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Mission in Magdeburg

Im Jahre des Herrn 1656 versetzte Magdeburgs berühmter Sohn Otto von Guericke seine Heimatstadt in Erstaunen. Zwei kupferne Halbkugeln hatte der Gelehrte zusammengefügt und vakuumisiert. Selbst zwei Pferdegespanne vermochten nicht, die beiden Hälften zu trennen. Erst als Guericke wieder Luft zuführte, fielen sie wie von Zauberhand auseinander.

Gesprächsprozess | Bonn/Magdeburg - 11.09.2014

Im Jahre des Herrn 1656 versetzte Magdeburgs berühmter Sohn Otto von Guericke seine Heimatstadt in Erstaunen. Zwei kupferne Halbkugeln hatte der Gelehrte zusammengefügt und vakuumisiert. Selbst zwei Pferdegespanne vermochten nicht, die beiden Hälften zu trennen. Erst als Guericke wieder Luft zuführte, fielen sie wie von Zauberhand auseinander.

Gut 350 Jahre später ist Magdeburg wieder Schauplatz einer Art Experiment. Katholische Bischöfe, Theologen sowie Vertreter von kirchlichen Verbänden und Einrichtungen kommen in die Elbestadt, um über die Zukunft der Kirche in Deutschland zu diskutieren. Das Forum mit dem Titel "Ich bin eine Mission" ist das vierte im Rahmen des sogenannten Dialogprozesses .

Die Initiative dazu ging im September 2010 von Erzbischof Robert Zollitsch aus, damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ziel war, nach dem wenige Monate zuvor bekanntgewordenen Missbrauchsskandal verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Der neue persönliche Stil wurde viel gelobt. Bischöfe und Laien diskutierten zusammen an einem Tisch und scheuten nicht vor schwerer Kost. Der Blick richtete sich auch auf die "Lebensvollzüge" von Kirche: den Dienst (Diakonia), die Feier des Gottesdienstes (Liturgia) und das Glaubenszeugnis (Martyria).

Viele fordern Reformen für die Kirche

Um in der Sprache von Guericke und Co zu bleiben: Es handelt sich um einen Langzeitversuch. Enden soll der Prozess erst 2015 - in Erinnerung an den Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Das Konzil hatte kirchliche Reformen eingeleitet. Und die braucht es nach Ansicht zumindest mancher der rund 300 Teilnehmer in Magdeburg auch jetzt.

Nach dem Missbrauchsskandal gab es für die Kirche in Deutschland immer wieder Negativschlagzeilen. Dazu gehörten die Affäre um den zurückgetretenen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst und den millionenteuren Bau am Domplatz, die dadurch neu befeuerte Debatte über kirchliche Finanzen sowie die anhaltend hohen Austrittszahlen . Derweil drängen viele auf mehr Mitsprache von Laien etwa bei Bischofsernennungen, einen anderen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Änderungen in der kirchlichen Sexualmoral.

Bischof Oster warnt vor überzogenen Erwartungen

Einiges davon wird inzwischen auf allerhöchster Ebene im Vatikan behandelt. Papst Franziskus, aus dessen Schreiben "Evangelii gaudium" das Motto für das Magdeburger Treffen stammt, hat für diesen Herbst und das kommende Jahr die Bischöfe der Weltkirche zu zwei Synoden nach Rom eingeladen. Dort stehen die Themen Familie und Sexualität auf dem Programm. Die deutschen Bischöfe haben ihre Hausaufgaben im Vorfeld gemacht, wie der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode, der zum Leitungsteam des Dialogprozesses gehört, betont.

Die deutschen Positionen seien in die Papiere eingeflossen, so Bode. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Auseinandersetzung, die natürlich auch jetzt im Oktober geschehen muss, folgenlos bleibt." Bodes Passauer Amtskollege Stefan Oster warnte unlängst jedoch vor überzogenen Erwartungen . Aus dem Blick der Weltkirche sind die Belange der Diözesen zwischen Hamburg und München eben nur Teile des großen Ganzen.

Erzbischof Zollitsch nicht mehr in verantwortlicher Position dabei

Bleibt die Frage, was die Bischöfe auf nationaler Ebene regeln können. Bode verweist auf das kirchliche Arbeitsrecht. Dort seien Anpassungen "in der nächsten Zeit sicherlich spruchreif". Welche konkreten Spuren das Treffen in Magdeburg hinterlassen wird, ist trotzdem schwer zu sagen.

Eine kleine Zäsur dürfte es auf jeden Fall geben. Zwei prominente Protagonisten werden den Dialog und seine möglichen Folgen nicht mehr an verantwortlicher Stelle begleiten. Der Initiator, Erzbischof Zollitsch, ist bereits emeritiert, wird jedoch in Magdeburg mit dabei sein. Und die Amtszeit von Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), endet 2015. Unterdessen werden Reformer und Bewahrer aber auch die gesellschaftlichen Fliehkräfte die Kirche weiter auf die Probe stellen und vielleicht an ihr zerren - ähnlich wie seinerzeit die Pferde an Guerickes Kugeln.

Von Joachim Heinz (KNA)

Stichwort "Dialogprozess"

Der Dialogprozess ist eine auf fünf Jahre angelegte Gesprächsreihe zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland. Die Initiative dazu ging im September 2010 von Erzbischof Robert Zollitsch aus, damals Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ein Ziel war, nach dem wenige Monate zuvor bekannt gewordenen Missbrauchsskandal verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Der Prozess soll 2015 enden - in Erinnerung an das Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren. Neben den einzelnen Dialogveranstaltungen, die seit 2011 stattfinden, stellen die Bischöfe jedes Jahr unter ein eigenes Thema. Für 2012 war das "Diakonia: Unsere Verantwortung in der freien Gesellschaft", 2013 "Liturgia: Die Verehrung Gottes heute"; im laufenden Jahr geht es um "Martyria: Den Glauben bezeugen in der Welt von heute". Neben den Gesprächsforen nahmen eine Reihe großer Konferenzen und Veranstaltungen Bezug auf den Gesprächsprozess. Dazu zählten ein nationaler Eucharistischer Kongress 2013 in Köln sowie die beiden Katholikentage 2012 in Mannheim und 2014 in Regensburg. Zusätzlich richteten die Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) zwei Arbeitsgruppen ein, die sich mit dem "Zusammenwirken von Priestern und Laien in der Kirche" sowie der "Präsenz der Kirche in Gesellschaft und Staat" befassen. Auch auf Ebene des ZdK, der Bistümer und Verbände gibt es Initiativen. (som/KNA)

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