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Seht her, liebe Europäer!

In der Kolumne "Franz & Friends" geht es in dieser Woche um die Auszeichnung des Papstes mit dem Karlspreis - eine unbequeme Wahl. Schließlich hält der argentinische Pontifex den Europäern gerne den Spiegel vor.

Kolumne | Bonn - 29.12.2015

Wenn ein argentinischer Späteinwanderer von 79 Jahren, der ständig über Europa klagt, mit dem Aachener Karlspreis ausgezeichnetwird, dann muss es sich um eine interessante Persönlichkeit handeln. Eine, die Hölderlin zitiert, aber zugleich findet, Europa komme ihr vor wie eine unfruchtbare Großmutter. Eine, die auf einen Palast verzichtet, um lieber täglich mit vergleichsweise normalen Menschen verkehren zu können.

Nein, Papst Franziskus ist keine bequeme Wahl. Keiner, der eine gefällige Dankesrede halten würde, nur um sich den Preisgebern dankbar zu zeigen. Die Preiswürdigkeit des Papstes ist gerade seine Sperrigkeit; gerade, dass er nicht gnädig über die Versäumnisse europäischer Politik und europäischer Mentalitäten im 21. Jahrhundert hinwegschaut, indem er bloß die geistesgeschichtlichen Errungenschaften früherer Jahrhunderte bemüht. Papst Franziskus hält den Europäern den Spiegel vor.

In seiner Kirche prangert er Selbstgefälligkeit, Gewohnheitschristentum und Selbstbespiegelung in Ämtern und Strukturen an. Gesellschaftlich kritisiert er Konsumrausch, Verschwendung und Blindheit gegenüber den Bedürftigen. Und auch jene, die seine Reden beklatschen, müssen sich selbst immer neu befragen, ob sie den Maßstäben des Evangeliums genügen. Eine der ersten großen Gesten von Franziskus war wohl gleich die wirkmächtigste: Der Besuch auf der "Flüchtlingsinsel" Lampedusa öffnete – bei den meisten damals wohl eher widerwillig – den Blick für den Kern der christlichen Botschaft. Was bedeutet Nächstenliebe im 21. Jahrhundert? Wegschauen oder nur spenden und dann wegschauen sind nicht gestattet. Wo Johannes Paul II. 1978 programmatisch ausrief: Öffnet eure Herzen für Christus, da rief Franziskus: Öffnet eure Herzen für den Nächsten.

Nur zweieinhalb Jahre später, mitten im "Jahr der Barmherzigkeit", haben sich die Realitäten in Europa verändert. Lampedusa ist inzwischen überall: in Klagenfurt, Cloppenburg und Billerbeck. Der Nächste ist ganz nahe gerückt – und doch brennen vielerorts statt der Herzen die Flüchtlingsunterkünfte. Die einzige Reise von Franziskus nach Europa – mit Ausnahme von einigen Tagesbesuchen – führte Franziskus im November 2014 nach Straßburg, den Sitz der europäischen Institutionen. Man hätte erwarten können, dass der Papst auch dem Straßburger Münster seine Reverenz erweisen würde. Schließlich feierte man dort damals just den 1000. Jahrestag der Grundsteinlegung. Doch Franziskus flog nach nur vier Stunden zurück nach Rom. Auch sein Fernbleiben war von tiefer Symbolik. Es bedeutete: Tote Steine interessieren mich nicht. Das alles hat das Karlspreis-Komitee bei seiner Entscheidung eingepreist. Denn dass Franziskus nach Aachen kommen und dabei etwa den Kaiserdom Karls des Großen bestaunen würde, ist wohl ausgeschlossen.

Hintergrund: Christ & Welt

Diesen Text der Kolumne "Franz & Friends" publiziert katholisch.de mit freundlicher Genehmigung von "Christ & Welt", einer Beilage der Wochenzeitung "Die Zeit". "Christ & Welt" - das sind sechs Seiten, die sich auf Glaube, Geist und Gesellschaft konzentrieren, sechs Seiten mit Debatten, Reportagen und Interviews aus der Welt der Religionen. "Christ & Welt" ist im Jahr 2010 aus der traditionsreichen Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" hervorgegangen.

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Von Alexander Brüggemann

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