Schaurig schön: kunstvolle Knochenkirchen

Mit Knochen verzierte Kapellen haben lange Tradition und sind überall in Europa zu finden. Sie sind mit Schädelmosaiken, Knochenkronleuchtern oder Gebeingirlanden verziert. Der Materialauswahl lag eine ernste Überlegung zugrunde.

Geschichte | Bonn - 17.07.2017

Meist sind sie aus einfacher Notwendigkeit heraus entstanden: Beinhäuser, die oft auch Knochenkapellen, Ossuarien oder Kerner genannt werden. In diesen Gebäuden, die in der Regel an oder neben Kirchen auf Friedhöfen errichtet wurden, bewahrte man die Knochen Verstorbener auf. An einigen Orten wurde auch die Krypta der Kirche dafür verwendet. Die Exhumierung, Reinigung und Überführung der Gebeine Verstorbener in die Beinhäuser war in vielen Fällen dem Platzmangel auf den Friedhöfen geschuldet. Auf diese Weise wollte man die sterblichen Überreste weiterhin würdig aufbewahren. Diese Praxis lässt sich seit dem 12. Jahrhundert nachweisen. Dabei wurden die Knochen für gewöhnlich ordentlich zu Wänden gestapelt oder auch einfach in die Beinhäuser geschüttet. In einigen Fällen aber entstanden aus den Knochen auch richtige Kunstwerke - längst nicht aus makabrem Antrieb: Vielfach wollten die religiösen Erbauer den Besucher an seine Sterblichkeit erinnern. Katholisch.de hat einige Beispiele aus Europa zusammengetragen.

Einer der berühmtesten mit Knochen verzierten Kirchen in Deutschland ist wohl die "Goldene Kammer" in St. Ursula in Köln: Im Seitenschiff reihen sich in barock verzierten Regalen Reliqiuenbehälter in Form weiblicher Büsten und Schädelreliquiare. Die Wände darüber ziert ein Mosaik aus menschlichen Knochen, in das sogar Fürbitten eingearbeitet wurden, zum Beispiel "S. Ursula pro nobis ora", etwa, also "heilige Ursula, bitte für uns". Der Legende nach sind hier die Gebeine der 11.000 Märtyrerjungfrauen der heiligen Ursula zu finden, die im 4. Jahrhundert nach einer gemeinsamen Romwallfahrt bei Köln von den Hunnen getötet worden sein sollen. Tatsächlich sind es aber die sterblichen Überreste eines römischen Friedhofs, der sich auf dem Gelände der Kirche befand. Die Gebeine wusste man bei der Errichtung der Goldenen Kammer 1643 künstlerisch zu nutzen.

Auch die Schädelkapelle im polnischen Czermna in der Gemeinde Kudowa-Zdrój nahe der tschechischen Grenze ist im Inneren mit Knochen von über 3.000 Menschen verziert; in der Krypta darunter sollen die Gebeine von noch einmal 21.000 Toten liegen. Sie können durch eine Falltür im Boden gesehen werden. Mehr als 18 Jahre haben ein tschechischer Priester und ein örtlicher Totengräber Ende des 18. Jahrhunderts gebraucht, um die Knochen auszugraben, zu säubern und zu arrangieren. Die Überreste sollen von Gefallenen aus dem Dreißigjährigen Krieg und der Schlesischen Kriege stammen, aber auch von Opfern von Pest- und Choleraepidemien und Kämpfen zwischen Katholiken, Protestanten, Hussiten sowie Polen, Tschechen und Deutschen. Laut dem Priester und Erbauer Vaclav Tomasek sollte die Kaplica Czaszek ein "Heiligtum der Stille" sein.

Ebenso kunstvoll gingen Kapuziner in Rom mit den Knochen ihrer verstorbenen Mitbrüder um: Unter der Kirche Santa Maria della Concezione dei Cappuccini wurden im 17. Jahrhundert gleich fünf Räume der Krypta mit den sterblichen Überresten gestaltet. Die Ordensmänner waren hierhin umgezogen und hatten die exhumierten Knochen mitgebracht. Die Dekoration erfolgte systematisch: In einem Raum sind hauptsächlich Schädel, in einem weiteren Becken- und in einem dritten Ober- und Unterschenkelknochen untergebracht. Auch ganze Skelette in Mönchshabit sind zu sehen. Eines an der Decke hält eine Sichel und eine Waage – ebenfalls aus Knochen. Ein Schild in fünf Sprachen erinnert die Besucher an ihre eigene Sterblichkeit: "Was ihr seid, sind wir gewesen, was wir sind, ihr sein."

Die Capella dos Ossos in Faro hat ein Mosaik aus Schädeln und Knochen.
Der Blick zur Decke in der Capella dos Ossos in Faro.
 Richard Villalon/Fotolia.com

Die Karmeliter im portugiesischen Faro haben ähnliches mit ihren verstorbenen Mitbrüdern gemacht: Neben die Kirche Nossa Senhora do Carmo von Anfang des 18. Jahrhunderts bauten sie eine Knochenkapelle. Dabei wurde die Kapelle nicht einfach mit Gebeinen dekoriert. Die Erbauer setzten ein mosaikartiges Muster aus Schädeln und kleineren Knochen direkt in die Wände und die Decke ein. Wer die 1816 eingeweihte und durch die großen Fenster sehr helle "Capella dos Ossos" betritt, liest über der Eingangstür den Spruch "Pára aqui a considerar que a este estado hás-de chegar", was so viel heißt wie "Halte ein und bedenke, dass dieser Zustand kommen wird".

Die kunstvoll bemalten Schädel im Beinhaus der Michaelskapelle
Die kunstvoll bemalten Schädel im Beinhaus der Michaelskapelle sind meist auch mit dem Namen des Verstorbenen beschriftet.
 pigprox/Fotolia.com

Das Beinhaus der Michaelskapelle im österreichischen Hallstadt ist hingegen nicht mit Knochen verziert worden. Wenn ein Grab auf dem Friedhof wiederverwendet wurde, entfernte man die Gebeine und reihte sie im Beinhaus nebeneinander auf. Den Schädel des Verstorbenen jedoch beschriftete und bemalte man, um seine Identität zu bewahren – eine Tradition, die vom 18. bis ins 20. Jahrhundert reichte. Über 600 Schädel sind so zusammengekommen, viele bunt und kunstvoll mit einem Blumenkranz geschmückt, einige nur mit Initialen versehen, und wieder andere gar nicht gekennzeichnet.

Die größte britische Sammlung an Knochen findet sich in der Krypta der Kirche St. Leonard im südenglischen Hythe: Die Überreste von etwa 4.000 Menschen sind dort aufbewahrt – über 1.000 Schädel davon säuberlich auf Regalen aufgereiht. Es gab die verschiedensten Theorien, woher die Verstorbenen kamen: dänische Piraten, die in einer Schlacht gefallen waren, oder Gefallene der Schlacht um Hastings 1066 zum Beispiel. Der derzeitige Konsens ist aber, dass es Bürger aus Hythe waren, die auf dem Friedhof der Kirche bestattet wurden. Ihre Knochen sollen dann im 13. Jahrhundert ausgegraben worden sein, als die Kirche erweitert wurde. Noch heute wird zur Herkunft und zur Todesursache geforscht.

Die Knochenkirche von Kutná Hora

Sicherlich das bekannteste Ossarium ist das der Allerheiligenkirche im tschechischen Kutná Hora östlich von Prag. Aus Platzmangel auf dem Friedhof wurden die Knochen in die kleine Krypta überführt. 1870 beauftragte man František Rint, einen Holzschnitzer aus der Region, die Knochen künstlerisch zu inszenieren. Heraus kam ein makabres Kunstwerk: Rint bleichte die Knochen und formte mit ihnen nicht nur zwei übergroße Kelche, sondern hängte sie auch wie Girlanden an der Decke auf oder legte Schädel barocken Engelsfiguren auf den Schoß. Sogar der Kronleuchter und das detailliert ausgeführte Wappen der Stifterfamilie sind aus menschlichen Überresten gestaltet.

Von Johanna Heckeley

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