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Nonne wider Willen

Die Nonne, die Pauline Etienne in dieser Adaption von Denis Diderots gleichnamigem Roman verkörpert, ist eine zarte, aber willensstarke junge Frau. Der Film erzählt, wie diese kleine Person mit dem klaren, ausdrucksstarken Gesicht allen Bedrohungen und Schikanen zum Trotz an ihrer Überzeugung festhält. Und diese Überzeugung ist die, dass sie von Gott nicht zum Leben hinter Klostermauern berufen ist und das kein Mensch sie dazu zwingen darf.

Kino | Bonn - 30.10.2013

Die Nonne, die Pauline Etienne in dieser Adaption von Denis Diderots gleichnamigem Roman verkörpert, ist eine zarte, aber willensstarke junge Frau. Der Film erzählt, wie diese kleine Person mit dem klaren, ausdrucksstarken Gesicht allen Bedrohungen und Schikanen zum Trotz an ihrer Überzeugung festhält. Und diese Überzeugung ist die, dass sie von Gott nicht zum Leben hinter Klostermauern berufen ist und das kein Mensch sie dazu zwingen darf.

Der Aufklärer Diderot hatte diese Passionsgeschichte erfunden, um gegen die katholische Kirche seiner Zeit zu polemisieren - es ist erstaunlich, wie stark Guillaume Nicloux' Verfilmung ausgerechnet an Märtyrer-Legenden aus dem katholischen Heiligenkalender erinnert: Die Figur wird zu einer Märtyrerin der Selbstbestimmung, die sich mit ebenso viel Glaubensüberzeugung gegen den Nonnenschleier wehrt wie sie den frühchristlichen Heiligen beim Verteidigen ihrer Religion gegen heidnische Bedränger zugeschrieben werden.

Dabei bleibt die Inszenierung konsequent auf Seiten des Opfers: der 16-jährigen Suzanne Simonin. Sorgfältig wird der familiäre Hintergrund einbezogen, der dazu führt, dass sie ins Kloster abgeschoben wird. Als jüngstes Kind einer verarmten Familie reicht es nicht mehr für eine Mitgift, um sie anständig zu verheiraten. Das Kloster würde eine ehrbare Alternative bieten - zumal die Mutter damit, dass die Tochter der Kirche geweiht wird, eine alte "Schande" wettmachen möchte, ist Suzanne doch das Resultat eines außerehelichen Fehltritts.

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Mitte des 18. Jahrhunderts: In einem Frauenkloster in Frankreich soll die junge Suzanne Nonne werden. Doch ihr Widerstand ist stark.
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Individuum unter sozialem Druck

Das Kloster als Ausweg aus dieser von ihr selbst unverschuldeten Situation: Das will die junge Frau zunächst nicht akzeptieren. Schließlich aber lässt sie sich doch überreden - und will diesen Entschluss revidieren, als ihre freundliche Mutter Oberin stirbt und einer Nachfolgerin Platz macht, die Suzanne die Freiheitssehnsucht mit brutalsten, mittelalterlichsten Mitteln auszutreiben versucht. Als Suzanne die Verlegung in ein anderes Kloster gelingt, scheint alles besser zu werden, weil ihr die neue Äbtissin mit großer Zuneigung begegnet. Bis sich herausstellt, dass diese ihre Führungsposition nutzt, um zudringlich die "Liebe" der jungen Schwester einzufordern.

Warum diesen alten Stoff um eine Nonne wider Willen noch einmal aufgreifen? Schon in Jacques Rivettes fast 50 Jahre alter Adaption mit Anna Karina ("Die Nonne", 1965/66) stand die konkrete Kritik an Klosterleben und Kirche nicht im Mittelpunkt; vielmehr ging es um die Versuchsanordnung, wie ein Individuum unter sozialem Druck langsam zerbrochen wird. Auch Nicloux sucht nun aktuell das Zeitlose in der Geschichte der Nonne. Die Inszenierung kontrastiert immer wieder Pauline Etiennes verletzliches Gesicht mit der Mauer aus Konventionen und Kontrollansprüchen, die ihr von Seiten ihrer Familie und der Nonnen entgegen gestellt wird.

Film beleuchtet grundsätzlichen Missstand

Dabei zielt der Film nicht auf eine Skandalisierung der "Perversionen" hinter Klostermauern ab, sondern beleuchtet einen grundsätzlichen Missstand: Es geht um die verheerende Wirkung autoritärer Systeme, die die Entfaltung eines Menschen behindern. Und es geht um die Möglichkeiten des Individuums, sich dagegen zu behaupten. Anders als Rivettes Film läuft Nicloux' Version nicht auf den Tod der Hauptfigur hinaus, sondern findet einen ambivalenteren Schluss. Ob sich die Freiheitssehnsucht der Figur darin erfüllt, bleibt Interpretationssache. Schließlich war der Handlungsspielraum für eine junge Frau des 18. Jahrhunderts nicht nur im Kloster strikt beschränkt, sondern auch in der säkularen Gesellschaft.

Von Felicitas Kleiner

Bewertung der Katholischen Filmkommission

Die Geschichte einer 16-Jährigen im Frankreich des 18. Jahrhunderts, die von ihrer Familie genötigt wird, in ein Kloster einzutreten. Da sie sich nicht von Gott berufen fühlt, diesen Lebensweg zu beschreiten, wehrt sie sich dagegen, die Gelübde abzulegen. So beginnt ein Leidenswegs, an dem sie zu zerbrechen droht. Der auf Denis Diderots Roman basierende, betont spröde gehaltene Film umkreist als Martyrium unter umgekehrten Vorzeichen den Konflikt zwischen inneren Überzeugungen und sozialem Druck. Dabei rechnet er mit autoritären Strukturen ab, die die freie Entfaltung des Einzelnen behindern und von der präzisen Inszenierung bis zum interpretatorisch offenen Ende sowohl in subtilen Gesten als auch in offensichtlichen Unterdrückungsgesten transportiert werden.

Bewertung der Katholischen Filmkommission

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Der obige Text wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".

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