Rassismus. Liebe. Gott.

Weil er sich für Flüchtlinge einsetzte, wurde Priester Olivier Ndjimbi-Tshiende bedroht. Jetzt hat er ein Buch geschrieben. Darin geht es nicht nur um Rassismus, sondern auch um eine lebendige Kirche - und den Zölibat.

Kirche | Eichstätt - 12.09.2017

"Und wenn Gott schwarz wäre..." - Nicht nur der Titel des bald erscheinenden Buches von Olivier Ndjimbi-Tshiende ist provokant. Mit katholisch.de hat der ehemalige Pfarrer von Zorneding über seine persönliche Geschichte, Rassismus und "falsche" Traditionen der katholischen Kirche gesprochen.

Frage: Herr Ndjimbi-Tshiende, Ihre Geschichte fand weltweite Beachtung. Sie wurden rassistisch beleidigt, bedroht und sind schließlich im März 2016 als Pfarrer von Zorneding zurückgetreten. Wie geht es Ihnen heute?

Ndjimbi-Tshiende: Es geht mir eigentlich ganz gut. Ich arbeite jetzt an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, wo ich über Flucht, Migration und Integration forsche – mit besonderem Schwerpunkt der interkulturellen Zusammenarbeit. Am Wochenende bin ich aber weiterhin in den umliegenden Gemeinden als Priester tätig und feiere Gottesdienste.

Frage: Nebenbei haben Sie nun auch noch ein Buch geschrieben, das mit den Ereignissen von damals beginnt. Können Sie kurz aus Ihrer Perspektive erzählen, wie es zum Rücktritt gekommen ist?

Ndjimbi-Tshiende: Alles hat mit einem Zeitschriftenbeitrag der ehemaligen CSU-Ortsvorsitzenden Sylvia Boher angefangen. Sie hat darin über Flüchtlinge geschimpft und behauptet, dass diese vom Staat besser behandelt würden als die deutschen Staatsbürger. Sie sprach von einem "muslimischen Gottesstaat" in Deutschland und beleidigte Bundeskanzlerin Angela Merkel und den damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck. Ich habe dann auf Anfrage einer Journalistin dafür plädiert, sich doch bitte an die Fakten zu halten und gerecht zu bleiben. Es gab viele positive Reaktionen in Form von E-Mails und Leserbriefen. Einigen Rechtspopulisten hat mein Beitrag aber gar nicht gefallen.

Frage: Ein geteiltes Echo auf einen solchen Artikel zum Thema "Flüchtlinge" ist ja erst einmal nichts Ungewöhnliches.

Ndjimbi-Tshiende: Das stimmt. Allerdings war das nur der Anfang. Ich wurde danach als "Neger" beschimpft und erhielt schriftliche Morddrohungen. Die erste Karte dieser Art habe ich noch an die Tür meines Büros geklebt, um die Menschen, die zu mir kommen, zum Nachdenken anzuregen. Doch es wurden mehr. Irgendwann fand ich dann auch noch ein weißes Pulver in meinem Briefkasten, von dem ich bis heute nicht weiß, was es gewesen ist. Es war aber nicht ich, der schließlich die Polizei alarmiert hat, sondern die stellvertretende Bürgermeisterin. Sie hatte zuvor Besuch von einem Mann aus dem Ort, der ihr gesagt hat: "Am Samstag nach dem Gottesdienst wird der Pfarrer nicht mehr existieren." Aus Angst um mich hat sie dann die Polizei eingeschaltet.

Olivier Ndjimbi-Tshiende war bis März 2016 Pfarrer der katholischen Gemeinde im bayerischen Zorneding. Doch nach rassistischen Beleidigungen und Morddrohungen legte er sein Amt nieder.
 picture alliance/dpa

Frage: Das klingt schon nach einer sehr realen Bedrohung. Hätten Sie sich mehr Unterstützung von Ihrer Gemeinde gewünscht?

Ndjimbi-Tshiende: Zunächst wusste ja kaum ein Gemeindemitglied etwas von den Drohungen. Als die ganze Sache dann bekannt wurde, haben sich die Menschen sehr solidarisch mit mir gezeigt. Aber wie sollen sie mich gegen Morddrohungen schützen? Wenn jemand mich hätte töten wollen, dann hätte er das auch gekonnt. Ein Beispiel: Ein Mann tauchte mehrfach in meinen Gottesdiensten auf und verhielt sich ganz komisch. Er stand vor dem Altar, etwa zwei Meter vor mir, und hat mich angestarrt. Die Polizei war auch vor Ort und hat die Situation von der Sakristei aus beobachtet. Sie waren eine moralische Unterstützung. Aber wenn der Mann nun eine Waffe gezogen hätte, dann wäre jede Hilfe zu spät gekommen.

Frage: Hatten Sie Angst?

Ndjimbi-Tshiende: Ich hatte große Angst.

Frage: Sie schreiben aber auch von dem Moment, in dem Sie ein Stoßgebet zum Himmel schicken und den Gottesdienst dann einfach feiern. Inwieweit hat Ihnen Ihr Glaube in dieser schweren Zeit geholfen?

Ndjimbi-Tshiende: Wie in diesem Gottesdienst habe ich mich auch sonst in dieser Zeit ganz auf Gott verlassen. Ich habe ihn um Schutz gebeten und glaube, dass er mich bei all den Dingen, die da passiert sind, auch tatsächlich beschützt hat. Sie müssen wissen: Ich war nachts alleine im Pfarrhaus. Ich war alleine auf der Straße unterwegs, wenn ich im Winter im Dunkeln von Gottesdiensten oder anderen Veranstaltungen in meiner Pfarrei kam. Gott war in dieser Zeit noch einmal in besonderer Weise mein Zufluchtsort.

Frage: Sie wurden im gut katholischen Bayern bedroht, schreiben aber mit Blick auf Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland: "Wo der Glaube schwindet, wächst der Hass." Passt das zusammen?

Ndjimbi-Tshiende: Erst einmal muss man schauen, wie man "Glaube" definiert. Es geht mir nicht um Gottesdienstbesuche und nicht einmal um ein bewusstes Bekenntnis zu Gott. Es geht um seine Gebote, um Liebe, Respekt, um Toleranz. Man kann also auch als Atheist oder Humanist "glauben". Allerdings hat man in Ostdeutschland versucht, die Menschen Jahrzehnte von dieser Botschaft und damit auch von diesen Werten fernzuhalten. Die Menschen dort sind in meinen Augen daher anfälliger für Fremdenfeindlichkeit. Aber Sie haben Recht. Pauschal kann man das nicht sagen. Diejenigen, die mir geschrieben haben, man solle mich "nach Auschwitz schicken", waren vermutlich getauft. Vielleicht besuchen sie auch regelmäßig den Gottesdienst. Aber sie leben nicht in der Liebe Gottes. Sie sind für mich keine Gläubigen. Sie haben vergessen, was Christsein bedeutet.

Frage: In Ihrem Buch werfen Sie nicht nur Rechtspopulisten vor, vergessen zu haben was Christsein bedeutet, sondern auch Großteilen der kirchlichen Amtsträger. Können Sie Beispiele nennen?

Ndjimbi-Tshiende: Das Thema der "wiederverheirateten Geschiedenen". Dass sie jetzt in Deutschland die Kommunion empfangen können, war eine sehr gute Entscheidung der Bischöfe. Das ist Barmherzigkeit und Liebe. Auch Jesus hat die Sünde, ja sogar die Sünder selbst kritisiert. Er hat sie zur Umkehr aufgerufen. Aber er hat sie nie missachtet! Die Bischöfe haben also in Treue zu Jesus Christus gehandelt. Andere Bischofskonferenzen haben das nicht getan.

Das Buch "Und wenn Gott schwarz wäre ... Mein Glaube ist bunt!" von Olivier Ndjimbi-Tshiende erscheint am 25. September im Gütersloher Verlagshaus. Darin formuliert er seinen Traum von einer Welt ohne Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Hass, von einer kraftvollen Vision des Christentums, von einer Kirche mit Zukunft, die Liebe und Barmherzigkeit lebt.
 Gütersloher Verlagshaus

Frage: Bei einem anderen Thema sind Sie mit den deutschen Bischöfen nicht auf einer Linie. Sie gehen nämlich mit dem Pflichtzölibat hart ins Gericht. Warum?

Ndjimbi-Tshiende: Weil keine andere Deutung als die möglich ist, dass Jesus sowohl unverheiratete als auch verheiratete Priester wollte. Er selbst hat die Apostel aus beiden Gruppen berufen. Wenn also seine ersten "Bischöfe" verheiratet waren, dann kann die Kirche nicht zu einer gegensätzlichen Feststellung kommen. Wer auf die Geschichte des Zölibats schaut, der weiß auch, dass es sich um ökonomische Überlegungen der Kirche gehandelt hat. Sie wollte ihren Reichtum nicht an die Familie von Priestern verlieren. Die Trennung von Priestertum und gelebter Sexualität sowie Elternschaft aus theologischen Gründen ist eine Täuschung.

Frage: Sie gehen sogar noch weiter und fordern ein paulinisches Priestertum: verheiratete Priester mit Kindern in einem Zivilberuf. Geht das mit der heutigen Belastung in der Seelsorge?

Ndjimbi-Tshiende: Mit unserem aktuellen Kirchenbild sicherlich nicht. Aber wenn wir es schaffen, zu einer wirklich geschwisterlichen Kirche zu werden, dann könnte man auch die Strukturen angehen. Dann könnten die Gemeindemitglieder die Priester noch stärker entlasten, in dem sie etwa sakramentale Dienste übernehmen, bei denen das heute noch nicht möglich ist – zum Beispiel die Krankensalbung. Umgekehrt könnten die Gläubigen in der Seelsorge davon profitieren, wenn sie es mit einem Priester zu tun haben, der voll im Leben steht; zum Beispiel einem Arzt oder einem Richter. Und zu guter Letzt würden diese Priester noch viel stärker Teil des gesellschaftlichen Lebens sein, als sie es heute sind. Sie wären mehr als "Sakramentenspender".

Frage: Das klingt alles gut, aber doch auch sehr protestantisch – für die Schrift und gegen Tradition und Lehramt…

Ndjimbi-Tshiende: Die Heilige Schrift steht für mich tatsächlich im Fokus. Wenn die Bibel nicht mehr gelesen wird und wir uns von ihr entfernen, dann verliert auch jede Tradition ihre Glaubwürdigkeit. Es geht also nicht um "sola scriptura", sondern um die Heilige Schrift als Richtschnur und Korrektiv für Traditionen, die falsch sind. Auch die Hexenverbrennung und die Inquisition gehören zur "Tradition" der Kirche. An diesen Beispielen sieht man, dass auch die Kirche manchmal vergisst, was Jesus gesagt hat.

Frage: Sie haben mir viele Antworten gegeben – bis auf eine: Was wäre denn nun, wenn Gott schwarz wäre?

Ndjimbi-Tshiende: (lacht) Gute Frage. Der Titel soll eigentlich nur zum Nachdenken anregen. Gott hat natürlich keine Farbe – oder viel mehr alle Farben. Das Ergebnis dessen ist: Rassismus ist sinnlos. Hass ist sinnlos. Menschen zu töten ist sinnlos. Denn Gott ist die Liebe und wir sind alle Kinder Gottes. Wer einen anderen Menschen tötet oder hasst, der tötet oder hasst Gott selbst, der unsterblich ist. Sehen Sie die Absurdität des Hasses und des Rassismus!

Von Björn Odendahl

Zur Person

Olivier Ndjimbi-Tshiende wurde 1949 in Sintu in der Demokratischen Republik Kongo geboren. Er studierte Philosophie und Theologie und wurde 1979 zum Priester geweiht. Seit 2005 ist er in Deutschland. Er leitete seitdem mehrere Pfarreien, zuletzt bis Frühjahr 2016 die in St. Martin Zorneding bei München. Zurzeit ist er in einem Forschungsprojekt zum Thema Flucht, Migration und Integration an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt tätig.

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