"Meine eigenen Hände sind leer"

Schwester Mirjam ist seit mehr als 30 Jahren im Kloster. Mit katholisch.de sprach die Priorin des Kölner Karmel Maria vom Frieden ganz offen darüber, was ihr die klösterlichen Gelübde von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam bedeuten, und dass es auch mal schwere Zeiten in ihrem Ordensleben gab.

Dossier: Gelübde | - 06.01.2015

Schwester Mirjam ist seit mehr als 30 Jahren im Kloster. Mit katholisch.de sprach die Priorin des Kölner Karmel Maria vom Frieden ganz offen darüber, was ihr die klösterlichen Gelübde von Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam bedeuten, und dass es auch mal schwere Zeiten in ihrem Ordensleben gab.

Schwester Mirjam (Kiechle).
Schwester Mirjam (Kiechle).
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Frage: Schwester Mirjam, wie legt man in Ihrer Gemeinschaft konkret die Gelübde ab?

Schwester Mirjam: Das geschieht während der heiligen Messe. Nach der Predigt fragt die Priorin zunächst die Schwester, die ihre Gelübde ablegen will, was sie von der Kloster-Gemeinschaft erbittet. Sie antwortet: "Die Barmherzigkeit Gottes und eure Gemeinschaft." Danach rufen die Schwestern die Heiligen um ihren Beistand an und die Schwester legt ihre Gelübde mit der Formel ab: "Ich gelobe gottgeweihte Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam Gott, unserem Herrn, der allerseligsten Jungfrau vom Berge Karmel und der Priorin und ihren Nachfolgerinnen."

Frage: Gibt es auch ein äußeres Zeichen?

Schwester Mirjam: Äußeres Zeichen für die Schwester mit ewigen Gelübden ist der schwarze Schleier, den sie während der Feier bekommt. Der Schleier wird bei der Professfeier gesegnet und der Schwester überreicht, darüber erhält sie bei der Feier noch einen Myrthenkranz. Einen Ring bekommen die Schwestern - wie es sonst bei Nonnen üblich ist - bei uns nicht, das entspricht nicht dem Armutsideal der Karmelitinnen. Jedes Jahr in der Osternacht erneuern wir gemeinschaftlich unsere Gelübde.

Der Kölner Karmel

Das Karmeliterkloster Karmel Maria vom Frieden ist eine Oase der Ruhe inmitten der städtischen Hektik von Kölns Süden. Die berühmteste Nonne des Kölner Karmel war Edith Stein. Der Kölner Karmel beherbergt das Edith-Stein-Archiv mit vielen persönlichen Dokumenten und Schriften der Heiligen.

Frage: Ein lebenslanges Versprechen vor Gott - wie ist so etwas für Menschen heute überhaupt möglich?

Schwester Mirjam: Ich muss gestehen, ich hatte auch große Zweifel. In der Nacht vor meinen ersten, zeitlich befristeten Gelübden habe ich keine Minute geschlafen. Das Versprechen hat mir damals viel zu schaffen gemacht. Als ich aber drei Jahre später entscheiden musste, meine Gelübde für ewig abzulegen, hatte ich interessanterweise diese Zweifel nicht mehr. Ich war überzeugt davon, die Gelübde werden für mich immer gültig sein. Jetzt nach rund 30 Jahren mit ewigen Gelübden im Kloster kann ich sagen, selbst wenn ich eines Tages ausgetreten wäre, so wären doch die Gelübde für mich immer bindend geblieben. Und ich glaube auch, dass es für Menschen prinzipiell möglich ist auch heute noch solche Bindungen einzugehen. Zwar ist es in unserer Zeit schwieriger geworden, viele Bindungen gehen ja heute in die Brüche. Viele Menschen sind heute wenig bereit, schwere Zeiten und Durststrecken in Beziehungen durchzustehen.

Frage: Gab es in den mehr als 30 Jahren im Kloster auch schwere Zeiten für Sie?

Schwester Mirjam: Ja, es gab Zeiten, an denen ich nahe dran war zu sagen, ich mache nicht mehr weiter. Ich hatte eine Zeit lang vor, Einsiedlerin zu werden. Das ging aber schief und da gab es einen Punkt, wo ich dachte, du kannst nicht mehr in der Gemeinschaft leben. Dennoch glaube ich, hätte ich mich nicht mehr freisprechen können von dem, was ich beim Ablegen der Gelübde gesprochen hatte, ich hätte mich auch danach an meine Gelübde gebunden gefühlt.

Frage: Widerspricht der Inhalt der Gelübde - Armut, Gehorsam, Ehelosigkeit - nicht allem vernünftigen menschlichen Streben?

Schwester Mirjam: Von außen betrachtet, scheinen die Gelübde zunächst immer nur mit Einschränkungen verbunden zu sein. Ich selbst habe auch lange gebraucht, bis ich eine weitere Sicht auf die Gelübde bekam. Aber ich gelobe Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam ja zunächst einmal nicht den Menschen gegenüber, sondern Gott. Erst in zweiter Linie verspreche ich es auch vor den Menschen. Das ist es dann auch, was mir eine weitere Sicht erlaubt. Wenn ich beispielsweise Gott gegenüber Gehorsam gelobe, bedeutet das, ich will den Weisungen des Evangeliums folgen. Das heißt ich darf und muss immer darauf hören, was Gott heute konkret von mir erwartet. Wenn jemand im Kloster immer nur darauf wartet, etwas gesagt zu bekommen, Befehle zu empfangen, so ist das sicher eine falsche Sicht des Gelübdes.

Die Ehelosigkeit bedeutet schon eine Einschränkung. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben etwas versäumt habe.

Schwester Mirjam, Karmelitin

Frage: Wie gestalten sich die Gelübde von Armut und Ehelosigkeit konkret bei Ihnen?

Schwester Mirjam: Eigentlich können wir auch nicht sagen, dass wir arm leben. Wenn wir unsere Armut mit der Armut in der dritten Welt vergleichen, dann ist das eigentlich ein Hohn. Auch die Gütergemeinschaft schränkt mich nicht wirklich ein. Für mich bedeutet Armut, dass ich "Ja" sage zu dem, was und wie ich bin und zur Realität meiner Gemeinschaft. Und dass wir versuchen, von unserer Hände Arbeit zu leben. Die Ehelosigkeit bedeutet schon eine Einschränkung. Aber wenn ich es wirklich ernst nehme, dann habe ich ja einen Partner. Das klingt vielleicht kitschig, aber für mich ist es eine Realität. Das ist sicher etwas anderes als eine Ehe. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich in meinem Leben etwas versäumt habe. Ich kann dieses Gelübde nur ablegen, wenn ich eine personale Beziehung zu Christus aufgebaut habe. Nur um des Verzichtes willen, das hält man nicht aus. Ich brauche eine persönliche und lebendige Beziehung zu Christus, sonst wären die Gelübde nur ein Krampf.

Frage: Schon vor 500 Jahren gab es von Martin Luther den Einwand: Im Grunde genommen will Gott diese Bindung gar nicht, es ist eine Leistung des Menschen. Was würden Sie darauf sagen?

Schwester Mirjam: Wenn wir uns vergegenwärtigen, wie Luther zu seinem Klostereintritt kam, verstehen wir, was für ihn die Gelübde bedeuteten. Er versprach beim Gewitter, er wolle Mönch werden, wenn er lebend da raus kommt. Er wollte also Gott gleichsam etwas bezahlen. Aber diese Sicht ist falsch. Gelübde sind eben keine Tat von mir, im Gegenteil: meine eigenen Hände sind leer. Es geht nicht ums Aufopfern, es gibt sicher in dieser Lebensform Stunden, in denen es schwer wird, aber die Gelübde sind, wenn man es streng nimmt, Ratschläge, sie heißen ja auch evangelische Räte. Und wenn ich diese Ratschläge eingegangen bin, muss ich sicher auch etwas dafür tun, um sie zu erfüllen. Ich kann dann nicht mehr alles in Anspruch nehmen, was angeboten wird.

Das Interview führte Markus Schüppen.

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