Massenmord im Heiligen Monat

Wochen des Schreckens hatte ein Sprecher der Terrormiliz "Islamischer Staat" Ende Mai, kurz vor Beginn des Fastenmonats Ramadan, angekündigt - und die Dschihadisten setzten ihre Drohung brutal in die Tat um.

Ramadan | Bonn - 04.07.2016

Wochen des Schreckens hatte ein Sprecher der Terrormiliz "Islamischer Staat" Ende Mai, kurz vor Beginn des Ramadan, angekündigt und die Muslime zu Anschlägen gegen "Ungläubige" aufgerufen. Die Dschihadisten hielten Wort - hunderte Menschen, die meisten davon selbst Muslime, haben den am Dienstag endenden islamischen Fastenmonat nicht überlebt.

Die islamistische Blutspur zog sich durch die Bürgerkriegsländer Syrien und Irak, den Libanon und Jordanien, Jemen und Bangladesch. Sie reichte von einer Schwulenbar in Florida bis zum Flughafen von Istanbul. Allein beim bisher schwersten Anschlag des Jahres starben am Samstag in einem Schiitenviertel in Bagdad nach jüngsten Zahlen weit mehr als 200 Menschen.

Monat mit kriegerischer Komponente

Im Ramadan konzentrieren sich Muslime auf jene Dinge, die sie ihrem Glauben und Gott näherbringen. Für die allermeisten heißt das: fasten, beten, Gutes tun und den freundschaftlichen Umgang mit den Mitmenschen pflegen. Doch daneben hatte der heilige Monat immer wieder auch eine kriegerische Komponente. Mohammed selbst zog im Ramadan 624 gegen die Mekkaner zu Felde und besiegte sie in einer legendären Schlacht.

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Am heutigen Donnerstag endet der Ramadan - für Muslime eigentlich ein freudiger Tag. Doch die Bilanz des Fastenmonats fällt in diesem Jahr erneut besonders blutig aus. Forscher bewerten die Entwicklung unterschiedlich. (Artikel von 2015)

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Das Ereignis interpretierten Dschihadisten stets als Appell, gerade während des Ramadan für die Sache Allahs zu kämpfen und zu töten. Radikale Gelehrte bestärkten sie darin. Die Kairoer Al-Azhar-Universität ließ hingegen nach dem mörderischen Attentat auf den Homosexuellen-Club in Orlando keinen Zweifel, dass dort kein gottgefälliger Kampf, sondern schlichter Massenmord stattgefunden hatte.

In diesem Jahr war die Terrorangst wegen der Fußball-Europameisterschaft besonders groß, zumal der IS-Sprecher ausdrücklich zu Anschlägen im Westen aufgefordert hatte. "Ich mache drei Kreuze, wenn bis zum Finale nichts Schlimmeres passiert", so Terrorismus-Experte Guido Steinberg von der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik. Er hält die Gefährdungslage in Europa für sehr ernst. Die tödliche Messerattacke auf zwei Polizeiangehörige im französischen Magnanville durch einen arabischstämmigen Islamisten am 13. Juni wäre womöglich nur der Anfang gewesen. "Aber der Verfolgungsdruck in den westeuropäischen Ländern ist enorm gewachsen", sagt Steinberg und nennt als Beispiel die Verhaftung von drei Verdächtigen in Belgien, die angeblich einen Anschlag auf ein Public Viewing in Brüssel planten.

In Deutschland sorgte bereits kurz vor Turnierbeginn die Aufdeckung einer mutmaßlichen Terrorzelle für Schlagzeilen, die in der Düsseldorfer Altstadt ein Blutbad anrichten wollte. Die Islamisten kamen mit dem Flüchtlingsstrom nach Europa und sollen ihre Anweisungen direkt aus der IS-Zentrale erhalten haben. Laut Bundeskriminalamt stieg die Zahl gefährlicher Islamisten im ersten Halbjahr 2016 um fast das Doppelte auf rund 500 Personen. "Einsame Wölfe", die wie der Mörder von Orlando auf eigene Faust handeln, gibt es nach Ansicht des Terror-Experten nur sehr wenige.

Weil sie auf den Schlachtfeldern von Syrien und dem Irak an Boden verlieren, versuchen die Dschihadisten, den Terror verstärkt nach Europa zu tragen.
 picture alliance / abaca

Militärisch gesehen brachte der Ramadan dem IS keinen Segen. Die Miliz ist in Syrien und im Irak auf dem Rückzug. Dauernde Luftschläge der Gegner dezimieren die Reihen der Gotteskrieger. "Gerade deshalb greifen die Dschihadis verstärkt zu terroristischen Mitteln, weil sie auf dem Schlachtfeld nicht viel bewegen können und Städte verlieren", analysiert Steinberg. Um sich weiter als Avantgarde der islamistischen Internationale verkaufen zu können, Geldgeber zu beeindrucken und freiwillige Kämpfer anzulocken, wolle die Terrormiliz möglichst blutrünstige Szenarien in den gegnerischen Zentren anrichten - am prestigeträchtigsten solche im Westen.

"Dieses Thema wird uns über Jahre beschäftigen"

Steinberg geht davon aus, dass die Islamisten weiter mit Hochdruck versuchen werden, terroristische Strukturen in Europa aufzubauen. "Dieses Thema wird uns über Jahre beschäftigen." Islamistische Gelehrte, die den Kampf mit allen Mitteln propagieren, hätten zwar keine Breitenwirkung. "Aber es reichen wenige, um immensen Schaden zu verursachen."

Von Christoph Schmidt (KNA)

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