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Ökumene, na und?

Ökumenisches Engagement lebt auf Dauer nur, wer eine Leidenschaft für die Suche nach der Einheit der Kirchen hat. Ohne Emotionen hält niemand diese Anstrengung lange durch. Beherzt geht es zu. Denken und Empfinden müssen zueinander finden. Wer nicht mehr streitet, hat resigniert. Der Dichter Peter Handke sagt: "Die Niedergeschlagenheit setzt ein, wenn ich zu allem, was ist, nur noch sagen kann: 'Na und?'"

Gastbeitrag | Münster - 29.07.2014

Ökumenisches Engagement lebt auf Dauer nur, wer eine Leidenschaft für die Suche nach der Einheit der Kirchen hat. Ohne Emotionen hält niemand diese Anstrengung lange durch. Beherzt geht es zu. Denken und Empfinden müssen zueinander finden. Wer nicht mehr streitet, hat resigniert. Der Dichter Peter Handke sagt: "Die Niedergeschlagenheit setzt ein, wenn ich zu allem, was ist, nur noch sagen kann: 'Na und?'"

"Na und?" – mit dieser rhetorischen Frage reagieren gerade jene Menschen nicht, die sich nach dem Erscheinen des Grundlagentextes des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) mit dem Titel "Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation 1517" angesichts ihrer ökumenischen Leidenschaft zu Wort gemeldet haben. Geht es dabei um mehr als um einen einzelnen Text, seine Zielgruppe, um darin Geschriebenes und bewusst oder unbedacht Vergessenes? Offenkundig erscheint vielen diese Veröffentlichung als symptomatisch für die Ökumene heute – und vor allem dies provoziert vor dem Jahr 2017.

"Na und?" – nein, auch ich gehöre nicht zu denjenigen, die über diesen Vorgang schweigend hinweg gehen möchten. Ich ahne, wie mühsam es möglicherweise war, zu dem vorliegenden Ergebnis zu kommen. Ökumenische Offenheit wird man ihm nicht vollständig absprechen können:

Dorothea Sattler, eine Frau in mittleren Jahren mit kurzen dunklen Locken und Brille, vor einer Bücherwand.
Dorothea Sattler ist Leiterin des Ökumenischen Instituts an der Universität Münster.  Benedikt Plesker

In seinem Geleitwort wünscht sich der Vorsitzende des Rates der EKD, Nikolaus Schneider, eine Resonanz des Dokumentes in der weltweiten Ökumene (vgl. S. 10); Schneider spricht an, was Intention des Textes ist: eine theologische Grundlage dafür zu bieten, das Reformationsjubiläum nicht "nur als Gedenken an die verlorene Einheit zu begehen" (S. 9), sondern "in der Freude über die geistlichen Gaben der Reformation das Jubiläum in ökumenischer Weite [zu] feiern" (S. 9). Die von Schneider kursiv gesetzten Worte markieren die Spannung, die seit geraumer Zeit die ökumenischen Vorbereitungen auf 2017 prägt: Gedenken wir gemeinsam oder feiern wir mit einer konfessionellen Tradition? Kann dies aber im Ernst eine Alternative sein? Beides ist wichtig.

Warum steht nichts über den Konsens im Text?

Bei der Lektüre von "Rechtfertigung und Freiheit" irritiert mich weniger, dass von Beginn an die kulturgeschichtliche Bedeutung der Reformation hervorgehoben wird. Es erscheint mir auch als legitim, die religiösen Gehalte des reformatorisch geprägten Christentums für die eigene Konfessionsgemeinschaft zu beschreiben. Der damals kontroversen Gesprächssituation ist es geschuldet, wenn die Widerrede im 16. Jahrhundert mit Exklusivpartikeln formuliert wurde: allein Christus (ist unser Heil) – allein aus Gnade (sind wir gerechtfertigt) – allein im Wort (wird Gottes Wesen uns geoffenbart) – allein die biblischen Schriften (sind die Norm der Gotteserkenntnis) – allein durch den Glauben (erfahren wir Gottes Güte in der Vollendung). Soweit, so gut – jedoch:

Das alles können wir heute nach der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" (1999) mit den dabei erforderlichen Differenzierungen im Konsens miteinander sagen. Warum steht das nicht im Text? Nur eher verschämt wird darauf hingewiesen, dass die Rechtfertigungslehre mit der römisch-katholischen Kirche gemeinsam formuliert werden kann (vgl. S. 39).

Dieser Hinweis findet sich zudem in einem Nebensatz, der zugleich auf die verbleibenden "kirchentrennende[n] Differenzen über das Verständnis des Amtes und der Sakramente" (S. 39) hinweist. Konkretisierungen bleiben dabei aus. Die Taufe wird nicht erwähnt. Das Amt wird vor den Sakramenten genannt. Angesichts der in den letzten Jahrzehnten auch unter Mitwirkung einzelner Autorinnen und Autoren des EKD-Dokuments erarbeiteten Konvergenzen im Verständnis der Sakramente und des kirchlichen Amtes lässt mich diese Bemerkung ratlos zurück.

Ökumenische Bildung statt Selbstvergewisserung ist gefragt

Sie steht im Übrigen nicht in Übereinstimmung mit der Rezeption der Studie "Lehrverurteilungen – kirchentrennend?" (1986) in den synodalen Prozessen der Gliedkirchen der EKD nach dem Erscheinen dieser Studie. Im Blick auf das gesamte Dokument verwundert, wie nachlässig die Ergebnisse der ökumenischen Dialoge behandelt werden. Lässt sich dies mit dem Hinweis entschuldigen, der Text sei für evangelische Gemeindemitglieder zur Selbstvergewisserung geschrieben? Nein – ökumenische Bildung ist ein Auftrag, den alle an allen Orten zu erfüllen haben.

Unter ökumenischer Perspektive sind in dem Grundlagentext der EKD vor allem auch jene Passagen zu besprechen, in denen die Zielperspektiven der Ökumenischen Bewegung in den Blick genommen werden. Die EKD hält offenkundig an dem Ziel fest, "die volle sichtbare Einheit der einen Kirche" (S. 99) erreichen zu wollen – dann allerdings mit dem nicht näher erläuterten Zusatz verbunden: volle sichtbare Einheit der einen Kirche "in der Vielfalt der Konfessionen" (S. 99).

Über ihr Ziel scheint sich die EKD nicht klar zu sein

Ein Meilenstein in der Ökumene: Am 31. Oktober 1999 unterzeichnen der Präsident des Lutherischen Weltbundes, Christian Krause, und der Präsidenten des Päpstliches Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Edward Idris Cassidy, die "Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre".  KNA

Ist die "Pluralisierung der christlichen Kirchen" schriftgemäß? Ich bezweifle dies für die Lebensorte der Getauften damals in Korinth, Ephesus oder an anderen Orten ebenso wie für die Getauften in den Dörfern und Stadtvierteln heute. Ich wundere mich, dass die in der Ökumenischen Bewegung vielfach zitierten Hinweise auf eine biblische Motivation zur Ökumene nicht argumentativ leitend sind – weder Joh 17, 21 ("Alle sollen eins sein") noch Eph 4, 4–6 ("ein Herr, ein Glaube, eine Taufe"). Wenn ich es recht sehe, wird der Thematik der Taufe im Grundlagentext nur wenig argumentativer Raum gegeben.

"Na und?" – diese Frage lässt sich auch positiv wenden: Und welche Zugänge zur Ökumene vor 2017 gibt es noch? Die Gemeinsame (internationale) lutherisch-katholische Dialogkommission hat unter dem Titel "Vom Konflikt zur Gemeinschaft" (2013) eine sehr wichtige Studie zu den in den Dialogen bereits erreichten Konvergenzen vorgelegt. Eine gemeinsame Arbeitsgruppe der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) erarbeitet derzeit eine Stellungnahme zum Leitgedanken "Heilung der Erinnerungen"; der Gedanke der Verständigung und der Versöhnung steht dabei im Mittelpunkt dieser Überlegungen.

Aktuell gibt es viele Zugänge zur Ökumene

Der Ökumenische Arbeitskreis katholischer und evangelischer Theologen wird im Herbst 2014 in der Reihe "Dialog der Kirchen" eine Studie veröffentlichen, in der eine gemeinsame Deutung des Ereignisses der Reformation geschieht. Der Deutsche Evangelische Kirchentag überlegt zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken, wie die Kirchen- und Katholikentage bis 2017 und darüber hinaus ökumenisch zu gestalten sind. Allen diesen Bemühungen ist gemeinsam, dass sie in ökumenischen Gremien entstanden sind. Noch immer sind wir - in der EKD ebenso wie in der DBK - weit entfernt von den Zeiten, in denen es fraglos selbstverständlich ist, keinen Text von ökumenischer Relevanz ohne eine Mitarbeit auch der besprochenen Konfessionen zu entwerfen. Allein schon die Begegnung verändert.

"Na und?" - für (mich) ärgerlicher als die kritischen Stimmen zu "Rechtfertigung und Freiheit" zu lesen, ist es, das weithin in der theologischen Zunft bestehende Desinteresse an den ökumenischen Dialogen wahrzunehmen, deren scheinbare Ergebnislosigkeit nicht selten bereits vorab von Menschen konstatiert wird, die sich selbst den Mühen einer ökumenischen Verständigung niemals unterzogen haben. Ja, es stimmt gewiss: In vielen Bereichen wird Ökumene gelebt, ohne darüber zu sprechen – vor Ort in den Gemeinden, in den Hospizen, in den Familien, in den Krisenregionen der Erde, beim Gedächtnis der Opfer unsinniger Gewalt. Aber kann dies eine Gegenrede gegen ökumenische Dialoge sein? Wohl kaum – ersichtlich wird in der Ökumene des Lebens, in der diakonischen und in der geistlichen Ökumene vielmehr, wie stark die Sehnsucht nach der erlebten Einheit miteinander versöhnter Kirchen ist.

Von Dorothea Sattler

Zur Person

Dorothea Sattler ist Professorin und Direktorin des Ökumenischen Instituts der Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

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