• © Bild: Don Bosco Mondo

"Ohne Gott wäre ich nicht hier"

Sierra Leone ist eines der drei westafrikanischen Länder, in denen das Ebola-Virus am stärksten wütet. In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der Toten wieder dramatisch an. Der Salesianerbruder Lothar Wagner arbeitet in der Hauptstadt Freetown als Direktor der Organisation Don Bosco Fambul und erlebt täglich unmittelbar, welches Grauen die Krankheit auslöst. Im Interview mit katholisch.de erzählt er, was ihn in seiner Aufgabe stärkt und warum es ihn glücklich macht, dort zu sein, wo er ist.

Ebola | Freetown - 09.10.2014

Sierra Leone ist eines der drei westafrikanischen Länder, in denen das Ebola-Virus am stärksten wütet. In den vergangenen Tagen stieg die Zahl der Toten wieder dramatisch an. Der Salesianerbruder Lothar Wagner arbeitet in der Hauptstadt Freetown als Direktor der Organisation Don Bosco Fambul und erlebt täglich unmittelbar, welches Grauen die Krankheit auslöst. Im Interview mit katholisch.de erzählt er, was ihn in seiner Aufgabe stärkt und warum es ihn glücklich macht, dort zu sein, wo er ist.

Frage: Bruder Lothar, wie erleben Sie die derzeitige Situation in Sierra Leone?

Wagner: Frustrierend, was die internationalen politischen Hilfen betrifft. Wir müssten diesen Leidensweg nicht gehen, hätte die westliche Welt früh und angemessen reagiert. Bisher sind nur Ärzte und Epidemie-Experten aus China und Kuba im Land, die uns viel Hoffnung geben. Viele Menschen sind verunsichert und haben einfach nur Angst. Infizierte und Verdachtsfälle werden stigmatisiert.

Frage: Wie hat sich die Lage im Land in den vergangenen Monaten entwickelt?

Wagner: Zu Beginn wurde die Situation leichtsinnig unterschätzt, dann sträflich verleugnet. Es gab traditionelle Hexenkulte und politisch motivierte Vorwürfe. Das alles gipfelte in einer depressiven Niedergeschlagenheit, die die Menschen erfasst hat. Nun hoffen wir, dass wir mit internationaler Hilfe den Kampf gegen die Epidemie gewinnen und ein neuer Aufbruch beginnen kann.

Frage: Wie ist die Stimmung im Land?

Wagner: Das ist je nach Ort unterschiedlich. Ich komme gerade aus Port Loko zurück und habe dort ein Waisenheim besucht. Es steht unter Quarantäne, weil die Leiterin eine Beerdigung eines Ebola-Opfers besuchte. 39 Kinder und Mitarbeiter sind sich selbst überlassen. Vor allem in ländlicheren Regionen herrschen Stigmatisierung und Angst und ein starker Hexenkult. Die Menschen glauben, dass Erkrankte für schlimme Taten bestraft werden. In der Hauptstadt Freetown ist die Bevölkerung über die Epidemie besser aufgeklärt . Dennoch herrscht auch hier die Angst - in und rund um die Stadt ist man sehr vorsichtig. "No body contact!" - kein Körperkontakt - ist ein oft gehörter Ruf in den Straßen.

Frage: Wer sind die größten Leidtragenden der Epidemie?

Wagner: Natürlich zunächst die Erkrankten selbst. Dann aber auch alle Verdachtsfälle, Menschen, die unter Quarantäne gesetzt werden. Insgesamt begegnet die Bevölkerung diesen Gruppen ablehnend. Menschen in Quarantäne erhalten wenig Nahrung und andere wichtige Hilfen. Wir von Don Bosco haben durch unsere Hotline und die Notunterkunft engen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen und erleben ihre Schicksalsschläge hautnah mit. Da gehen wir wirklich an unsere Grenzen. Die Kinder, die ihre Eltern sterben sahen und nun Vollwaisen sind, und die Jungen und Mädchen, die infiziert waren, geheilt wurden, aber nun von ihren Familien ausgestoßen werden, zählen zu den größten Leidtragenden. Und dann sehe ich natürlich auch die Helfer selbst. Wir müssen sehr stark aufpassen, dass alle Schutzvorkehrungen eingehalten werden und sie nicht selbst ein Trauma erleben.

Frage: Wie sieht Ihr Tag in Sierra Leone derzeit aus?

Wagner: Wichtig ist mir am Morgen die halbstündige Meditation - alleine mit Gott. Das ist sehr intensiv und gibt mir Kraft für den ganzen Tag. Ich stelle alles unter den Schutz unserer Ordenspatronin Maria, Helferin der Christen. Das ist keine Sozialromantik, sondern erfahrbare Begleitung und Sicherheit in diesen schwierigen Zeiten. Viele Stoßgebete während meines Arbeitstages ersetzen derzeit oft mein Stundengebet. Ansonsten kümmere ich mich um alle Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen in unseren Häusern, die Kontakte zur Regierung sowie zu unseren Partnern und die Leitung unserer Projekte. Kriseninterventionen gehören ebenso zu meinen täglichen Aufgaben.

Eine Frau in Schutzkleidung und Plastikhandschuhen redet mit einem Mann.
Im Zuge des Kampfs gegen Ebola wird in Serabu in Sierra Leone ein Patient nach Symptomen befragt.
 KNA

Frage: Was bedeutet die Epidemie für Ihre Arbeit?

Wagner: Derzeit schulen wir alle Mitarbeiter intensiv. Noch mehr als sonst müssen wir gute Beobachter sein: Wie verhält sich ein Kind? Schläft es auf einer Bank oder hat es Fieber und ist krank. Alle drei Stunden messen wir Fieber. Neuaufnahmen in den Heimen dauern länger, denn wir dokumentieren die Krankengeschichte und halten fest, in welchem Umfeld sich das Kind in den drei Wochen zuvor bewegt hat. Es gibt so viele Aufnahmen von Vollwaisen und betroffenen Kinder. Außerdem hat sich die Zahl der Anrufe bei unserer Telefonberatung vervierfacht. Derzeit sind es fast ausschließlich Krisengespräche mit doppelter Beratungsdauer.

Frage: Wie geht es Ihnen persönlich?

Wagner: Sehr gut. Gesundheitlich, also körperlich und seelisch, habe ich keine Beschwerden. Es macht Sinn, derzeit hier vor Ort zu sein, auch wenn vieles sinnlos erscheint. Aber vieles ist im Leben und Glauben ambivalent. Es ist auch ein gutes Gefühl zu wissen, dass man gebraucht wird und den Mitarbeitern, den Kindern und den Jugendlichen auch Ängste nehmen und Sicherheit geben kann.

Frage: Wie gehen Sie mit persönlichen Ängsten um?

Wagner: Ich bin gut im Verdrängen (lacht). Die Angst kommt bei mir eigentlich nur dann, wenn wir in unserer Einrichtung einen Verdachtsfall haben. Das hatten wir bereits zweimal. Dann muss alles funktionieren. Sofort isolieren, therapieren, Ärzte rufen. Und wenn es dann länger dauert, bis das betroffene Kind abgeholt wird, stehe ich unter großer Anspannung und es quälen mich die Fragen, ob wir die anderen Kinder und Mitarbeiter ausreichend vor solchen Fällen schützen. Aber wir können nun nicht schließen. Es sind viele ethische Dilemmata, mit denen wir umgehen müssen.

Frage: Welche Rolle spielen Gott und Ihr Glaube in dieser Situation?

Wagner: Ohne Gott und meine Beziehung zu ihm wäre ich definitiv nicht hier. Oder ich würde mich in meinem Büro verkriechen und Logistik am Computer betreiben, um mein Gewissen zu beruhigen. Es gab in meinem Leben noch nie eine solche Zufriedenheit, nun gerade im Hier und Jetzt zu leben. Ja, ich bin glücklich. Die täglichen Begegnungen mit den Kindern und Jugendlichen sind für mich Begegnungen mit Christus. Ich stehe am Kreuzweg unserer Zeit, reiche das Schweißtuch und trage das Kreuz mit. Nun sind es die Kinder, die den historischen Christus für mich in meinem Leben aktualisieren. Durch sie und durch Christus weiß ich, dass mein Leben eben nicht mit der Kreuzigung endet, sondern dass wir das Osterfest erleben werden.

Frage: Was möchten Sie der westlichen Welt sagen?

Wagner: Es gibt von Seiten der Bevölkerung eine große Anteilnahme, ja eine globale Solidarität. Das gibt mir viel Kraft zum Weitermachen. 5.000 freiwillige Soldaten und Zivilisten haben sich allein in Deutschland gemeldet. Das ist unglaublich toll! Nun muss die deutsche Regierung diesen Freiwilligen sofort die Möglichkeit geben, hier vor Ort helfen zu können. Es dauert einfach zu lange und das Zögern der westlichen Regierungen hält an. Mein Appell: Schickt mobile Krankenhäuser mit mindestens 5.000 Betten, Labore, Epidemie-Experten sowie Ärzte und Krankenpfleger. Noch können wir eine globale Epidemie verhindern.

Das Interview führte Janina Mogendorf

Zur Person

Bruder Lothar Wagner wurde am 21. September 1973 in Trier geboren. Er ist Salesianer Don Boscos, staatlich-anerkannter Erzieher, Diplom-Sozialpädagoge und Diplom-Theologe. Seit November 2008 ist Wagner Direktor der Nichtregierungsorganisation Don Bosco Fambul . Das Kinder- und Jugendhilfezentrum beschäftigt derzeit 91 Ordensleute und Mitarbeiter, meist Sozialarbeiter. Neben der mobilen Straßensozialarbeit unterhält die Einrichtung unter anderem eine stationäre Rehabilitationsmaßnahme für ehemalige Straßenkinder, eine Familienberatung, zwei Jugendzentren, ein Mädchen- und Frauenhaus sowie eine landesweite Kinder- und Jugendtelefonberatung. Derzeit kümmert sich die Einrichtung um 5.000 junge benachteiligte und missbrauchte Menschen. (mog)

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Der Tropenmediziner Dr. Klemens Ochel vom Missionsärztlichen Institut Würzburg ist noch bis zum 11. Oktober 2014 im ebenfalls von der Ebola-Epidemie betroffenen Liberia unterwegs. Über seine Erlebnisse in dem Land schreibt er in einem Blog.

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