"Seit 50 Jahren bei allen Katholikentagen dabei"

Kardinal Karl Lehmann kann sich einen deutschen Katholizismus ohne die Katholikentage nicht vorstellen. Im Interview spricht er über die Vergangenheit und das bevorstehende Treffen in Leipzig.

Katholikentag | Bonn - 24.05.2016

Wie kein anderer hat er in den vergangenen Jahrzehnten die katholische Kirche in Deutschland geprägt: Kardinal Karl Lehmann, langjähriger Bischof von Mainz. Akzente hat er auch auf vielen Katholikentagen gesetzt. Kein Wunder, dass er sich den deutschen Katholizismus ohne diese Veranstaltung nicht vorstellen kann.

Frage: Herr Bischof, wozu braucht die deutsche Kirche den Katholikentag?

Lehmann: Katholikentage rücken, ebenso wie Evangelische Kirchentage, die Kirche als gesellschaftliche Kraft ins Zentrum der täglichen Medien. Gewiss nur für einige Tage. Dass das in regelmäßigen Abständen geschieht, finde ich sehr wichtig. Ich selbst war immer wieder fasziniert von dem, was in den Diskussionen und Gottesdiensten dieser Tage aufgebrochen ist. Ehrlich gesagt, kann ich mir den deutschen Katholizismus gar nicht recht vorstellen ohne die Anstöße, die seit 1848, nun in 100 Katholikentagen, von diesen Treffen ausgegangen sind. Und nicht zuletzt sind Katholikentage auch Momente der Selbstvergewisserung und Bestärkung für die vielen Menschen, die sich haupt- und ehrenamtlich für die Kirche einsetzen, vielleicht auch für Suchende Gelegenheit für erste Begegnungen.

Frage: Sie haben in Ihrer langen Kirchenlaufbahn zahlreiche Katholikentage miterlebt. Wie viele waren es und welcher ist Ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben?

Lehmann: Seit 50 Jahren bin ich bei allen 20 Katholikentagen dabei, bei 19 war ich selber aktiv. Zum ersten Mal bin ich 1966 zum Katholikentag nach Bamberg gekommen. Ich habe damals noch keine aktive Rolle gespielt, sondern bin als Assistent meines Lehrers Karl Rahner hingefahren, der bei der Veranstaltung einen Vortrag hielt. Noch spannender war für mich der folgende Katholikentag, der 1968 in Essen stattfand, denn da habe ich die ersten eigenen Veranstaltungen gehabt. Das Jahr war von kriegerischen Auseinandersetzungen bestimmt gewesen: Vietnam, der Biafra-Bürgerkrieg in Nigeria, der Einmarsch der russischen Truppen in der Tschechoslowakei, der den Prager Frühling beendete – alles Themen, die auch auf dem Katholikentag eine wichtige Rolle spielten. Innerkirchlich gesehen gab es die Auseinandersetzung um die Enzyklika "Humanae Vitae" mit ihren umstrittenen Aussagen zur Empfängnisverhütung. Es gärte. Im Raum stand auch die Frage, ob die deutsche Kirche eine Synode abhalten solle, um sich mit den Folgen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu befassen. In die Vorbereitungsgruppe dieser Synode wurde ich dann ja auch selbst mit Klaus Hemmerle berufen, was ich als große Anerkennung und Vertrauensbeweis für einen jungen Theologen empfand.

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Das Bistum Mainz hat den Abschied seines Bischofs für den 16. Mai angekündigt. Im Interview mit katholisch.de blickt Kardinal Karl Lehmann auf seine Amtszeit zurück.
 katholisch.de

Frage: Was haben Ihnen Katholikentage in Ihrem Amt als Bischof mitgegeben?

Lehmann: Bevor ich Bischof von Mainz wurde, habe ich 19 Jahre lang als Theologe an Universitäten gewirkt. In dieser Zeit war ich auch 14 Jahre lang Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Ich kannte also den "Laienkatholizismus" recht gut und auch viele Personen, die diese Bewegung geprägt haben. Diese Vertrautheit kam mir zu Hilfe, als es darum ging, nun als Bischof auf einem Katholikentag in die Diskussionen mit den Laien und der Gesellschaft einzutreten. Ich habe diese Diskussionen immer als spannend und fruchtbar erlebt und habe es von daher bedauert, dass man manche deutschen Bischöfe regelrecht zu Katholikentagen tragen musste. Wir hatten in Mainz 1998 den Jubiläums-Katholikentag nach 150 Jahren. Der erste 1848 fand auch in Mainz statt.

Frage: Welche besonderen Impulse erwarten Sie sich vom Leipziger Katholikentag?

Kardinal Karl Lehmann: Es ist schon ein Wagnis, mit dieser Veranstaltung in eine Stadt zu gehen, in der 80 Prozent der Menschen keine Christen sind. Andererseits: Wenn den Leuten etwas ganz fremd ist, dann hat man auch eine Chance, denn dann ist auch die Neugier größer. Jedenfalls habe ich dies beim Katholikentag in Dresden 1994 so erlebt. Leipzig ist eine pulsierende Wirtschaftsmetropole, aber auch Kunst- und Kulturstadt, insofern gibt es da sicher Anknüpfungspunkte. Leider verbindet man die Stadt derzeit eher mit den nationalen Parolen der Legida-Bewegung. Und auch wenn dieser Katholikentag nicht dezidiert politisch ausgerichtet ist, wird er sich doch mit der Flüchtlingskrise und mit den Veränderungen auseinandersetzen müssen, die sie für unser Land mit sich bringt. Wir müssen uns fragen, was es bedeutet, seine Heimat zu lieben, ohne sich deshalb gegen andere zu erheben. Vielleicht bietet sich dabei auch die Chance, die etwas in Verruf gegangene Europa-Idee neu zu beleben.

Linktipp: 100tage100menschen.de

Am 25. Mai beginnt in Leipzig der 100. Deutsche Katholikentag. Mit 100 Geschichten über Menschen, die mit diesem Ereignis in Berührung kommen werden, stimmt die Internetseite 100tage100menschen.de darauf ein. Jeden Tag erscheint auf der Seite ein neuer Beitrag. Das Interview mit Kardinal Karl Lehmann ist zuerst auf 100tage100menschen.de erschienen.

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Frage: Sie haben die deutsche Kirche über viele Jahre lang als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz geprägt. Was war für Sie der bewegendste Moment Ihrer Amtszeit?

Lehmann:Das war mit Sicherheit die Wiedervereinigung. Unsere Kirche war ja über Jahrzehnte hinweg in zwei Bischofskonferenzen getrennt, und Begegnungen mit den Amtsbrüdern auf deutschem Boden waren sehr schwierig. Wenn wir uns gesehen haben, dann war das meistens in Rom! Aber so richtig gut kannten wir uns nicht. Erst in den Jahren 1989/90 haben wir uns dann etwas öfter getroffen, so dass langsam Vertrauen wachsen konnte. Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Prozess begleiten und mitgestalten durfte.

Frage: Sie sind kürzlich 80 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass hat der Papst Ihren Rücktritt als Bischof von Mainz angenommen. Freuen Sie sich auf den Ruhestand?

Lehmann: Ich bin jetzt 53 Jahre lang Priester, habe 19 Jahre lang an verschiedenen Hochschulen gearbeitet und war 33 Jahre lang Bischof von Mainz, zudem 21 Jahre Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Das heißt, mein Leben war sehr lange von Terminen geprägt, von denen bekanntlich nicht alle Spaß machen. Ich freue mich, dass das jetzt radikal weniger wird, dass ich mehr Zeit habe. Ich freue mich, den Sonntag mal wieder selbst gestalten zu dürfen. Und ich habe vor, verschiedene Stationen meines Lebens noch einmal aufzusuchen, etwa Orte, an denen ich als Kind gelebt habe, oder auch die Kirche, in der ich meine erste Messe, meine Primiz, feiern durfte. Natürlich muss man darauf achten, dass man sich im Ruhestand nicht zu sehr zurückzieht, sondern den Kontakt zu den Menschen aufrechterhält. Ich werde mich also darum bemühen, werde gewiss auch noch den einen oder anderen Vortrag halten und mich im Bereich der Ökumene engagieren.

Frage: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Kirche?

Lehmann: Ich wünsche mir zuerst, dass die Kirche die Freude am Evangelium nicht verliert und den Mut, die christliche Botschaft auch außerhalb der Kirchenmauern zu verkünden. Ich wünsche mir auch, dass die Kirchenvertreter in Europa enger zusammenarbeiten, innerhalb der katholischen Kirche, aber auch über Konfessionsgrenzen hinweg. Denn Europa ist für mich alternativlos.

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