• © Bild: Markus Kremser

Narr oder Heiliger?

Rotgoldenes Laub weht über den Waldweg. Der Herbst zeigt sich an diesem Tag in der Georgewitzer Skala von seiner schönsten Seite. Die Sonne strahlt in das Tal des Löbauer Wassers. Am Ufer des kleinen Flusses steht ein Denkmal für den Generalfeldmarschall von Blücher, der hier vor 200 Jahren ein paar Tage verbracht haben soll. Das Denkmal war lange Zeit die wichtigste Sehenswürdigkeit des kleinen Tals. Diesen Rang hat ihm die "Villa Hühnerglück" längst abgelaufen.

Soziales | Löbau - 12.11.2013

Rotgoldenes Laub weht über den Waldweg. Der Herbst zeigt sich an diesem Tag in der Georgewitzer Skala von seiner schönsten Seite. Die Sonne strahlt in das Tal des Löbauer Wassers. Am Ufer des kleinen Flusses steht ein Denkmal für den Generalfeldmarschall von Blücher, der hier vor 200 Jahren ein paar Tage verbracht haben soll. Das Denkmal war lange Zeit die wichtigste Sehenswürdigkeit des kleinen Tals. Diesen Rang hat ihm die "Villa Hühnerglück" längst abgelaufen.

Die "Villa Hühnerglück" ist eine alte Bretterbude, windschief und verwittert. In jeder Kleingartenkolonie würde das Häuschen als Schandfleck gelten. Doch hier, in der Georgewitzer Skala, macht ihr Bewohner die Bude zu einer Sehenswürdigkeit. "Öff Öff", der eigentlich Jürgen Wagner heißt, bewohnt die Bude und ist selbst zu einer Sehenswürdigkeit geworden. Seinen bürgerlichen Namen hat er abgelegt als er 1991 seinen Personalausweis an den Bundespräsidenten schickte, weil er nicht mehr Teil dieser Gesellschaft sein wollte.

Eine mehr schlecht als recht selbstgeschneiderte braune Kutte trägt Jürgen Wagner. Sie ist sein Markenzeichen, so wie sein Stirnband mit der selbstgestickten Aufschrift www.global-love.eu. "Weil die Journalisten alle zu blöd waren, mal eine Internetadresse in ihren Artikeln zu nennen", sagt der 49-Jährige. Also nutzt er seine Stirn als Werbefläche. Also hält er seinem zweijährigen Sohn Regenwürmer an den Mund, wenn der Fotograf der Boulevardzeitung kommt. Also spielt er den Waldmenschen.

Spinner oder Idealist?

Den Lesern, den Zuschauern, den Wohlstandsbürgern jagt all das einen wohligen Schauer über den Rücken. "Schaut Euch diesen Spinner an", sagen die Zeitungsleser. "Das arme Kind muss Würmer essen", zetern die entsetzten Großmütter und Tanten vor den Fernsehgeräten. Reflexe, mit denen sich Quote machen lässt.

Aber warum tut Jürgen Wagner das? Wofür? Was will dieser Mann? Ist der Mann einfach nur ein Egozentriker? Ist er verrückt? Warum tut er seinem Kind das an? Antworten auf diese Fragen gibt Jürgen Wagner bereitwillig. "Nein, verrückt bin ich nicht. Das hat mir sogar ein Psychiater bestätigt", sagt er. Ihn treibt vielmehr die Idee von einer besseren Welt an. Von einer Welt, in der jeder das hat, was er braucht. Eine Welt, in der niemand mehr haben will, als er tatsächlich braucht. Eine Welt, in der diejenigen, die etwas haben, mit denen teilen, die nichts haben. Eine Welt, in der nicht alle gleich sind aber in der alle gleich gerecht behandelt werden.

Jürgen Wagner kommt aus einem kleinbürgerlichen Haushalt. Er wächst mit drei jüngeren Brüdern im nordrhein-westfälischen Gladbeck auf. Die Mutter kümmert sich um die Kinder, der Vater ist Bankangestellter. "Er stand sein ganzes Leben in diesem Glaskasten", sagt Jürgen Wagner über ihn. Sonntags geht es in die katholische Kirche. Die vier Brüder stehen auch als Messdiener am Altar.

Parallelen zum heiligen Franziskus

Die "Schenker-Bewegung" ist seine Idee, ein Teil seiner Wunschvorstellung von der Welt. Seit seinem zwölften Lebensjahr treibt ihn diese Idee um. "Die Bewegung ist dabei offen. Nicht jeder muss so radikal leben wie ich", erklärt Wagner. Jeder kann nach seinem Vermögen dabei mitmachen. Und "Vermögen" ist dabei im doppelten Sinne zu verstehen: materiell und geistig. Erfolge habe er bereits einige vorzuweisen, sagt Öff Öff. Drei Vereine der Schenkerbewegung gebe es in Deutschland, "die zehn Projekte betreiben, die aus diesem Geist leben". Die Projekte sind Wohngemeinschaften, Häuser oder Wohnungen, in denen Menschen zusammen leben. Die Schenker-Bewegung sieht Wagner als Teil einer globalen Bewegung, die die Welt gerechter machen soll.

Der Lebensentwurf des Jürgen Wagner erinnert an den Heiligen Franziskus. Der lebte im 12. Jahrhundert in Italien, hieß eigentlich Giovanni und war ein eitler Fatzke und Sohn reicher Eltern. Doch Franziskus wandte sich von seinem vorherigen Leben ab, verzichtete auf jeden Besitz, lebte unter den Armen, sprach mit Tieren und Pflanzen und predigte den Bürgern Buße.

Jürgen Wagner alias ´"Öff Öff" mit seiner Familie.
Jürgen Wagner alias ´"Öff Öff" mit seiner Familie.  Markus Kremser

"Das stimmt, ich lebe ein bisschen wie Franziskus oder Jesus", sagt Jürgen Wagner. "Ich habe keine Machtmittel, ich habe kein Geld, ich habe kein Privateigentum." Mit dieser Mittellosigkeit will Wagner die Welt verändern. Er will Beispiel sein. Und dieses Beispiel zeigt er in den Medien vor. "Dass ich dabei Klischees bediene, ist mir vollkommen klar", sagt er. Ihm ist es aber wichtig, dass seine Botschaft überhaupt wahrgenommen werde, und wenn es auch nur Bruchstücke davon seien.

Bekommt der zweijährige Aljoscha denn tatsächlich Regenwürmer zu essen? Die Fotos in der Boulevard-Presse vermitteln diesen Eindruck. An diesem sonnigen Herbststag sitzt der kleine Junge auf dem Schoß seiner Mutter und bekommt Joghurt zu essen, Bio-Joghurt aus dem Plastikbecher, mit Aluminiumfolie obendrauf. Der Löffel ist ein ganz normaler Löffel und sauber ist er auch. Anke Rochelt ist 41 Jahre alt, Aljoschas Mutter und Jürgen Wagners Frau. Die beiden sind "alternativ verheiratet".

Diplomarbeit über Mahatma Gandhi

Anke Rochelt trägt Jeans, einen geringelten Pullover und eine beigefarbene Trekkingweste. Um ihre Füße springt aufgeregt ein Hütehund. Sie macht überhaupt nicht den Eindruck eines Waldmenschen. Dem kleinen Aljoscha zieht sie, als es frischer wird, noch eine Jacke an. Anke Rochelt weiß, dass sie nicht in das Waldmenschen-Klischee passt. Sie legt Wert darauf, dass kein falsches Bild von ihr gezeichnet wird. Und deshalb hält sie sich heraus, meistens.

Letztes Jahr hat sie ihr Diplom als Pädagogin abgelegt, mit Bestnote. Anke Rochelt fährt ein modernes Wohnmobil und verdient Geld. Sie trainiert Hunde und macht Tier-Therapien, besucht mit speziell trainierten Tieren Demenzkranke in Pflegeheimen. Aber Anke Rochelt ist auch ein religiöser Mensch. Sie spricht vom verantwortungsvollen Umgang mit der Umwelt, spricht von "Bruder und Schwester Wurm". Sie spricht von "Gottmutter und –vater", "Lichtarbeit" und "Liebe". Das hört sich verrückt an: So verrückt wie bei Öff Öff, so verrückt wie bei Franziskus.

Auch Jürgen Wagner hat studiert, bevor aus ihm Öff Öff wurde. In Bochum und Tübingen studiert er in den Achtziger Jahren Philosophie und Theologie. In seiner Diplomarbeit setzt er sich mit Mahatma Gandhis Vorstellung von Gerechtigkeit auseinander. Jürgen Wagner hat große Vorbilder. Wie Jesus, Franziskus oder Mahatma Gandhi will er die Welt verändern, nicht durch Gewalt, durch Kriege oder Geld. Allein durch Beharrlichkeit und Liebe will er die Welt verändern. Und das macht Arbeit.

Ein fast schon spießiger Tagesablauf

"Ich sitze frühmorgens schon am Computer und schreibe", sagt Jürgen Wagner. Bis Ende des Jahres sollen drei Bücher fertig werden, an denen er gerade arbeitet. Beratung und Lebenshilfe bietet Jürgen Wagner an. Rund ein Dutzend Projekte der Schenkerbewegung begleitet er. Die kleine Familie lebt die meiste Zeit des Jahres im hessischen Stadtallendorf. Fast schon spießig wirkt ihr Tagesablauf. Arbeit im Büro, Training mit Tieren und Sohn Aljoscha kommt regelmäßig zur Tagesmutter.

An diesem Herbsttag hat Aljoscha ein Lieblingsspielzeug. Es ist der Rasenmäher vom Nachbarn, den er als Spielzeugtraktor nutzt. Lachend sitzt er auf dem Rasenmäher und lässt sich von Mutter und Vater über die Wiese schieben. Ist das ein Nachwuchstraining für Waldmenschen? Wenn Jürgen Wagner für die Boulevardzeitung mit seinem Sohn beim Angeln in der Georgewitzer Wildnis posieren soll, dann bringt der Fotograf einen toten Fisch für das Foto mit. Öff Öff hat keinen Angelschein. Der Waldmensch ist ein Klischee. Ein Klischee, das Jürgen Wagner gerne bedient.

Von Markus Kremser

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