für kollegiale Strukturen in der Kirche würdigt.

Familiensynode | Vatikanstadt - 19.10.2015

Am Rande der Bischofssynode in Rom äußerten sich einige Kardinäle in diversen Medien. Es ging um das heiß diskutierte Thema der Wiederverheirateten und um Manipulationsvorwürfe. Zudem wurde im "Corriere della Sera" ein Vorwort des Papstes veröffentlicht, in dem er einen Vorkämpfer für kollegiale Strukturen in der Kirche würdigt.

In einem Interview der von US-Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift "America" wies Washingtons Kardinal Donald Wuerl Manipulationsvorwürfe im Zusammenhang mit der Familiensynode zurück. Er könne nicht erkennen, dass diese Synode in irgendeiner Weise manipuliert sei. Außerdem wisse er nicht, wie man die 13 Sprachgruppen beeinflussen könnte. Schließlich seien die Moderatoren und Berichterstatter von der jeweiligen Gruppe gewählt worden, so Wuerl.

Wuerl: Kritik an Bischofssynode zielt auf Franziskus

Der US-Kardinal hegt einen anderen Verdacht: Die Kritik an der Arbeitsweise der Bischofsversammlung könnte letztlich Franziskus selbst gelten. Das eigentliche Motiv mancher Kritiker sei möglicherweise, dass "sie diesen Papst nicht mögen". Franziskus fordere eine Kirche, die das Evangelium nicht nur verkünde, sondern auch lebe. "Und aus Gründen, die nur sie selbst kennen, gibt es einige, die das irgendwie bedrohlich finden," so Wuerl.

Er äußerte sich unter anderem mit Blick auf einen Beschwerdebrief mehrerer Kardinäle an Papst Franziskus. Darin erheben die Unterzeichner den Vorwurf, dass die Synode zugunsten reformorientierter Kräfte manipuliert sei. Ihre neue Arbeitsweise diene dazu, vorherbestimmte Ergebnisse zu erzielen. Bekanntgeworden war die Existenz des Schreibens durch eine Veröffentlichung im Internet.

Der australische Kurienkardinal George Pell war von 2001 bis 2014 Erzbischof von Sydney.
Der australische Kurienkardinal George Pell war von 2001 bis 2014 Erzbischof von Sydney. Nun leitet er das vatikanische Wirtschaftssekretariat.
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In der französischen Tageszeitung "Le Figaro" dementierte Kurienkardinal George Pell am Montag hingegen, Autor eben jenes Beschwerdebriefs gewesen zu sein. Er habe das Schreiben lediglich unterzeichnet, so der Australier. Über seine Autorenschaft war spekuliert worden, weil er laut der italienischen Zeitschrift "L'Espresso" dem Papst den Brief zu Beginn der Synode übergeben haben soll.

Pell: Keine Kommunion für Wiederverheiratete

Weiter äußerte sich Pell in dem Interview zur Debatte über den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Er wandte sich gegen einen Ermessensspielraum für die nationalen Bischofskonferenzen. Die Kirche könne "zwei Menschen in derselben Situation nicht in Polen sagen, es ist ein Sakrileg, zur Kommunion zu gehen, und eine Quelle der Gnade ein paar Kilometer entfernt in Deutschland", sagte dem "Figaro".

Es gebe zwar verschiedene Theologien, aber nur eine Lehre, so Pell. Mehrere Teilnehmer der Synode hatten sich dafür ausgesprochen, den Bischofskonferenzen mehr Kompetenzen zu übertragen. In diesem Sinne hatte sich auch Papst Franziskus am Samstag in einer Grundsatzrede geäußert. Konkrete Beispiele nannte er jedoch nicht.

Themenseite: Familiensynode

Vom 4. bis 25. Oktober 2015 tritt die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Nach Ansicht des Präfekten des vatikanischen Wirtschaftssekretariats wird es keine Kommunion wiederverheirateten Geschiedenen geben. Der Vorschlag einer Zulassung im Einzelfall werde keine Mehrheit unter den Synodenteilnehmern finden, so Pell. Von den 248 angemeldeten Wortmeldungen, die es während der Synode gegeben habe, hätten sich nur "weniger als 20" für eine solche Einzelfalllösung ausgesprochen.

Coleridge: Mehr Wertschätzung, aber keine Kommunion

Dies bestätigte in der offiziellen Pressekonferenz des Vatikans auch der australische Erzbischof Mark Coleridge. Nur ein "sehr bescheidener Teil" der Synodalen habe in den Redebeiträgen ausdrücklich für die Zulassung plädiert, sagte er. In den strittigen Punkten werde es "keine substanzielle Änderung der kirchlichen Lehre geben".

Coleridge plädierte aber für eine größere kirchliche Wertschätzung von wiederverheirateten Paaren, die in Liebe und Treue zusammenlebten und womöglich noch Kinder großzögen. Sie dürften nicht mit demselben Vorwurf des Ehebruchs belegt werden wie zwei Verheiratete, die sich heimlich übers Wochenende im Hotel treffen, um ihren Partner zu betrügen.

Der Erzbischof von Brisbane sagte, die Kirche müsse ihre Überzeugungen in einer zeitgemäßeren Sprache vermitteln. So sei etwa der Grundsatz, dass die Kirche zwar den Sünder liebt, seine Taten jedoch verabscheut, heute nicht mehr vermittelbar. Auch Begriffe wie "Unauflöslichkeit der Ehe" oder die Bezeichnung von Homosexualität als "Unordnung" seien zu negativ besetzt.

Kasper hofft auf Mehrheit für Zulassung

Anders als seine australischen Mitbrüder im Bischofsamt hält der emeritierte deutsche Kurienkardinal Walter Kasper weiterhin an der Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Eucharistie dest. "Ich hoffe auf eine Öffnung, auf eine Mehrheit zugunsten der Kommunion für die Geschiedenen, mit einem Prozess der Integration in die Gemeinden und in das Leben der Kirche", sagte Kasper am Montag der katholischen italienischen Nachrichtenagentur SIR. "Auch sie brauchen das Brot des Lebens, denn die Eucharistie ist nicht für die 'Vollkommenen', sondern für die Sünder, und wir alle sind Sünder", fügte er hinzu.

Kardinal Carlo Maria Martini (1927-2012) war von 1979 bis 2002 Erzbischof von Mailand und genoss einen internationalen Ruf als Theologe.
 KNA

Papst würdigt Kardinal Martini

Papst Franziskus betont hingegen wieder seine am Samstag ausgefaltete Vision einer synodaleren Kirche. Er würdigte den reformorientierten früheren Erzbischof von Mailand Kardinal Carlo Maria Martini (1927-2012) als weisen Vorkämpfer für eine weltoffene Kirche. Martini sei für synodalere Kirchenstrukturen eingetreten, heißt es in einem Vorwort des Papstes zu einem Sammelband mit Texten des Mailänders.

Martini, der wie Franziskus dem Jesuitenorden angehörte, vermied es nach den Worten des Papstes stets, sich in der theologischen Debatte auf starre Positionen zurückzuziehen. Vielmehr habe er immer kreativ nach Alternativen gesucht, so Franziskus.

Der Kardinal, der von 1979 bis 2002 Erzbischof von Mailand warm zählte als international anerkannter Theologe zu den progressiven katholischen Kirchenführern. So trat Martini dafür ein, alle 20 bis 30 Jahre Konzilien abzuhalten, um den Weg der Kirche in der modernen Welt zu hinterfragen. Den Kondomgebrauch durch HIV-Infizierte bezeichnete er als das geringere Übel. Auch eine gewisse Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften zog er in Betracht. (luk/KNA/kim)

18:03 Uhr: Ergänzt um das Interview mit Kardinal Kasper.

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