Pilgern mit Kind und Kegel

Lourdes, Rom, das Heilige Land und der Jakobsweg - Familie Hölzle/Reiber war schon an allen großen Pilgerorten der Christenheit. Dabei kann Pilgern gerade mit kleinen Kindern herausfordernd sein.

Pilgern | Rammingen - 18.03.2017

Sich auf den Weg machen. Kilometer um Kilometer wandern, Landschaft und Kirchenkultur mit allen Sinnen erleben, zu sich und zu Gott finden. Das macht für viele Menschen den Reiz des Pilgerns aus. Aber wie ist es mit Kind und Kegel unterwegs zu sein? Familie Hölzle/Reiber aus dem schwäbischen Rammingen pilgert seit 2009 gemeinsam und erzählt von ihren Erfahrungen.

Nachdem Bernhard und Ulrike bereits ihre Hochzeitsreise auf dem Jakobsweg verbracht hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie sich auch mit ihren Kindern auf den Weg machen würden. Mit der Diözese Augsburg ging es 2009 auf Zugwallfahrt nach Lourdes. „24 Stunden waren wir unterwegs und unsere Jüngste, Antonia, war gerade einmal ein halbes Jahr alt“, erzählt Ulrike. Auch Oma und Großonkel begleiteten die Familie. „Seit damals haben wir immer wieder unseren Urlaub mit religiösen Zielen verknüpft“, sagt Bernhard, Kommunalbeamter und Diakon im Nebenberuf.

So waren die fünf auch schon in Rom und in Israel. Für Johanna, mit 13 Jahren die älteste Tochter, ist das völlig in Ordnung: „Ich kann mir nicht vorstellen, einfach nur am Strand zu liegen und nichts zu tun“, sagt sie. Das sei ihr zu wenig Action, zu wenig Kultur. „Ein spannendes Ziel ist uns wichtig“, meint auch Mutter Ulrike. Aber natürlich brauchen vor allem die Jüngeren zwischendurch Raum zum Spielen und Pause machen.

Fußball mit dem Wachmann

So war das Highlight der siebenjährigen Antonia in Israel auch nicht die heiligen Stätten in Jerusalem, sondern der Aufenthalt am See Genezareth. Dort konnte sie baden und am Wasser spielen. „So eine Pilgertour mit Kindern darf nicht in einer religiösen Leistungsgeschichte enden“, betont Bernhard. „Es ist wichtig, den Druck rauszunehmen. Wir müssen nicht unbedingt alles sehen und alles mitmachen.“ Und manchmal passieren die spannendsten Dinge auch abseits des Tagesplans.

„Auf unserer Romwallfahrt haben wir jeden Tag einen Gottesdienst in einer anderen Kirche gefeiert“, erzählt Bernhard. „Im Pantheon durften die Kinder sogar spontan ministrieren.“ Unvergesslich sei aber auch der Tag gewesen, als die Mädchen so gar keine Lust auf eine Messe in der Lateranbasilika gehabt hätten. „An diesem Tag gab es ein Champions League-Spiel zwischen Bayer Leverkusen und AS Rom. Wir haben uns einen Ball gekauft und mit dem Soldaten, der eigentlich mit Maschinengewehr vor der Kirche Wache halten sollte, Fußball gespielt.“

Familie Hölzle/Reiber auf dem See Genezareth bei einer Pilgerfahrt im Heiligen Land.
 privat

Neben den großen Wallfahrten geht die Familie auch immer wieder in Deutschland auf Pilgerreise. Als Diakon organisiert Bernhard Touren für Gruppen aus der Gemeinde – zum Beispiel für die Messdiener. Die Familie ist in der Regel vollzählig dabei und jeder einzelne genießt die Freiheiten, die eine selbstorganisierte Pilgerwanderung mit sich bringt.

Den eigenen Rhythmus finden

„Diese persönliche Freiheit ist ein ganz wichtiger Aspekt“, ist Bernhards Erfahrung. „Wenn ich verlange, dass alle recht gläubig jeden Impuls mitmachen müssen, ist das nicht realistisch.“ Bei den Touren auf eigene Faust gebe es wunderschöne gemeinsame Momente, aber auch Zeiten, in denen jeder seiner Wege gehe. „Man kann jederzeit entscheiden, ein Andachtsbild nicht zu besichtigen und dafür eine Stunde die Seele baumeln zu lassen.“ Sich auf den Moment einzulassen und in Ruhe mit allen Sinnen die Umgebung wahrzunehmen ist wichtiger Bestandteil einer Pilgertour.

Auch beim gemeinsamen Unterwegssein darf jeder bestimmen, ob er alleine läuft, schweigen will oder sich angeregt unterhält.  „Da kann jedes Familienmitglied seinen Rhythmus finden“, sagt Bernhard und nur so könne der Pilgerweg auch ein Stück weit Urlaub vom Familienalltag sein. Gemeinsam auf Wallfahrt zu gehen bedeutet nämlich nicht, dass immer eitel Sonnenschein unter den Familienmitgliedern herrscht.

„Vor allem, wenn man zu viel aufeinander hockt, streitet man eher, als dass es die Familie zusammenschweißt“, ist Johannas Erfahrung. „Ein Team wird man dagegen, wenn alle gemeinsam Verantwortung übernehmen“, sagt Ulrike. Das beginnt schon bei der Entscheidung für einen Pilgerweg. Paris, Italien und Spanien stehen auf der Wunschliste der Kinder weit oben. Ulrike würde gerne mal nach Thüringen und auf den Spuren der Heiligen Elisabeth wandern. Das können sich alle gut vorstellen.

Ein No-Go sind große Schlafsäle

So eine selbstorganisierte Tour braucht eine lange Vorlaufzeit. Wenn Bernhard für eine Gemeindegruppe plant, muss er die Unterkünfte ein Jahr im Voraus buchen. „Sonst wird es schwer mit den Wunschterminen.“ Etwa drei Monate vorher fährt und wandert er die Strecke ab. Es ist wichtig zu wissen, wie die Wege sind, wo die Gruppe bei einem Unwetter Schutz finden kann, welche Plätze sich für ein Picknick eignen oder wo man einkehren kann. Die Verpflegung sei das A und O bei so einer Tour. „Irgendwo ankommen und dann gibt es nichts zu essen, das geht gar nicht“, sagt die elfjährige Elisabeth.

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Den typischen Pilger? "Den gibt es nicht", sagt Theologe Martin Lörsch. Die Menschen würden sich aus den verschiedensten Gründen auf den Weg machen. Welche das sind, erzählt er im Interview. (Artikel vom Dezember 2016)

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Gar nicht gehen auch große Schlafsäle, wenn man mit Kindern und Jugendlichen unterwegs ist. Was für den erfahrenen Jakobspilger in den Herbergen einfach dazu gehört, ist für kleine Wanderer nicht geeignet. „Sie sind nach einer Etappe wirklich erschöpft und brauchen Ruhe und Rückzugsmöglichkeiten“, sagt Bernhard. Rund 15 Kilometer schaffen seine beiden Großen am Stück. Für Antonia ist das noch zu weit. „Deshalb haben wir bei Pilgertouren mit Kindern und älteren Menschen ein Begleitfahrzeug dabei, das auch hin und wieder von der Oma gesteuert wird.“

Wenn jemand nicht mehr kann, steigt er um und hilft stattdessen bei der nächsten Station die Brotzeit vorzubereiten. Eines aber ist tabu, betont Bernhard: „Das Gepäck wird nicht im Auto kutschiert. Es gehört zum Pilgererleben, dass jeder seinen Rucksack selbst trägt.“ Die drei Hölzle-Töchter packen ihre Taschen mittlerweile alleine und müssen entscheiden, was sie sich zutrauen. „Dann gibt es eben nur einen Föhn für alle Frauen der Familie“, schmunzelt der Vater. Immer mit dabei sind Antonias Giraffe und Elisabeths Stoffpferd. Für Johanna sind Muschelarmbänder und das Handy unverzichtbar.

Mit Jesus auf dem Weg

Wie ist das überhaupt mit Smartphones auf dem Pilgerweg? „Jeder hat ein geladenes Handy dabei. Einfach für den Fall, dass jemand verloren geht“, sagt Bernhard. Wird da nicht ständig nur aufs Display geschaut? „Nach spätestens fünf Kilometern nicht mehr“, lacht der Diakon und vertraut ansonsten auf einen Trick: „Ich achte darauf, dass die Unterkünfte, die ich buche, kein Wlan haben. Das tut allen gut, weil sie schnell merken, dass sie das Handy eigentlich gar nicht brauchen.“ Diese Erfahrung sei besser, als ein Verbot.

Eine Sache sollten alle Pilger dabeihaben, wenn sie mit ihm unterwegs sind. „Das Gotteslob! Wer mit Papa pilgert, der muss singen“, lacht Johanna. Elisabeth liebt „Jesus Christ you are my life“. Aber auch „Mit Jesus auf dem Weg“ stimmt die Pilgerfamilie unterwegs besonders gerne an. „Das Lied drückt vieles aus, was man auf dem Weg empfindet und macht es deutlicher, als es eine Predigt oder ein geistlicher Impuls das könnten. Dann ist man schon ganz nah dran an dem, was Pilgern heißt.“

Von Janina Mogendorf

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