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Unbeirrte Helfer

Frauen werden sexuell belästigt - in Verdacht geraten auch Asylbewerber. In Berlin erfindet ein Flüchtlingshelfer ein folgenschweres Gerücht. Wie gehen die vielen Helfer, die sich seit Monaten einsetzen, mit diesen Vorfällen um? Ein Rundruf unter Experten.

Flüchtlinge | Bonn - 01.02.2016

Es war vor einem Monat, als sich Fassungslosigkeit und Empörung breitmachten: über die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht, über erste Meldungen zu einem Verdacht, von dem manche meinen, man dürfe ihn nicht zu laut sagen. Andere wiederum melden sich umso deutlicher zu Wort - unter den mutmaßlichen Tätern, die in Köln und in anderen Städten Frauen umzingelt, bedrängt und bestohlen haben sollen, sind laut Polizei auch Asylbewerber.

Und dann noch dies: Kürzlich setzte ein Helfer in Berlin die falsche Nachricht in die Welt, dass ein kranker Flüchtling in der Hauptstadt gestorben sei - nach tagelangem Warten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. Sowohl nach den Übergriffen an Silvester als auch nach der erfundenen Information aus Berlin bleiben Rätsel.

Persönliche Beziehungen im Vordergrund

Wie ergeht es nun den haupt- und ehrenamtlichen Helfern, die zum Teil seit Monaten Asylbewerber versorgen, für sie Behördenpost übersetzen und ihnen Deutsch beibringen? Um mögliche Folgen nach dem Berliner Fall abzuschätzen, sei es noch zu früh, heißt es vielfach. Kirchliche Organisationen wie Caritas und Diakonie erklären, dass auch einen Monat nach Köln die Hilfsbereitschaft aus diesem Grund wohl nicht abgenommen habe.

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Rainer Kardinal Woelki zu den Vorfällen in Köln  katholisch.de

"Einen Rückzug von Helfern habe ich nicht wahrgenommen", sagt Susanne Rabe-Rahman, die bei der Caritas der Domstadt für den Bereich Integration verantwortlich ist. Ähnlich äußert sich die Sprecherin des Deutschen Caritasverbandes, Claudia Beck: "Die Bereitschaft zum Engagement ist sehr hoch." Vor Ort kennten sich Asylbewerber und Helfer, die persönlichen Beziehungen stünden im Vordergrund.

Rabe-Rahman erklärt, dass Hochschulangehörige aus einschlägigen Fachrichtungen um Rat zum Umgang mit Flüchtlingen gebeten hätten. "Ich rate generell zu Gelassenheit." Zugleich müssten gerade junge Frauen, die Flüchtlingen helfen wollten, gut unterstützt werden. Die Abteilungsleiterin für Migration bei den Malteser Werken, Bettina Höfer, sagt: "Was natürlich klar ist, man ist sensibilisiert."

Thema Flüchtlinge bei Telefonseelsorge nicht präsent

Helfer und Asylbewerber hätten über die sexuellen Übergriffe und die Diebstähle in Köln und anderen Städten diskutiert, sagt Rabe-Rahman. Manche Männer hätten sich beschämt gezeigt. Zum Teil hätten auch Flüchtlinge darauf hingewiesen, dass sie Menschen kennen würden, die an Diebstählen beteiligt gewesen seien - was zu Anzeigen geführt habe.

Und die belästigten Frauen? Nach den Silvesterübergriffen habe sich kaum jemand an die Katholische Telefonseelsorge in Köln gewandt, sagt Leiterin Annelie Bracke. "Das hat mich zunächst gewundert." Zeitnah habe es allerdings viele professionelle Spezialangebote für Betroffene gegeben. Insgesamt sei das Thema Flüchtlinge in den Beratungen nicht sehr präsent - vermutlich, weil es dafür ohnehin viele Gesprächspartner gebe.

"Ich habe niemanden getroffen, der sagt, dass er sein Engagement zurückfahren will", sagt Dietrich Eckeberg, zuständiger Referent bei der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe. Die Mehrheit der Helfer denke differenziert. "Wer Begegnungen hat, kriegt Dankbarkeit mit." Allgemein stellt Eckeberg fest: "Wir haben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Flüchtlingsaufnahmekrise."

Grundwissen zum Asyl- und Aufenthaltsrecht

Der Experte betont, dass die Bereitschaft der Helfer unterstützt werden müsse. So sollten Behörden oder Sozialverbände Grundwissen zum Asyl- und Aufenthaltsrecht vermitteln: "Die Wut auf nicht verstandene Strukturen wächst." Denkbar sei zudem, Fahrtkosten zu erstatten und Versicherungen abzuschließen.

Dass auch Helfer manchmal Hilfe brauchen, ist nicht neu. Der Sprecher der Bundespsychotherapeutenkammer, Kay Funke-Kaiser, lenkt den Blick auf die Fachkräfte: "In Unterstützerkreisen von Notunterkünften finden sich schon häufig Psychotherapeuten, die nicht nur Hilfe für Flüchtlinge anbieten, sondern auch für die Helfer."

Von Leticia Witte (KNA)

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