Streit im "deutschen" Rom

Konfliktreich ist die Geschichte der Deutschen in Rom und ihres Campo Santo Teutonico: Im 19. Jahrhundert stritt man über Konfession, Nation und Moderne. Heute gibt es noch immer Konflikte - wenn auch anderer Art.

Vatikan | Rom - 26.11.2017

Alles beginnt mit der "Schola Francorum", die "Schule der Franken", die im Frühmittelalter in der Nähe des Petersdoms bestand: eine Pilgerkolonie mit Kirche und Friedhof. Die deutsche Stiftung "Campo Santo Teutonico" in Rom beruft sich auf diese Wurzeln. In ihrer heutigen Gestalt jedoch geht die Einrichtung maßgeblich auf Anton de Waal (1837-1917) zurück, einen Priester vom Niederrhein, der von 1872 bis 1917 ihr Rektor war. Eine Tagung an seiner Wirkungsstätte widmete sich nun seiner Person und der Geschichte der Deutschen in Rom im 19. Jahrhundert.

Der Campo Santo ist im Wesentlichen ein Friedhof. Unter Palmen und Oleanderbüschen sind dort zahlreiche Deutsche begraben, etwa der 1970 in Rom gestorbene Schriftsteller Stefan Andres. Zum Gelände gehört außerdem eine Anfang des 16. Jahrhunderts geweihte Kirche sowie einige Häuser. Eigentümerin des exklusiven Geländes in unmittelbarer Nähe zu Petersdom und Apostolischem Palast - seit Jahrhunderten Anlaufstelle für deutschsprachige Pilger in Rom - ist die "Erzbruderschaft zur schmerzhaften Muttergottes der Deutschen und Flamen".

Linktipp: Ehrung für einen Helden

Während der deutschen Besatzungszeit in Rom half der irische Priester Hugh O'Flaherty 6.000 Menschen auf der Flucht. Im Mai 2016 wurde am Campo Santo Teutonico eine Gedenktafel für ihn enthüllt.

Zum Artikel

Unter Anton de Waal erhielt sie neue Statuten. De Waal erweiterte die Bauten, die bisher vor allem der Unterbringung von Pilgern und Bedürftigen gedient hatten, und richtete hier ein "wissenschaftliches Priesterkolleg" ein. Auch entstand unter seiner Ägide das Römische Institut der Görres-Gesellschaft, eine Forschungseinrichtung, die unter Historikern und Archäologen bis heute einen hervorragenden Ruf genießt. Jedoch war das Leben der Deutschen in Rom im 19. Jahrhundert alles andere als konfliktfrei. Künstler und Handwerker, Geschäftsleute und Diplomaten und natürlich zahlreiche Kleriker lebten in Rom in einer "deutschen Kolonie". Der Streit begann im Zeitalter des aufkommenden Nationalismus schon bei der Frage, was eigentlich "deutsch" ist.

Der Münchner Historiker Rainald Becker machte in seinem Tagungsbeitrag deutlich, dass der Campo Santo Teutonico mit dem Untergang des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 seinen Bezugspunkt verloren hatte. Die Schutzmacht der Einrichtung waren nun die Kaiser von Österreich. Doch unter Anton de Waal verstand man sich zunehmend "reichsdeutsch", orientierte sich in Richtung des protestantisch geprägten Hohenzollernreichs. Wer aus Österreich-Ungarn stammte, fand sein Zuhause eher im "Collegio Teutonico di Santa Maria dell'Anima" nahe der Piazza Navona.

Protestanten erbauten demonstrativ eine "Lutherkirche"

Konflikte gab es auch mit den Belgiern, wie der Vortrag des Kirchenhistorikers Johan Ickx zeigte. Diese erhoben auch Ansprüche auf den "Friedhof der Deutschen und Flamen", hatten in der Bruderschaft aber nur eingeschränkte Rechte. Und natürlich waren nicht alle Deutsche in Rom Katholiken. Die Protestanten bemühten sich um den Bau einer evangelischen Kirche, die zunächst demonstrativ als "Lutherkirche" geplant war, so berichtete der Karlsruher Kunsthistoriker Jürgen Krüger. Erbaut wurde sie schließlich 1910 bis 1922 als "Christuskirche". Mit den Katholiken hatten sich die deutschen Protestanten in Rom um 1900 vor allem wegen der Frage einer deutschen Schule in den Haaren. Zeitweise gab es in Rom drei deutsche Schulen: eine protestantische, eine katholische und eine "paritätische".

Aufnahme von Grabsteinen auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, dem Campo Santo Teutonico.
Grabsteine auf dem deutschen Friedhof im Vatikan, dem Campo Santo Teutonico, im Schatten des Petersdoms in Rom.
 picture alliance/ZB

Schließlich geriet laut dem Würzburger Kirchenhistoriker Dominik Burkard der Campo Santo in den sogenannten Modernistenstreit, der die Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts erschütterte. Man stritt darum, wie sehr die katholische Theologie sich um einen Anschluss an die moderne, säkulare Wissenschaft bemühen sollte - und de Waal, eigentlich streng konservativ, hatte am Campo Santo auch einige "modernistische" Vertreter beherbergt, etwa den Historiker und Theologen Sebastian Merkle, und setzte sich auch nach ihrer Rom-Zeit für sie ein. Das machte ihn manchen Bischöfen damals verdächtig.

Heute spielen andere Konflikte eine Rolle. Am Rande der Tagung diskutierten die Mitglieder der altehrwürdigen Erzbruderschaft nicht nur über die Geschichte ihrer Einrichtung, sondern über auch deren Zukunft. Man wolle sich wieder stärker auf den karitativen Charakter des Campo Santo konzentrieren, hieß es, und an die Geschichte als Pilger- und Armenhospiz anknüpfen. Dass eine so einmalige Immobilie immer wieder Begehrlichkeiten weckt, ist nicht überraschend. Doch Bruderschaft, Kolleg und Institut legen großen Wert auf ihre Unabhängigkeit.

Von Benjamin Leven (KNA)

RSS-Feeds  |  Impressum  |  Über uns  |  Datenschutz  |  © 2017