"Sehenden Auges in den Notstand"

Gravierende Mängel im deutschen Pflegesystem ermittelte eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI und der Unternehmensberatung Accenture, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach herrsche ein zusätzlicher Bedarf an 371.000 stationären Pflegeplätzen und Investitionen zwischen 54 und 73 Milliarden Euro bis 2030, um die dann mehr als 3,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland versorgen zu können. Die Politik manövriere sich „sehenden Auges in den Notstand“, schrieb das „Handelsblatt“ dazu.

Pflege | Berlin/Hamburg/Freiburg - 02.07.2013

Gravierende Mängel im deutschen Pflegesystem ermittelte eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts RWI und der Unternehmensberatung Accenture, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde. Demnach herrsche ein zusätzlicher Bedarf an 371.000 stationären Pflegeplätzen und Investitionen zwischen 54 und 73 Milliarden Euro bis 2030, um die dann mehr als 3,3 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland versorgen zu können. Die Politik manövriere sich „sehenden Auges in den Notstand“, schrieb das „Handelsblatt“ dazu.

Bis 2020 werden laut Studie zudem 84.000 Fach- und Hilfskräfte fehlen, um die immer größer werdende Zahl pflegebedürftiger Menschen zu betreuen. Bis 2030 sollen es sogar 331.000 Beschäftigte in der ambulanten und stationären Pflege sein, darunter 157.000 Fachkräfte. Auch wenn die Zahl der Beschäftigten in der Pflege im letzten Jahrzehnt bereits stark gewachsen ist - 2011 arbeiteten insgesamt 952.000 Menschen in der stationären und ambulanten Pflege, davon 277.000 Pflegefachkräfte - besteht dennoch ein akuter Mangel an qualifiziertem Personal.

Studie moniert Fehlsteuerungen in der Altenpflege

Die Autoren der Studie monieren zugleich Fehlsteuerungen. So drohe manchen Pflegeeinrichtungen in Norddeutschland und in Teilen Bayerns gar die Insolvenz, weil es zu viele Heime gebe und weil viele der Einrichtungen falsch konzeptioniert seien: Dort würden noch immer Mehrbettzimmer angeboten, die kaum jemand belegen möchte.

Robert Zollitsch, Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
Robert Zollitsch, Freiburger Erzbischof und Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz
 dpa

Die katholische Kirche fordert vor allem von den Krankenkassen mehr Geld für die ambulante Pflege. "Alte, kranke und behinderte Menschen sollen nicht im Minutentakt abgefertigt, sondern möglichst liebevoll gepflegt werden", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch. Sozialstationen und ihre Pflegekräfte brauchten dafür bessere Rahmenbedingungen. Die älter werdende Gesellschaft und der damit erhöhte Bedarf an ambulanter Pflege erfordere ein Umdenken. "Hier müssen sich die Krankenkassen bewegen", sagte der Freiburger Erzbischof. Sie stellten nicht genug Finanzmittel bereit.

Das Ringen mit den Krankenkassen

Die kirchlichen Sozialstationen ringen seit Monaten mit den Krankenkassen um mehr Geld, bislang ohne Ergebnis. Nach Angaben des Caritasverbandes und der Diakonie stehen den stark gestiegenen Anforderungen zu geringe Vergütungen durch die Kassen gegenüber. Der flächendeckenden ambulanten Pflege drohe daher das Aus. "Pflege bedeutet, liebevoll zu sein", sagte Zollitsch. Von den Krankenkassen werde dagegen lediglich das Befolgen ärztlicher Anordnungen finanziert - mit medizinischer Sorgfalt. Dies werde den gestiegenen Ansprüchen der Pflege nicht gerecht.

Es gehe der Kirche und ihren Sozialstationen nicht um Eigennutz, sagte der Erzbischof. Im Vordergrund stehe die gesellschaftliche Aufgabe. "Unser christlicher Liebesdienst bedeutet eben auch, strukturelle Ursachen für soziale Probleme zu bekämpfen und nicht nur einzelnen Menschen zu helfen." Die Caritas als katholische Wohlfahrtsorganisation spiele dabei eine zentrale Rolle.

Wir brauchen mehr Pflegepersonal, weil die Pflegebedürftigen mehr Zeit für Zuwendung brauchen

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück

SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück kündigte unterdessen in der "Rheinischen Post" an, die SPD wolle das Thema Pflege zu einem zentralen Wahlkampfthema machen. "Wir wollen in den kommenden vier Jahren in Deutschland 125.000 zusätzliche, tariflich entlohnte Stellen für Pflegerinnen und Pfleger schaffen", sagte er. Dazu solle der Beitrag zur Pflegeversicherung um 0,5 Prozentpunkte erhöht werden. Er sprach von "erheblichen Defiziten" in der Branche. "Wir brauchen mehr Pflegepersonal, weil die Pflegebedürftigen mehr Zeit für Zuwendung brauchen", erklärte Steinbrück.

Gleichzeitig gehe es darum, ein Berufsbild "Pflege" einzuführen. Alten Menschen solle es ermöglicht werden, so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden zu leben. Dazu sollten zusätzliche Dienstleistungen angeboten werden. "Die schwarzgelbe Bundesregierung hat die Förderung für altersgerechtes Wohnen in Höhe von 100 Millionen Euro gestrichen", fügte der Kanzlerkandidat hinzu. "Wir wollen das rückgängig machen." (mit Material von dpa und KNA)

Von Björn Odendahl

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