Suche nach gemeinsamer Sprache

Am 11. Oktober 2012 startete das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene "Jahr des Glaubens". 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wollte diese Initiative einer "tiefen Glaubenskrise" in Kirche und Gesellschaft entgegenwirken. Im Interview sprach der Frankfurter Religionspädagoge Bernd Trocholepczy vor Beginn des Themenjahres über den Glauben und das Problem seiner Vermittlung in modernen Zeiten.

Dossier: Jahr des Glaubens | - 06.01.2015

Am 11. Oktober 2012 startete das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene "Jahr des Glaubens". 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wollte diese Initiative einer "tiefen Glaubenskrise" in Kirche und Gesellschaft entgegenwirken. Im Interview sprach der Frankfurter Religionspädagoge Bernd Trocholepczy vor Beginn des Themenjahres über den Glauben und das Problem seiner Vermittlung in modernen Zeiten.

Frage: Herr Trocholepczy, Papst Benedikt XVI. hat ein "Jahr des Glaubens" ausgerufen. Für den geneigten Beobachter klingt das so, als würden Architekten ein "Jahr des Bauens" begehen. Glaube ist doch eigentlich integraler Bestandteil der Kirche – oder?

Trocholepczy: Man kann es auch umdrehen und sagen: Gerade weil der Glaube so wichtig ist, braucht es dieses Jahr. Das dazugehörige Schreiben des Papstes trägt den schönen Titel "Porta fidei" – also die "Tür des Glaubens". Das macht deutlich, dass der Zugang zur Kirche nur über den Glauben erfolgen kann. Oder um in Ihrem Bild zu bleiben: Der Glaube ist für die Kirche so grundlegend wie das Fundament für den Architekten.

Frage: Der Papst spricht von einer "tiefen Glaubenskrise" in Kirche und Gesellschaft. Das bezieht sich, so scheint es zumindest, vor allem auf die westliche Welt. Warum fällt es Christen etwa hierzulande so schwer, über ihren Glauben zu sprechen – wo es doch einen großen Bedarf an Spiritualität und Sinnsuche gibt?

Trocholepczy: Ich glaube, dem Papst geht es um die Suche nach einer gemeinsamen Sprache für Glauben und Kirche. Er wird zweifellos die Suche nach Spiritualität und Sinn wahrnehmen – aber das ist eben noch nicht gleichbedeutend mit dem Glauben im eigentlichen Sinne.

Gottesdienstbesucher in Deutschland nach Angaben der Pfarreien und Bistümer.
Gottesdienstbesucher in Deutschland nach Angaben der Pfarreien und Bistümer.
 KNA

Frage: Was halten Sie als Religionspädagoge von dieser Bestandsaufnahme?

Trocholepczy: Sie stellt unsere Zunft vor eine große Herausforderung. Denn es geht ja nicht nur darum, eine gemeinsame Sprache zu finden, sondern sie auch für ihren Adressaten nachvollziehbar zu machen. Sie können Kindern und Jugendlichen schlecht sagen: "Lernt diese Formeln auswendig, und dann passt das schon!" Sie müssen auch Räume dafür schaffen, dass diese Sprache praktiziert werden kann. Wenn Sie Englisch lernen, nützen Ihnen Vokabeln und Grammatik allein ja auch nichts – sie müssen das Erlernte auch anwenden und modifizieren können.

Frage: Das klingt nach einer Menge Hausaufgaben.

Trocholepczy: Wobei ich da nicht nur uns Pädagogen in der Pflicht sehe, sondern ganz ausdrücklich auch die Kirche selbst. Wie lebendig spricht sie über den Glauben? Das ist eine ganz entscheidende Frage.

Frage: Entscheidet sich diese Frage auch über das Internet?

Trocholepczy: Das Internet ist auf alle Fälle ein Raum, in dem sich Kinder und Jugendliche Tag für Tag bewegen. Insofern wäre es ein Fehler, dort nicht präsent zu sein. Es fehlt auch nicht an Katholiken, die im Netz präsent sind. Sie müssten nur den Mut haben, offener über ihren Glauben zu sprechen. Mein Wunsch wäre außerdem, dass Personen, die in der Kirche etwas zu sagen haben, stärker im Netz vertreten sind. Da sind zweifellos schon wichtige Schritte gemacht. Aber wenn ich auf die Muslime in Deutschland schaue, muss ich feststellen: Die sind da ein ganzes Stück weiter.

Das Interview führte Joachim Heinz

Zur Person

Professor Bernd Trocholepczy ist Professor für Religionspädagogik und Mediendidaktik an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main.

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