Nächste Haltestelle: Kirche

Kurz vor acht Uhr holt Thomas Reitmeier (51) den Bus aus der Garage. In einer Stunde beginnt der Besinnungstag für Senioren. Eine Rundfahrt von gut 50 Kilometern liegt vor ihm. Die Pfarrei St. Marien Staßfurt-Egeln in Sachsen-Anhalt erstreckt sich über 15 Ortschaften. 1.770 Katholiken leben hier unter den 42.000 Einwohnern. Mehr als 91 Prozent der Menschen in dieser Region gehören weder einer christlichen Kirche noch einer anderen Religion an.

Glaube | Staßfurt - 15.11.2014

Kurz vor acht Uhr holt Thomas Reitmeier (51) den Bus aus der Garage. In einer Stunde beginnt der Besinnungstag für Senioren. Eine Rundfahrt von gut 50 Kilometern liegt vor ihm. Die Pfarrei St. Marien Staßfurt-Egeln in Sachsen-Anhalt erstreckt sich über 15 Ortschaften. 1.770 Katholiken leben hier unter den 42.000 Einwohnern. Mehr als 91 Prozent der Menschen in dieser Region gehören weder einer christlichen Kirche noch einer anderen Religion an.

"Früher waren wir eine große Gemeinde. Die Bänke in der Kirche haben sonntags kaum ausgereicht", sagt Reitmeier. Nach 20 Kilometern Fahrt steigen Petra Duballa und Therese Jokiel (74) zu. Melancholisch denkt Jokiel an ihre Jugend in Egeln zurück. "Über 200 Firmlinge waren wir 1949." In der Region um Staßfurt gab es früher reichlich katholisches Leben. Im ausgehenden 19. Jahrhundert boomte der Bergbau. Katholiken aus dem Eichsfeld und aus Schlesien kamen in das traditionell evangelisch geprägte Land. Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg die Zahl der Katholiken aufgrund zahlreicher Flüchtlinge. Fast in jedem Dorf stand eine Kirche.

Seit im Jahr 2010 zwölf Gemeinden zur Pfarrei St. Marien Staßfurt-Egeln fusionierten, wurden sieben von zwölf Kirchen geschlossen. Die Trauer hält bis heute an, wie unter den Frauen im Bus zu spüren ist. "Wir sind ja nicht mehr so beweglich. Wenn die Kirche am Ort dann zu machen muss, fühlt man sich als alter Mensch irgendwie ausgeschlossen."

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Video zur Diaspora-Aktion 2015
 Bonifatiuswerk

Der Wegzug junger Menschen auf der Suche nach Ausbildung und Arbeit sowie der starke Geburtenrückgang machen den Gemeinden besonders zu schaffen. Rund 35 Prozent der 86.700 Katholiken im Bistum Magdeburg sind über 65, hingegen nur elf Prozent unter 20 Jahre alt. In St. Marien ging die Zahl der Katholiken in den vergangenen fünf Jahren um rund zwölf Prozent zurück. Die Gottesdienstgemeinde überaltert.

Den Glauben zu leben wird für ältere Menschen immer problematischer

"Senioren bleiben in der Messe mehr und mehr unter sich. Ihnen fällt es nicht leicht, sich auf die veränderte Situation einzulassen", sagt Pfarrer Diethard Schaffenberg (61). Den Glauben zu leben wird für ältere Menschen immer problematischer. "Alt zu werden in der Diaspora, ist nicht einfach. Man ist allein mit seinem Glauben und muss ganz schön kämpfen", sagt Erika Ruske (75). "Wer da keinen festen Glauben hat, hat es schwer."

Der demografische Wandel in Deutschland wirkt sich auch auf die Zahl der Kirchenbesucher aus. Es sterben mehr Menschen als getauft werden. Zeitgleich geht die Zahl der Taufen im Verhältnis zur Zahl der Geburten immer weiter zurück. Wurden in den 1950er Jahren noch etwa die Hälfte der geborenen Kinder katholisch getauft, sind es heute bei 100 Kindern nur noch 25 katholische Taufen. Zudem sinkt die Zahl der Geburten kontinuierlich, sodass die Katholiken im Durchschnitt immer älter werden.

Therese Jokiel (2. v. li.) und die anderen Seniorinnen während des Gottesdienstes.
 Bonifatiuswerk/Kunz

Die Freude ist groß als man an der Haltestelle in Hecklingen vorfährt. Monika Atzler und Elfriede Baudies möchten mit. "Der Bus bringt Leben in unsere Gemeinde. Ohne ihn könnten gerade wir Senioren aus den umliegenden Dörfern nur selten an Gottesdienst und Pfarrleben teilnehmen. Von uns hat doch kaum einer mehr ein Auto", ist Atzler froh. Jeden Sonntag tourt der vom Bonifatiuswerk zu zwei Dritteln finanzierte VW-Bus durch die einzelnen Ortschaften, um die Senioren zum Gottesdienst, zur Maiandacht, zum Rosenkranz oder zum Kreuzweg zu bringen. Das soll ihnen dabei helfen, im Spirituellen nicht zu vereinsamen und den Auftrag zu erfüllen, den sich das Hilfswerk mit dem Leitwort zum Diasporasonntag gegeben hat: „Keiner soll alleine glauben“.

Kirche bringt sich vor Ort ein und übernimmt Verantwortung

Während die Senioren im Gemeindehaus in Staßfurt singen und beten, fährt Reitmeier die Fünf- bis Sechsjährigen des Kinderhauses St. Martin zum Schwimmunterricht. "Neun von 100 Kindern sind katholisch. Die anderen 91 sind nicht getauft." Christine Dziersan leitet das Kinderhaus mit Krippe, Kindergarten und Hort. Kirche bringt sich vor Ort ein und übernimmt Verantwortung trotz spürbarer Überalterung in der aktiven Gemeinde. Im Kinderhaus lernen die Kleinsten, die sonst komplett ohne religiöse Bezüge aufwachsen würden, die christlichen Feste im Kirchenjahr kennen. "Wir gehen regelmäßig mit den Kindern in die Kirche. Sie erfahren die Bedeutung von Altar, Kreuz und Weihwasser. Sie spüren, dass Kirche weder Theater noch Kino ist, sondern etwas Lebensnahes, etwas zum Anfassen", erklärt Dziersan.

Rechtzeitig parkt Reitmeier seinen Bus wieder vor der Kirche. Drinnen erlebt die Seniorengruppe den Höhepunkt ihres Vormittages. Pfarrer Schaffenberg hat das Allerheiligste ausgesetzt. Die Frauen halten in Stille Anbetung. Einige von ihnen nutzen die Möglichkeit zu beichten. Mit dem eucharistischen Segen entlässt der Pfarrer schließlich seine Seniorengemeinde. Und draußen lässt Reitmeier den Motor für die Rückfahrt an.

Von Alfred Herrmann

Diaspora-Sonntag

Am Sonntag, dem 16. November, ist der sogenannte "Diaspora-Sonntag". Dann wird in allen katholischen Gottesdiensten Deutschlands für das Bonifatiuswerk gesammelt. Dieses gibt die Spenden als "Hilfe zur Selbsthilfe" weiter. Gefördert werden Projekte der Kinder- und Jugendseelsorge, der Bau und die Renovierung von Kirchen und Gemeindezentren, Kindergärten und Schulen sowie die Anschaffung von Fahrzeugen. So bringen die bundesweit 600 BONI-Busse verstreut lebende Christen zu Gottesdiensten und anderen kirchlichen Veranstaltungen zusammen.

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