"Nicht die eigentlichen Themen der Synode"

An der Synode nehmen zu wenige Familien teil, kritisiert das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Patriarch Ignatius Joseph III. Younan. Kleriker, die in aller Regel zölibatär leben, könnten das Thema Familie nicht ohne Laien angehen.

Familiensynode | Vatikanstadt - 23.10.2015

Das Oberhaupt der syrisch-katholischen Kirche, Ignatius Joseph III. Younan, bemängelt an der im Vatikan tagenden Familiensynode eine unzureichende Beteiligung von Familien. Die Frage der wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen werde von den Medien überbewertet, und mit drei Wochen Dauer sei das Bischofstreffen zu lang. Seine Erfahrungen mit der am Sonntag endenden Synode resümierte der Patriarch mit Sitz in Beirut im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Frage: Eure Heiligkeit, wie erleben Sie die Arbeit der Synode?

Younan: Jedes kirchliche Treffen ist aufbauend. Es kommt zum Austausch über die Situation in den verschiedenen Ortskirchen, und eine Synode ist in dieser Hinsicht besonders reich. Auf der anderen Seite bin ich der Meinung, dass man nach der außerordentlichen Synode 2014 eine repräsentative Arbeitsgruppe aus Bischöfen der verschiedenen Kontinente, verheirateten Paaren, Jungen und Alten sowie Experten aus der Pastoral und dem Kirchenrecht hätte einrichten können. Sie hätten zusammen mit dem Papst eine bessere Arbeit leisten können. Drei Wochen für eine zweite Synode sind zu lang.

Frage: Wie meinen Sie das?

Younan: Den Austausch und die Analysen hätte man auf anderem Weg erreichen können, durch eine kleine Gruppe, in der insbesondere Laien und Familien gut repräsentiert sind. Wir im Nahen Osten haben zu dringende Probleme, um drei Wochen lang unsere Pastoraltheologie zum Thema Familie zu überarbeiten.

Frage: Sind die Laien ausreichend an der Synode beteiligt?

Younan: Es ist eine Synode für Bischöfe mit weiteren eingeladenen Zuhörern, aber das reicht nicht aus. Die Bischöfe und der Klerus, die zu 99 Prozent dem Zölibat verpflichtet sind, sollen zum Thema Familie reden? Dafür hätte die Synode des letzten Jahres gereicht, und man hätte jetzt weiter voranschreiten können mit Hilfe der Laien.

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Vom 4. bis 25. Oktober 2015 tritt die XIV. Ordentlichen Generalversammlung der Bischofssynode unter dem Thema "Die Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute" zusammen. Die Themenseite bündelt die Berichterstattung von katholisch.de zur Synode.

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Frage: Zu den wichtigen Aspekten gehört für einige Ortskirchen die Frage nach dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und mit Homosexuellen. Ist das auch in Nahost ein Thema?

Younan: Diese Fragen haben die Medien in den Mittelpunkt gestellt. Selbst der Papst hat gesagt, dass das nicht die eigentlichen Themen der Synode sind. Und für uns haben beide Themen nicht dieselbe Wichtigkeit wie für die westlichen Industrieländer. Weder für Afrika, Asien, Lateinamerika noch den Nahen Osten sind dies die zwei wichtigsten Themen. Dazu hätte man entweder eine außerordentliche Synode einberufen können oder die Fragen den jeweiligen Ortskirchen überlassen können. Im Übrigen ist dazu schon alles gesagt. Warum soll man es wiederholen?

Frage: Welche Fragen bewegen die Kirchen im Nahen Osten beim Thema Familie?

Younan: In unseren Ländern leben Familien, die auseinandergerissen wurden. Diese Situation dauert seit Jahren an, angefangen mit dem Irak, dann Syrien und dem Libanon. Für uns lautet die wichtigste Frage: Wie können wir diesen Familien helfen, wieder zusammenzukommen und nicht gezwungenermaßen getrennt leben zu müssen? Darüber hätten wir reden müssen.

Frage: Wie beeinflusst diese Lage die Pastoral?

Younan: Sie hat sehr negative Auswirkungen, vor denen wir manchmal machtlos stehen. Wir im Orient versuchen, anders als im Okzident, eine Pastoral der Familienbesuche aufrecht zu erhalten. Wir halten unseren Klerus dazu an, Familien zu besuchen und den Kontakt zu halten. Spezielle Gruppen für Familien spielen eine wichtige Rolle. Ein anderes Problem sind die vielen Flüchtlingsfamilien, die neben einer Begleitung auch auf Nothilfe angewiesen sind. Oft sind die Männer nicht da und die Familie besteht aus der Mutter und den Kindern, bestenfalls noch den Großeltern. Diese Perspektive der Familienpastoral ist unseren Ländern eigen, in denen viele Flüchtlinge leben.

Frage: Ist das ein Plädoyer für eine mehr ortskirchliche Orientierung?

Younan: Es braucht eine größere Dezentralisierung, ja. Fragen der Familienpastoral sollten an die Ortskirchen abgegeben werden.

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Die Kirche des dritten Jahrtausends müsse eine synodale sein und geprägt vom gegenseitigen Zuhören, erklärte Papst Franziskus am vergangen Samstag bei einem Festakt anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Bischofssynode im Vatikan.
 KNA

Frage: Hat sich der größere Raum für die Debatte der Synodalen in kleinen Sprachgruppen bewährt?

Younan: Auf jeden Fall. In den Plenumsbeiträgen kommt es zu vielen Wiederholungen, wohingegen in den Sprachzirkeln mehr Raum für Austausch ist.

Frage: Haben die Schwierigkeiten der Christen im Nahen Osten genug Raum erhalten an der Synode?

Younan: Wir Patriarchen aus dem Nahen Osten haben unser Bestes getan, unsere Situation und unsere Probleme zu schildern. Jetzt müssen wir die Synode arbeiten lassen. Wir können sie nicht auf die Fragen begrenzen, die für uns die dringendsten sind. Aber wir erhoffen uns von Papst Franziskus, dass er die Repräsentanten aller Länder, die politisch oder wirtschaftlich in das Geschehen im Nahen Osten eingreifen, zu einer internationalen Konferenz in den Vatikan einlädt und ihnen sagt: Den Christen in Nahost droht die Ausrottung, und das wäre ein großer Verlust nicht nur für die Christenheit, sondern für die gesamte Menschheit. Noch ist es nicht zu spät, aber wir müssen handeln.

Von Andrea Krogmann (KNA)

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