Raum der Freiheit

Wir staunen manchmal selbst, wie viele Besucher wir an einem normalen Sonntagnachmittag in unserer Kirche sehen." Schwester Ruth Lazar ist eine der 28 Ordensfrauen im brandenburgischen Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf. Seit Jahren registrieren sie anhaltend viele Gäste aus dem nahen Berlin.

Orden | Alexanderdorf - 24.08.2013

Wir staunen manchmal selbst, wie viele Besucher wir an einem normalen Sonntagnachmittag in unserer Kirche sehen." Schwester Ruth Lazar ist eine der 28 Ordensfrauen im brandenburgischen Benediktinerinnenkloster Alexanderdorf. Seit Jahren registrieren sie anhaltend viele Gäste aus dem nahen Berlin.

Besonders zahlreich sind sie auch am heutigen Samstag, an dem der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki die neue Äbtissin Bernadette Pruß (48) im Rahmen eines Gottesdienstes feierlich ins Amt einführte. Die gelernte Augenoptikerin ist Nachfolgerin von Ursula Schwalke (73), die nach 13-jähriger Amtszeit altersbedingt zurückgetreten war.

Es sind nur 40 Kilometer vom Brandenburger Tor in das Kloster Sankt Gertrud. Und doch ist Alexanderdorf tiefe Provinz. Die Telefon-Vorwahl ist sechsstellig, das Mobilfunknetz schwach. Das Dorf hat, wie die Nachbarorte, nicht einmal ein eigenes Gemeindekirchlein.

Von einer Diktatur in die nächste

Seit bald 80 Jahren leben, beten und arbeiten in Alexanderdorf die Schwestern, die ihr Leben nach der Regel des heiligen Benedikt von Nursia (um 480-547) ausrichten. Am 15. April 1934 erschall hier erstmals ihr Gotteslob - in politisch und wirtschaftlich schwierigen Zeiten, in einem ehemals verwahrlosten alten Gutshof. Heute befindet sich dort eine der größten klösterlichen Gemeinschaften Ostdeutschlands, wo Katholiken nur eine kleine Minderheit sind.

Porträt einer lächelnden Frau im Habit.
Die Benediktinerinnen der Abtei St. Gertrud in Alexanderdorf haben Schwester Bernadette Pruß zur dritten Äbtissin des Klosters gewählt.
 KNA

In den ersten Jahren hatten die Schwestern kaum genug zum Leben und hungerten, wie die Chronik des Klosters vermerkt. Sie berichtet von Gegnern des Naziregimes auf Durchreise und Besuchen der Geheimen Staatspolizei, kriegsgefangenen Franzosen und Polen, Tieffliegern, Flüchtlingen aus dem Osten, den Russen. Die Benediktinerinnen blieben - trotz Zwangsarbeit und Gefahr. Schließlich überstanden sie auch die DDR. "Pax" steht über dem Portal des Haupthauses. "Friede".

"Wir haben einfach aus dem Glauben an den lebendigen Gott gelebt", erinnern sich die älteren unter den Ordensfrauen an die Jahre der DDR. Das Kloster sei stets "ein Raum der Freiheit, ein Stück Geborgenheit" gewesen, "ohne Spitzel". Als 1989 die Mauer fiel, da ersetzte das Radio in den Zeiten des Umbruchs die traditionelle klösterliche Tischlesung.

Der Osten holt auf

Mit dem historischen Ereignis wurde auch die nie unterbrochene Verbindung ins niedersächsische Dinklage wiederbelebt. Das dortige Benediktinerinnenkloster Sankt Scholastika entstand 1949 als Tochtergründung der Alexanderdorfer Schwestern.

Das jüngere und kleinere Dinklage ist, der West-Lage sei Dank, immer noch bekannter als der Konvent in Alexanderdorf und wird als Klostertipp geschätzt. Doch der Osten holt auf. Das liegt nicht nur an den 25 modernen Gästezimmern, die außer der Hostienbäckerei und der Paramentenarbeit zum Unterhalt des Klosters beitragen. Dazu kommt ein umfangreiches Kursangebot unter anderem mit Ikonenmalerei und meditativem Tanz. Bis zu 6.000 Übernachtungen zählt Kloster Alexanderdorf pro Jahr, dazu viele Tagesgruppen.

Die Mischung aus lateinischem und deutschem Stundengebet, auch der gregorianische Gesang ziehen Gäste an. Zwischen 6 Uhr am Morgen und 19.45 Uhr am Abend kommen die Schwestern - die jüngste 28, die älteste 86 - sechs Mal am Tag zu Gebet und Gesang zusammen. "Allmählich haben die Berliner Katholiken gemerkt, dass sie ein Benediktinerinnen-Kloster vor der Tür haben", freut sich Schwester Ruth.

Von Gregor Krumpholz (KNA)

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