Sensibles Thema

Gleich zweimal innerhalb weniger Stunden hat sich Papst Franziskus am Mittwoch zum Thema Ehe geäußert. Nun wird mit Blick auf die Familiensynode gerätselt: Welche Haltung hat Franziskus bei brisanten Fragen rund um die Ehe?

Ehe | Bonn - 06.08.2015

Gleich zweimal innerhalb weniger Stunden hat sich Papst Franziskus zum Thema Ehe geäußert. Bei seiner Generalaudienz am Mittwoch sprach er über einen verständnisvollen Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. In einer Botschaft an eine US-amerikanische Laienverbindung für katholische Männer rief er wiederum zur Verteidigung der Ehe auf, berichtet die Vatikanzeitung "Osservatore Romano". Nun wird vor allem mit Blick auf Familiensynode gerätselt: Welche Haltung hat der Papst?

Unterzeichnet ist die Botschaft des Papstes von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, gerichtet ist sie an die "Knights of Columbus" (Kolumbusritter), die zurzeit ihr Jahrestreffen in Philadelphia abhalten. In seinem Brief erklärt Franziskus, dass die Ehe als Bund zwischen Mann und Frau unter Beschuss durch "starke, kulturelle Kräfte" stehe. Katholiken müssten die Ehe als Basis für die Zukunft der ganzen Menschheit verteidigen. Der Ehebund von Mann und Frau entspreche dem biblischen Glauben und dem Naturrecht. Der Einsatz dafür verlange Weisheit und Beharrlichkeit, so der Papst.

Gut möglich, dass sich der Papst mit den "starken, kulturellen Kräften" auf die Gender-Theorie bezog, die er schon bei vorherigen Gelegenheiten kritisiert hatte. So hatte er bei einer früheren Generalaudienz die Frage gestellt, ob die Theorie darauf abziele, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu nivellieren. Die Menschheit riskiere hier, einen Rückschritt zu machen: "Die Verdrängung der Unterschiede ist das Problem, nicht die Lösung", so Franziskus.

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Theorie trifft Praxis: Über zwei Jahre beraten Bischöfe und Laien im Vatikan über die "pastoralen Herausforderungen der Familie". Das ist ein höchst brisantes Thema, bei dem die Vorstellungen der Kirche und die Lebenspraxis ihrer Gläubigen zunehmend auseinanderdriften.

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Es waren also deutliche Worte, die Franziskus in seiner Botschaft an das Laienkomitee gewählt hatte. Ähnlich war dies auch am Vormittag zu beobachten, als er bei seiner 97. Generalaudienz das Thema wiederverheiratete Geschiedene aufgriff. Diese seien "nicht exkommuniziert und dürfen absolut nicht so behandelt werden", betonte er vor tausenden Pilgern. Er forderte einen offenen und verständnisvollen Umgang und verwies auch auf seine Vorgänger im Amt. Schon vor ihm hätten Päpste betont, dass wiederverheiratete Geschiedene immer Teil der Kirche blieben. Zudem dürfe man den jeweiligen Hintergrund einer Trennung nicht außer Acht lassen.

Wiederverheiratete Geschiedene sollen an der Messe teilnehmen

In diesem Zusammenhang zitierte Franziskus Johannes Paul II., der in seinem Apostolischen Schreiben 'Familiaris consortio' betont hatte, dass es einen Unterschied gebe zwischen dem, der eine Trennung erlitten habe, und dem, der sie hervorgerufen hat. "Diese Unterscheidung muss man machen", so der Papst. Auch für die Kinder aus einer neuen Ehe habe die Kirche besondere Verantwortung. "Wie könnten wir diesen Eltern zusprechen, alles zu tun, um ihre Kinder christlich zu erziehen, indem sie ihnen das Beispiel eines überzeugten und praktizierten Glaubens geben, wenn wir sie im Gemeindeleben auf Distanz halten?", fragt er. Wichtig sei, dass die Kinder die Kirche als liebend und offen erlebten.

Das wohl heikelste Thema in diesem Kontext – den nach kirchlichem Recht untersagten Empfang von Eucharistie und Bußsakrament für wiederverheiratete Geschiedene – sparte der Papst allerdings aus. Stattdessen betonte er die Lehre der Kirche: "Die Kirche weiß gut, dass die Zweitehe der Lehre von den Sakramenten widerspricht", sagte er. Sie müsse die Menschen aber mit einem mütterlichen Herzen betrachten, "das immer um das Wohl und die Rettung des Einzelnen bemüht ist". Zudem rief er wiederverheiratete Geschiedene dazu auf, an Messfeiern teilzunehmen.

Kardinal Gerhard Ludwig Müller im Porträt
Kardinal Gerhard Müller ist Präfekt der Glaubenskongregation. Er ist gegen eine Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion und verweist dabei auf das Lehramt der Kirche.
 picture alliance/Stefano Spaziani

Die Aussagen des Papstes haben auch deswegen eine hohe Brisanz, weil zwei kirchliche Großereignisse vor der Tür stehen: Zum einen das Welttreffen katholischer Familien Ende September in Philadelphia, das Franziskus während seiner USA-Reise besuchen wird. Außerdem sind es nur noch wenige Wochen bis die für die gesamte Weltkirche bedeutende Familiensynode im Oktober im Vatikan beginnt. Gerade der Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen wird dort eine große Rolle spielen.

Die Rolle der Barmherzigkeit

Schon seit Langem wird darüber spekuliert, welche Haltung der Papst in dieser brisanten Frage hat. In die Karten hat er sich bisher, auch nach seinen jüngsten Äußerungen, nicht schauen lassen. Bei allem, was er bisher sagte, hat sich Franziskus auf die Lehre der Kirche berufen, ohne jedoch explizit auf deren Unveränderlichkeit zu pochen. Dies hatte beispielsweise Erzbischof Georg Gänswein getan. Das kirchliche Lehramt könne nicht ignoriert werden, sagte er nach Angaben des Internetportals "Vatican Insider". Auch Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Präfekt der Glaubenskommission, hatte sich bereits mehrfach ähnlich zum Thema geäußert.

Als Signal und Impuls für die Synode kann der Beitrag des Papstes dennoch verstanden werden. Schon bei der zurückliegenden Bischofssynode im vergangenen Jahr hatte zu einer "aufrechten, offenen und brüderlichen" Debatte aufgerufen. Einfach will er sich also nicht machen. Und ein Gedanke steht bei Franziskus immer im Vordergrund: Barmherzigkeit. Und die findet sich auch in den zitierten Lehramtspassagen. (mit Material von KNA)

26.08., 10.52 Uhr: Nummer der Generalaudienz von 100 auf 97 korrigiert.

Von Sophia Michalzik

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