"Missbrauch ist ein tiefes Thema"

Jesuitenpater Klaus Mertes hat die aktuelle Debatte um Pädophilie bei den Grünen scharf kritisiert. Sexueller Missbrauch sollte nicht für Wahlkampfinteressen instrumentalisiert werden, sagte er am Donnerstag in Freiburg im Interview. Er mahnt vielmehr, die neuen Erkenntnisse zu nutzen, um grundlegend über den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität nachzudenken. Außerdem müsse es noch mehr politische und juristische Konsequenzen im Sinne der Opfer geben.

Kindeswohl | Freiburg - 19.09.2013

Jesuitenpater Klaus Mertes hat die aktuelle Debatte um Pädophilie bei den Grünen scharf kritisiert. Sexueller Missbrauch sollte nicht für Wahlkampfinteressen instrumentalisiert werden, sagte er am Donnerstag in Freiburg im Interview. Er mahnt vielmehr, die neuen Erkenntnisse zu nutzen, um grundlegend über den gesellschaftlichen Umgang mit Sexualität nachzudenken. Außerdem müsse es noch mehr politische und juristische Konsequenzen im Sinne der Opfer geben.

Frage: Pater Mertes, wie bewerten Sie die Debatte rund um die Grünen und den Vorwurf an Jürgen Trittin und Co., gerne als gesellschaftspolitische Moralapostel aufzutreten, aber nicht die eigenen Fehler offen aufzuarbeiten?

Mertes: Ich kehre vor meiner eigenen Tür.

Frage: Könnten die Grünen in Sachen Aufarbeitung bei der katholischen Kirche und kirchlichen Schulen lernen?

Mertes: Man sollte sich nie selbst als Vorbild anpreisen. Wer Fragen an uns hat, wie wir das Thema Missbrauch kirchlicherseits bisher aufgearbeitet haben, kann sich aber jederzeit gerne an uns wenden.

Frage: Wie bewerten Sie es, dass das Thema nun in den Wahlkampf gerät?

Mertes: Mich ekelt jede Form der Instrumentalisierung dieses Themas und jede damit verbundene Selbstgerechtigkeit schlicht an.

Frage: Was aber könnte ein möglicher Gewinn der Diskussionen sein?

Mertes: Eine positive Folge wäre, wenn wir noch stärker begreifen, dass sexueller Missbrauch eben ein ganz tiefes gesellschaftliches Thema ist. Sexualität ist offensichtlich nicht nur eine Privatangelegenheit zwischen zwei Leuten.

Für mich macht die aktuelle Debatte erneut deutlich, dass es ist nicht ausreicht, Konsensualität zwischen zwei Menschen festzustellen, um einen sexuellen Akt ethisch zu legitimieren.

Klaus Mertes SJ

Frage: Was folgt daraus?

Mertes: Zum Beispiel die Erkenntnis, dass es sehr unterschiedliche Sichtweisen im Umgang mit Missbrauch gab und gibt. Kirchlicherseits hat es niemals so etwas gegeben wie eine Offenheit für die Frage, ob Sex mit Kindern überhaupt ethisch richtig sein könnte. Im Milieu der Grünen und der sexuellen Befreiung der 70er und 80er Jahre war das offenkundig anders. Das ist aber wiederum überhaupt keine Entlastung im Blick auf die systemisch relevanten Fragestellung an die Kirche. Hier stellten sich gerade wegen der ethisch begründeten Ablehnung von Sex mit Kindern - wie überhaupt von jedem nicht-ehelichen Sex - die Prozesse der Verleugnung und Vertuschung anders dar.

Frage: Die Tatsache, dass bei den Grünen all das offen debattiert wurde, hat also vor Fehlentwicklungen nicht geschützt?

Mertes: Es wurde ja nicht nur darüber debattiert, sondern es wurde manches gutgeheißen, was nicht gut war und nicht gut ist. Für mich macht die aktuelle Debatte erneut deutlich, dass es ist nicht ausreicht, Konsensualität zwischen zwei Menschen festzustellen, um einen sexuellen Akt ethisch zu legitimieren. Nicht jeder sexuelle Akt, der konsensuell geschieht, ist deswegen auch schon ethisch richtig. Es bedarf auch im Umgang mit Sexualität eines ethischen Diskurses, der nicht nur Fakten konstatiert, sondern der um verallgemeinerbare Normen ringt.

Frage: Das heißt konkret?

Mertes: 1968 hatten wir die sexuelle Revolution, in deren Folge auch extreme Haltungen und Positionen ideologisch legitimiert wurden. Und heute stellen wir nun fest, dass wir hier als Gesellschaft - nicht bloß die Grünen - in einigen Schritten zu weit gegangen sind. Die Enttabuisierung von Pädophilie ist eine Katastrophe - das Fallen von Tabus in Sachen Homosexualität dagegen in vieler Hinsicht ein Gewinn an Humanität.

Frage: Was bedeutet das aber für heute?

Mertes: Diese neuen historischen Erkenntnisse führen uns direkt zu aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen: Wie gehen wir mit Intimsphäre um? Was passiert in den Medien heute bei dem Thema? Wie stehen wir zu ethischen Grenzen im Bereich der Sexualität, zu Ehrfurcht vor der Intimsphäre von anderen? Wie schulen wir unseren Blick, um den Unterschied zwischen Liebe und Missbrauch von Sexualität zu erkennen? Darum geht es.

Frage: Seit 2010 gab es eine breite öffentliche Missbrauchsdebatte, wurden aber genügend politische und juristische Konsequenzen im Sinne der Opfer gezogen?

Mertes: Einige schon, aber noch nicht genügend. Ein Beispiel: Ich verstehe bis heute nicht, warum einem Lehrer, der sexuellen Kontakt zu Schutzbefohlenen hat, nicht immer und in jedem Fall gekündigt werden kann. Es wird von den Institutionen immer wieder Prävention und hartes Eingreifen verlangt, aber sie haben dann im Ernstfall gar nicht die rechtlichen Mittel, um sich durchzusetzen. Das ist ein ungelöstes Problem.

Das Interview führte Volker Hasenauer (KNA)

"Denunzianten finden Gehör"

Mehr als dreieinhalb Jahre ist es her, dass der Jesuitenpater Klaus Mertes den sexuellen Missbrauch am Canisius-Kolleg in Berlin publik machte und einen der größten Skandale der katholischen Kirche ans Licht brachte. In seinem neuen Buch "Verlorenes Vertrauen" zieht Mertes Bilanz. Er kritisiert das Versagen kirchlicher Vertreter gegenüber den Opfern und diagnostiziert eine Vertrauenskrise, die für ihn vor allem mit einem falschen Verständnis von Macht in der katholischen Kirche zusammenhängt. Im Interview mit katholisch.de erklärt Mertes auch, warum die Krise ihn in seinem Glauben bestärkt hat.

"Denunzianten finden Gehör"

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