Das Leid anderer Menschen mittragen

"Niemand soll alleine trauern": Die Berlinerin Uta Bolze geht zu Menschen, die gerade einen nahen Angehörigen verloren haben - als Notfallseelsorgerin. Es ist eine riesengroße Herausforderung.

Seelsorge | Berlin - 06.10.2017

Was sagt man einem Menschen, der gerade einen Angehörigen verloren hat? Wie tröstet man ihn und wie zeigt man ihm erste vorsichtige Schritte heraus aus dem Grauen? Uta Bolze muss auf diese Fragen Antworten finden – und das immer wieder. Die 45-Jährige ist seit Sommer als ehrenamtliche Notfallseelsorgerin in Berlin tätig und wird zu Menschen gerufen, deren Leben kurz zuvor von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht wurde.

"Meine größte Sorge vor dem ersten Einsatz war: Was mache ich, wenn ich selbst in Tränen ausbrechen muss?", erzählt Bolze im Gespräch mit katholisch.de. Ende Juli war das, sie wurde zu einem Kind gerufen, das seine Mutter leblos auf dem Fußboden liegend gefunden hatte. Polizei und Rettungsdienst waren schnell vor Ort und kümmerten sich um die Mutter. "Doch wer kümmert sich in einer solchen Situation um die Angehörigen, in diesem Fall also um das Kind", fragt Bolze – und gibt mit ihrem Engagement als Notfallseelsorgerin gleich selbst die Antwort.

Notfallseelsorge will "Versorgungslücke" schließen

"Polizei und Ärzte haben bei einem Unfall oder einem Suizid meist gar nicht die Zeit, sich vor Ort um Angehörige oder Freunde des Opfers zu kümmern", betont Bolze, die im Hauptberuf im Ordinariat des Erzbistums Berlin arbeitet und dort für die Stabsstelle "Wo Glauben Raum gewinnt" tätig ist. Die Notfallseelsorge will diese "Versorgungslücke" schließen. "Niemand soll alleine trauen", sagt Bolze und man sieht, dass sie es ernst meint.

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Ein plötzlicher Todesfall reißt Angehörige aus ihrem Alltag. Für Unterstützung in solchen Fällen gibt es rund um die Uhr Angebote. Katholisch.de erläutert die Wichtigkeit der Notfallseelsorge.

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Das Bedürfnis, Menschen nach dem Verlust eines Angehörigen zu unterstützen, habe auch mit ihrer eigenen Biografie zu tun, erzählt die gebürtige Magdeburgerin. Als sie 17 Jahre alt war, starb ihre Mutter – im Kreis der Familie. Das gemeinsame Abschiednehmen und das Gefühl, die Trauer nicht allein bewältigen zu müssen, seien ihr bei allem Schmerz ein großer Trost gewesen. "Gerade in den Großstädten haben viele Menschen heute nicht mehr diesen familiären Halt", sagt Bolze. Umso wichtiger sei, dass es dennoch ein Netz gäbe, das im Umgang mit dem Verlust Hilfe anbieten könne.

Keine Frage: Es gibt leichtere Ehrenämter, zum Beispiel in der Kirchengemeinde oder im Sportverein. Dennoch hat Bolze sich im Frühjahr voller Überzeugung für eine Mitarbeit bei der Notfallseelsorge entschieden. Angesprochen fühlte sie sich von einer Anzeige im Mitarbeitermagazin des Erzbistums. Dort wurde für eine einwöchige Ausbildung zur Notfallseelsorgerin geworben. Nur eine Woche – sehr wenig für eine so fordernde Aufgabe. "Das dachte ich zumindest am Anfang", erzählt Bolze. Ihre Zweifel seien während des Kurses im Städtchen Brück vor den Toren Berlins jedoch schnell zerstreut worden.

Grundkurs "Seelsorge und Krisenintervention in Notfällen"

Der Grundkurs "Seelsorge und Krisenintervention in Notfällen", der zweimal im Jahr vom Erzbistum Berlin und der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz angeboten wird, vermittelt theoretische und praktische Grundlagen für die Arbeit als Notfallseelsorger. Neben der Geschichte der Notfallseelsorge, rechtlichen Grundlagen, Fragen seelsorglicher Kommunikation sowie Handlungsansätzen im Umgang mit Trauer und Krisen geht es in dem Kurs vor allem um die Vorgehensweise bei konkreten Notfällen. "Geübt wird das in Rollenspielen und Fallbeispielen, in denen es zum Beispiel darum geht, eine Todesnachricht zu überbringen sowie Angehörige nach einem Unfall oder einer erfolgslosen Reanimation seelsorglich zu betreuen", erklärt Bolze.

Teil des Kurses sind zudem zwei Praktika: Ein zweitägiges Praktikum auf einer Feuerwache sowie eine mehrtägige Hospitation beim Berliner Krisendienst, einer rund um die Uhr erreichbaren Beratungsstelle für Menschen in Krisensituationen.

Notfallseelsorger sind immer dann im Einsatz, wenn Opfer oder Zeugen schwerer Unglücke und Gewalttaten unmittelbare Hilfe brauchen.
Notfallseelsorger sind immer dann im Einsatz, wenn Opfer oder Zeugen schwerer Unglücke und Gewalttaten unmittelbare Hilfe brauchen.
 picture alliance / dpa / Friso Gentsch

"Ich fühlte mich durch den Kurs und die Praktika gut auf meine Aufgabe vorbereitet", resümiert Bolze. Die Ausbildung entspreche den bundesweiten Standards und ihre Kürze sei auch deshalb kein Problem, weil man viele Herausforderungen, mit denen man in der Notfallseelsorge konfrontiert werde, ohnehin nicht üben könne. "Das Entscheidende ist, dass man als Mensch für einen anderen Menschen da ist. Und diese Kompetenz hat jeder", ist die zweifache Mutter überzeugt.

Seit Sommer wurde Bolze zu fünf Einsätzen gerufen – das klingt wenig, aber wenn sie Bereitschaft hat, muss sie immer damit rechnen, dass irgendwann ihr Handy klingelt. "Ich trage in eine gemeinsame Liste ein, zu welchen Zeiten ich als Notfallseelsorgerin zur Verfügung stehe. Und in diesen Bereitschafts-Phasen kann dann jederzeit – auch nachts und am Wochenende – ein Einsatz kommen", erklärt Bolze. Meist werden die Seelsorger von Feuerwehr, Polizei oder den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) für den Einsatz angefordert. Diese rufen eine zentrale, in den Leitstellen hinterlegte Telefonnummer der Notfallseelsorge an, von dort wird der Einsatz dann an einen dienstbereiten Seelsorger oder Kriseninterventionshelfer in der Nähe des Einsatzortes vergeben.

"Ich fühle mich von Gott getragen"

In der Regel sind die Notfallseelsorger allein im Einsatz. Wie herausfordernd und belastend das sein kann, hat auch Bolze schon erfahren. Einer ihrer ersten Einsätze führte sie zu einer Familie, deren Baby am Plötzlichen Kindstod gestorben war – eine riesengroße Herausforderung. "In solchen Situationen hilft mir, dass ich mich von Gott getragen fühle. Ich bin in guter Verfassung, so dass ich ein Stück des Leides anderer Menschen mittragen kann", beschreibt Bolze ihre Herangehensweise an die Tätigkeit als Seelsorgerin. Sie hoffe, dass sie das geben könne, was ihr Gegenüber in dieser so unendlich schweren Situation brauche.

Doch wie konkret kann man einem trauernden Menschen so kurz nach dem Verlust eines geliebten Angehörigen helfen? Für Uta Bolze geht es vor allem darum, den Betroffenen in einer Ausnahmesituation beizustehen, und dies könne auf ganz unterschiedliche Weise geschehen. "Der seelsorgliche Zugang hängt zum Beispiel davon ab, ob ich zu einem religiösen Menschen gerufen werde oder nicht", sagt Bolze. Mit religiösen Menschen könne man beispielsweise beten oder eine Kerze für den Verstorbenen anzünden. Generell wichtig sei, den Betroffenen zuzuhören: "Viele Hinterbliebene haben vor allem das Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Sie erzählen dann zum Beispiel von dem Verstorbenen und ihrem gemeinsamen Leben und teilen so ihre Erinnerungen", weiß Bolze.

Linktipp

Weitere Informationen zur Notfallseelsorge finden Sie auf der Internetseite der Notfallseelsorge Berlin. Dort wird auch über die nächsten Termine des Grundkurses "Seelsorge und Krisenintervention in Notfällen" informiert.

Zur Internetseite der Notfallseelsorge Berlin

Aber auch ganz praktische Fragen spielen bei der Notfallseelsorge vor Ort eine wichtige Rolle. "Welche Angehörigen müssen noch benachrichtigt werden? Welche Vorbereitungen für die Bestattung können schon getroffen werden? Oder auch: Hat der Hinterbliebene schon etwas gegessen und getrunken?", so Bolze, die damit deutlich macht, dass die Notfallseelsorge eben auch konkrete Lebenshilfe seien kann.

Supervisionen und Gesprächsrunden für die Seelsorger

Nach ihren Einsätzen müssen die ehrenamtlichen Seelsorger nicht allein mit dem Erlebten fertig werden. Regelmäßige Supervisionen und Gesprächsrunden mit anderen Notfallseelsorgern sollen helfen, die belastenden und oftmals extremen Einsatzsituationen zu verarbeiten. Unmittelbar nach den Einsätzen gibt es zudem die Möglichkeit, mit dem Kollegen, von dem man an den Einsatzort geschickt wurde, zu sprechen.

Bei aller psychischen Belastung: Uta Bolze hat ihr ehrenamtliches Engagement für die Notfallseelsorge noch keine Sekunde bereut. "Es ist zwar immer noch eine Herausforderung, in ein fremdes Haus zu kommen, dessen Bewohner gerade einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben. Aber ich spüre, wie wichtig und wertvoll mein Einsatz für diese Menschen ist".

Von Steffen Zimmermann

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