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"Tendenz zur Polarisierung"

Am Donnerstag hat die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre fünfte Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft vorgestellt. Die Studie zeigt zwei Trends auf: einerseits den, dass der Glaubens- und Mitgliederverlust nicht aufzuhalten ist, andererseits eine "Tendenz zur Polarisierung" unter den Protestanten.

Evangelische Kirche | Bonn/Berlin - 06.03.2014

Am Donnerstag hat die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ihre fünfte Erhebung zur Kirchenmitgliedschaft vorgestellt. Die Studie zeigt zwei Trends auf: einerseits den, dass der Glaubens- und Mitgliederverlust nicht aufzuhalten ist, andererseits eine "Tendenz zur Polarisierung" unter den Protestanten.

So steigt seit 1992 sowohl die Zahl derer, die sich "überhaupt nicht" mit der Kirche verbunden fühlen (von 27 Prozent auf 32 Prozent), als auch der Anteil derer, die sich "ziemlich" oder "sehr" verbunden fühlen (von 40 auf 43 Prozent). Die Mittelposition ist mit 25 Prozent dagegen auf dem niedrigsten Stand seit 20 Jahren.

"Auf der einen Seite wird Kirchenmitgliedschaft bei den Hochverbundenen inhaltlich klar begründet", sagt Volker Jung, Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Traditionelle theologische Verortungen würden erwartet und geteilt und mit einer hohen Bereitschaft zu ehrenamtlichem Engagement verbunden. Die Hochverbundenen – immerhin rund 13 Prozent der Befragten – zeichnen sich laut Studie durch häufige Gottesdienstbesuche, persönlichen Kontakt zum Pfarrer und aktive Beteiligung am kirchlichen Leben aus.

Auf der anderen Seite aber, so der Kirchenpräsident weiter, sei "Kirchenferne" weniger von kontroverser Auseinandersetzung oder Abgrenzung geprägt, sondern von nahezu vollständiger Gleichgültigkeit. "Mitglied der Kirche zu sein das wird über alle Altersgruppen hinweg zunehmend zur Frage eines klaren Ja oder Nein", so Jung. Laut Studie sei das vor allem auf die "abnehmende Breitenwirkung der religiösen Sozialisation" zurückzuführen. Es würden sowohl religiöse Erfahrungen als auch religiöses Wissen fehlen, was dazu führen könne, "dass vielen - gerade jüngeren - Menschen ein Leben ohne Religion als selbstverständlich erscheint".

Sozialisation für die Konfessionslosigkeit von zentraler Bedeutung

Während von den Protestanten ab 60 Jahren nach eigenen Angaben etwa 83 Prozent religiös erzogen wurden, sind es von den Kirchenmitgliedern unter 30 Jahren nur noch 55 Prozent. Unabhängig vom Lebensalter der Befragten erscheine die jeweilige Herkunftsfamilie als der zentrale Ort, an dem religiöse Sozialisation wirksam stattfindet. Die Sozialisation ist laut Studie auch für die Konfessionslosigkeit von zentraler Bedeutung. Von den konfessionslosen Ostdeutschen geben 12 Prozent, von den Westdeutschen 28 Prozent an, religiös erzogen worden zu sein. Bei den Kirchenmitgliedern sind es dagegen 71 Prozent.

Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider
Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider
 dpa

"Zum einen ist nüchtern zu konstatieren, dass eine zunehmende Indifferenz bei Kirchenmitgliedern in vielen Hinsichten zu Abschmelzungsprozessen führt", sagte auch EKD-Ratspräsident Nikolaus Schneider. Zum anderen zeige die Studie das vielfältige Engagement von Kirchenmitgliedern und damit eine Reihe von Potenzialen, die für künftige Entwicklungen der Kirche fruchtbar sein könnten. Laut Studie beteiligt sich immerhin ein Fünftel der Kirchenmitglieder aktiv an kirchlichen und religiösen Gruppen. Darüber hinaus engagieren diese Personen sich häufiger als Konfessionslose in nichtkirchlichen Gruppen und Vereinen.

Evangelischen Kirche trage in "mehrfacher Weise" zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei

"Weite Kreise des ehrenamtlichen Engagements in Politik und Kultur, in Gesundheit und Parteien sind sozusagen protestantisch geprägt", erläuterte der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. In diesem Sinne trage die Mitgliedschaft in der evangelischen Kirche in "mehrfacher Weise" zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei. Personen, die sich religiös engagierten, seien auch in anderer Hinsicht besonders aktiv im Ehrenamt.

Die Mehrheit der Befragten steht zudem der gesellschaftlichen Pluralität aufgeschlossen gegenüber. Die Forderung, dass alle religiösen Gruppen gleiche Rechte haben sollten, erfährt bei den Kirchenmitgliedern aber eine höhere Zustimmung als bei den Konfessionslosen. Der Leiter des Institutes für Soziologie der Universität Münster, Detlef Pollack, unterstrich in einer ersten Analyse der Ergebnisse, dass die "wachsende religiös-kulturelle Pluralisierung" die evangelischen Christen herausfordere, ihre eigene religiöse Identität zu stärken, aber gleichzeitig anderen religiösen Gemeinschaften gegenüber tolerant zu sein.

Für die Erhebung über Kirchenmitgliedschaft hat die EKD 3.027 Menschen ab 14 Jahren befragt. Von ihnen gehören 2.016 einer evangelischen Landeskirche an, 565 sind ehemalige Kirchenmitglieder und 446 gehörten noch nie einer Religionsgemeinschaft an. Die Erhebung beschäftigt sich mit der Einstellung zur Kirche, der religiösen Prägung und den Tendenzen der Mitgliederentwicklung. Sie findet seit 1972 alle 10 Jahre mit unterschiedlichen Schwerpunkten statt.

Von Björn Odendahl

Die EKD-Erhebung über Kirchenmitgliedschaft mit dem Titel "Engagement und Indifferenz. Kirchenmitgliedschaft als soziale Praxis" finden Sie hier.

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