Theologe: Wir predigen manchmal zu wenig über Gott

Sind die Predigten heute zu politisch? Kommt Gott darin zu kurz? Ganz von der Hand zu weisen sei das nicht, findet der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes. Das ist seine Empfehlung für Prediger.

Kirche | Bonn - 17.04.2018

Pfarrer sprechen in ihren Predigten nach Ansicht eines führenden Repräsentanten der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) manchmal "vielleicht ein bisschen zu wenig über Gott". Den zunehmenden Eindruck, "dass Transzendenz in Predigten mitunter einen Tick zu kurz kommt, müssen wir jedenfalls kritisch reflektieren und nicht nur abwehren", sagte der Vizepräsident des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach, in einem Interview des Evangelischen Pressedienstes (epd). Die jüngste Kritik an politischen Predigten könne er "im Prinzip nachvollziehen", so Gundlach. Er persönlich empfehle "eine gewisse Zurückhaltung". Es müsse nicht jede Predigt politisch sein.

Aufgabe eines Predigers sei es, "den Himmel auf Erden zu holen und nicht die Erde sozusagen zu verhimmlischen und politische Positionen mit Noten des Himmels zu versehen", erklärte Gundlach. Zugleich wandte er sich gegen Verallgemeinerungen. Man dürfe den Pfarrern nicht pauschal Unrecht tun. "Alle, die auf die Kanzel treten, bemühen sich sicher auf ihre Weise, angemessen von Gott und dem Himmel zu reden.

Der Chefredakteur der Tageszeitung "Die Welt", Ulf Poschardt, hatte nach Weihnachten kritisiert, dass in Predigten zu viel von Politik und zu wenig von Gott die Rede sei und damit eine Debatte ausgelöst.

Weiter sagte Gundlach in dem Interview, eine gute Predigt zeichne aus, "dass sie von Gott redet, vom Glauben redet, vom Menschen in seiner Verantwortung vor Gott, aber auch in seiner Freundschaft zu Gott redet, indem sie ihn mit grundsätzlichen Fragen konfrontiert, die über den Tag hinausweisen. Manchmal muss das dann auch politisch werden." Es gebe jedoch so viele Themen, die mit dem christlichen Leben in der Welt zu tun hätten und über die man vor Gott nachdenken sollte, "dass ich Politik am Sonntagmorgen auch manchmal ein bisschen uninteressant finde".

"Wo es menschenfeindlich wird, muss Kirche Position beziehen"

In einer Zeit, in der Verunsicherung und Hysterie zunähmen, gerieten die Kirche und ihre Prediger besonders ins Blickfeld, so der evangelische Theologe. Denn Predigten stünden immer auch unter der Erwartung: "Jetzt wird gesagt, wie es geht." In einer derart aufgeheizten Situation sollte Kirche "zur Versachlichung überhitzter Auseinandersetzungen beitragen", forderte Gundlach. Sie müsse nicht auch noch von  sich aus "das Tremolo verstärken". "Das schließt nicht aus, Grenzen zu ziehen. Wo es menschenfeindlich wird, muss Kirche Position beziehen."

Zugleich betonte der Theologe, wer das Evangelium verkünde, sei automatisch immer auch politischer Mensch. "Das kann man gar nicht vermeiden. Und jeder, der im Gottesdienst sitzt und eine Predigt hört, hört auch immer das Panorama der politischen Optionen mit, die aktuell diskutiert werden, nicht zuletzt seine eigene." Prediger würden daher immer auch parteilich verstanden.

Gundlach ist einer der drei theologischen Vizepräsidenten des Kirchenamtes der EKD in Hannover. Er leitet die Hauptabteilung "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung" und darin das Referat "Theologische Grundsatzfragen". (tja)

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