"Sie werden wieder hinunter gehen"

Die Familie von Mehmet Asher hatte großes Glück. Sein Schwager wurde lebend aus dem Unglücksbergwerk im türkischen Soma gerettet. Zehn Stunden lang war er unter Tage gefangen. Viele andere schafften es dagegen nicht: Hunderte Menschenleben hat das schwerste Grubenunglück in der Geschichte der Türkei bislang gefordert.

Türkei | Soma - 16.05.2014

Die Familie von Mehmet Asher hatte großes Glück. Sein Schwager wurde lebend aus dem Unglücksbergwerk im türkischen Soma gerettet. Zehn Stunden lang war er unter Tage gefangen. Viele andere schafften es dagegen nicht: Hunderte Menschenleben hat das schwerste Grubenunglück in der Geschichte der Türkei bislang gefordert.

Die Überlebenden hätten Schlimmes durchgemacht, berichtet Asher, während er vor der Leichenhalle in der Nachbarstadt Kirkagac steht, wo die Toten für die Beisetzung vorbereitet werden. Die Kumpel sahen ihre Freunde und Kollegen sterben. Sie erstickten an giftigen Gasen, waren umgeben von Feuer und Rauch. Den Bergleuten bleibt trotzdem keine Wahl. "Mein Schwager sagt, er muss zurück in die Zeche, denn sie brauchen das Geld", sagt Asher. "Er hat noch zwei Jahre bis zur Pension. Er muss da wieder runter."

Das Leben für eine Handvoll Kohle

Kohle ist in Soma allgegenwärtig. Das wird auch im Krankenhaus der Stadt klar, wo die Überlebenden des Unglücks behandelt werden. Eingraviert auf der Außenwand sind die Worte: "Die Menschen geben ihr ganzes Leben für eine Handvoll Kohle." Daneben sind zwei gekreuzte Spitzhacken zu sehen.

Ein Mann mit Helm und Bergwerksausrüstung schaut traurig ins Leere.
Die Rettungsarbeiten nach dem Grubenunglück von Soma hinterlassen ihre Spuren.
 picture alliance/AA

Die Familien der getöteten Kumpel beginnen am Donnerstag damit, ihre Männer, Väter, Brüder oder Onkel beizusetzen. Den Bewohnern Somas steht eine endlos scheinende Reihe von Begräbnissen bevor.

Jobs gibt es nur im Bergbau

In Soma kann niemand mit Sicherheit sagen, wie viele Menschen noch in der Mine gefangen sind. Die Rettungsarbeiten sind noch in vollem Gang. Teams von Helfern arbeiten rund um die Uhr, um den Familien zumindest die Leichen ihrer Angehörigen für ein ordentliches Begräbnis übergeben zu können. Es ist eine traurige und düstere Aufgabe. Für die Familien ist die Zeit des verzweifelten Hoffens vorbei, nun beginnt die Zeit der Trauer. Die Trostlosigkeit des Lebens der Kumpel und ihrer Familien holt die Menschen immer wieder ein.

Selbst der höchstbezahlte Bergarbeiter verdient umgerechnet nur etwa 440 Euro im Monat. Kaum genug, um eine Familie zu ernähren. Viele machen Schulden, nur um Miete, Stromrechnung und Schulgeld bezahlen zu können. "Im Bergbau gibt es die einzigen Jobs hier in der Gegend", sagt Cenar Karamfil, der auf Lebenszeichen von Freunden wartet. Die Verzweiflung ist ihm ins Gesicht geschrieben.

"Die Männer werden wieder hinunter gehen"

Er habe früher selbst in der Zeche gearbeitet. "Die Arbeitsbedingungen im Bergwerk sind sehr hart. Es ist so heiß, man schwitzt und kann kaum atmen", sagt er. "Aber die Männer werden wieder hinuntergehen. Sie brauchen die Arbeit, denn sie müssen ihre Schulden bezahlen." Karamfil verließ seinerzeit Soma und arbeitet nun als Elektriker in Istanbul. Als er von dem Unglück hörte, kam er sofort zurück nach Hause.

In der Nähe wartet ein Ehepaar ebenfalls auf Neuigkeiten. Der Vater seines besten Freundes sei Bergmann, erzählt der Mann. Freunde und Familie hätten sich verteilt, in der Hoffnung, irgendwo etwas zu erfahren. Sie hoffen immer noch, dass der Vater vielleicht überlebt haben könnte. "Wir haben von niemandem Informationen bekommen. Wir glauben, dass er immer noch da unten ist. Wir warten", sagt er.

Wut auf Erdogan

Seine Frau ist wütend auf die Regierung, vor allem auf Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Dieser hatte gesagt, solche Unglücke seien in Bergwerken üblich. "Ich bin sehr traurig. Wie kann er das nur sagen?" fragt sie. Die Regierung habe in Soma Unsummen für eine neue Veranstaltungshalle ausgegeben. "Warum haben sie das Geld nicht in mehr Sicherheit investiert?" Die Frau redet sich ihre Wut von der Seele: "Die ganze Stadt wird nun leiden. Die Kumpel sind ein wichtiger Teil dieser Stadt und sie nehmen viele Kredite auf. Wer wird nun ihre Schulden abbezahlen? Wer hat noch Geld zum Einkaufen?"

Von Shabtai Gold (dpa)

Beten für die Opfer des Grubenunglücks

Franziskus hat zum Gebet für die Opfer des Grubenunglücks in der Türkei aufgerufen . Auch die katholisch.de-Redaktion hat ein Gebet formuliert. Betet mit uns: Herr, unser Gott, du Freund aller, zu dem Menschen aller Völker und Religionen beten, wir tragen heute unser Gebet für die Opfer des Grubenunglücks in der Türkei vor dich. Wir beten für die, die noch in der Tiefe eingeschlossen sind, für die vielen Todesopfer und deren Angehörige und für die Rettungskräfte, die zu helfen versuchen. Heilige Barbara, du aus der Türkei stammende Patronin der Bergleute, im Vertrauen auf deine Fürsprache bitten wir Gott: Steh den Männern in Soma bei in ihrer Not und Gefahr und stärke uns und alle Menschen in der Todesstunde. Amen.

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