Symbol einer Katastrophe

Marwa (24) hat ihren Vater im syrischen Bürgerkrieg verloren. Die Familie durfte ihn nicht begraben. Die junge Mutter konnte sich in das jordanische Flüchtlingslager Saatari retten. Es liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Manchmal kann man die Bomben hören, erzählen die Leute.

Flüchtlinge | Amman/Saatari - 04.03.2014

Marwa (24) hat ihren Vater im syrischen Bürgerkrieg verloren. Die Familie durfte ihn nicht begraben. Die junge Mutter konnte sich in das jordanische Flüchtlingslager Saatari retten. Es liegt nur wenige Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt. Manchmal kann man die Bomben hören, erzählen die Leute.

An die 100.000 Menschen leben in Saatari, so viel wie in einer deutschen Großstadt. Es ist eines der größten Flüchtlingslager der Welt und zum Symbol geworden für die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Völkermord in Ruanda vor 20 Jahren. Saatari ist ein Ort, um zu begreifen, wie lange die Gewalt die Menschen in Syrien schon quält - fast drei Jahre.

Jordanien hat etwa 600.000 Menschen aus dem Nachbarland aufgenommen, was fast einem Zehntel der Einwohner entspricht. Das 2012 gegründete Saatari-Lager im Norden Jordaniens ist eine Stadt geworden. Jeden Tag retten sich Hunderte Menschen dorthin. Die Flüchtlinge wohnen in 21.000 weißen Containern, es gibt auch Zelte. Etwa die Hälfte sind Kinder und Jugendliche. Viele haben Angehörige verloren und mussten sich alleine durchschlagen. Manche Kinder wurden als Schmuggler missbraucht.

"Das Finsterste, das man sich vorstellen kann"

"Wir stehen vor einer großen Gefahr: Eine ganze Generation zu verlieren", warnt Unicef-Nothilfe-Koordinator Lucio Melandri. Mehr als eine Million Kinder sind aus Syrien geflohen. Sie sollen einmal mit Schulbildung und ohne angestauten Hass in ihr Land zurückkehren können. Das ist das Ziel der Helfer.

Camp-Manager Kilian Kleinschmidt vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR hat schon viele Krisenherde der Welt kennengelernt, ob Pakistan, Mogadischu oder Bosnien, bald will er nach Haiti ziehen. Syrien, das ist für ihn "ziemlich das Finsterste, was man sich vorstellen kann".

Ein vernängstigstes Mädchen steht vor einem aschgrauen Zelt im Flüchtlingslager und kaut an seinen Fingernägeln.
Hundertausende Menschen sind aus Syrien geflohen und Suchen in den Nachbarländern Schutz vor dem Krieg. So wie dieses Mädchen in Bar Elias, einem Ort in der Bekaa Ebene im Norden des Libanon.
 dpa / picture alliance

Wut und Aggressivität

Der knorrige Deutsche gilt als der "Bürgermeister" von Saatari und als derjenige, der mit neuen Strukturen die Kriminalität im Camp in den Griff bekam. Die Polizei habe sich anfangs nicht reingetraut, erzählt er. "Es gibt noch unwahrscheinlich viel Wut und Aggressivität in der Bevölkerung." Den Flüchtlingen sei klar geworden, dass sie länger bleiben müssten.

Der 51-Jährige hat im Lager gewohnt und ist nicht wie andere Helfer in die Hauptstadt Amman gependelt. Das sei wichtig gewesen, um glaubhaft zu werden. Seine Devise: "Null Toleranz gegenüber Gewalt und Drogen". Wenn jetzt Kinder mit Steinen schmeißen, wird das nicht mehr geduldet, wie Kleinschmidt erzählt. Die Flüchtlinge sind für ihn keine Engel, sondern Menschen, denen man wieder auf die Beine helfen sollte.

"Das Leben hier ist so schwer"

Und das scheint zu passieren. Das Camp wirkt geordnet, es gibt eine Einkaufsstraße mit kleinen Läden (Spitzname: "Champs-Elysees"), Schulen und Jugendzentren, wo die Kinder Fußball spielen. Kleinschmidt spricht vom "innovativsten Lager der Welt" und von Projekten, bei denen Saatari mit der Stadt Amsterdam oder dem Internetriesen Google zusammenarbeite. Bald soll ein Transportsystem ausgeschrieben werden. Kürzlich hatte Kleinschmidt im Lager ein Erfolgserlebnis: "Es hat mich kein einziger Mensch angesprochen mit Beschwerden."

Aber ein karger Container mitten in der Wüste bleibt ein trauriges Zuhause. "Das Leben hier ist so schwer", sagt die fünffache Mutter Rana (33). "Ich möchte nach Hause", sagt ihr Mann Thaer (43). Ein paar Straßen in der Container-Stadt entfernt kümmern sich die Helfer um die nächste Generation: Die zwei kleinen Kinder von Marwa bekommen eine Schluckimpfung gegen Polio.

Von Caroline Bock (dpa)

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